TERZA VISIONE - 4. Festival des italienischen Genrefilms

Terza Visione, das bedeutete bislang immer einen überfüllten und überhitzen Kinosaal, in dem in familiärer und vertrauter Atmosphäre bekannte und neu zu entdeckende Höhepunkte italienischer Filmkunst ihrer Entdeckung auf 35mm harrten. Nach drei Veranstaltungen im Nürnberger Komm-Kino nun aus Platzgründen erstmals im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt, und die Spannung war groß was hier geboten wird. Das Programm verhieß im Vorfeld auf jeden Fall schon mal einiges, und die Erweiterung auf einen vierten Abend klang ja auch nicht schlecht.

 

Eines vorweg: Zumindest am ersten Abend gab es auch die bekannte Hitzeschlacht, da die Klimaanlage zu niedrig eingestellt und nicht auf solche Besuchermassen eingerichtet war. Offensichtlich gehört die Hitze einfach zu einem Festival italienischer Filme wie eine behaarte Männerbrust zu Maurizio Merli. (Was zu dem Gedanken führt, dass man sich vielleicht intensiver mit grönländischer Filmkunst beschäftigen sollte ...) Und auch einige Zuschauer mussten am Eröffnungsabend an der Abendkasse leider wieder abgewiesen werden. Was bedeutet, dass Filme abseits vom Mainstream beliebter ist als man denkt …

Das Museum selber ist groß und luftig, und bietet einen angenehmen, wenngleich auch etwas unpersönlichen Rahmen für solch ein Event. Das Café ist nicht ungemütlich und gut sortiert, der Museumsshop hat eine erschreckend reichhaltige Auswahl an bibliophiler und filmischer Auswahl, und insgesamt macht das Ambiente einen kühlen aber ordentlichen Eindruck. Das Kino selber ist gemütlich, wenngleich ich mit meinen 175 cm und 85 Kilo wenig Beinfreiheit und noch weniger seitliche Bewegungsmöglichkeiten hatte. Wie mag das für kräftigere oder gar größere Menschen sein? Andreas von Italo-Cinema hat mit seinem George Eastman-Gardemaß auf jeden Fall immer nur am Rand sitzen können …

 

In den letzten Jahren italienischer Filmfestivals haben sich Freundschaften und gute Bekanntschaften entwickelt, und es war schön die vertrauten Gesichter auch dieses Mal wieder zu sehen. Gemeinsam essen gehen, über Filme quatschen, sich zusammen wohl fühlen – ein wesentlicher Bestandteil eines Festivals, und Terza Visione macht da keine Ausnahme. Aber irgendwann mussten dann auch die intensivsten Diskussionen enden, denn nach den einleitenden Worten von Mitveranstalter Andreas Beilharz begann bereits einer DER Höhepunkte der gesamten Veranstaltung: GEFAHR: DIABOLIK von Mario Bava, von 35mm, und in einer Qualität wie soeben aus dem Kopierwerk gekommen. Frische Farben, keine Risse, kein Knistern und Rauschen, und der einzige Unterschied zu einer Blu-ray waren die leicht holprigen Aktübergänge. Der Film? Mmh, wie sag ich es, ohne alle Superlative gleich zu Beginn zu verschießen? Bunt, schrill, witzig, abgefahren, anarchistisch, erotisch, psychedelisch, … Diabolik (John Phillip Law) ist der Supergangster, der dem Staat das Geld stiehlt wo er nur kann, und sich mit seiner Gespielin Eva (hinreißend und sexy wie nie: Marisa Mell) damit in seinem unterirdischen Zufluchtsort ein Leben in Luxus gönnt. Doch er ist so erfolgreich, dass die Unterwelt in Form von Adolfo Celi (“Die Stadt San Francisco hat Sie aus dem Ärzteregister gestrichen. Ich sorge dafür, dass Sie aus dem Menschenregister gestrichen werden!“) ihre Geschäfte beeinträchtigt sieht und mit Inspektor Ginco (Michel Piccoli) zusammenarbeitet. Und da der Film nach einer Comicvorlage gestaltet wurde, ist das alles eingebettet in knallig-bunte und abgedreht-futuristische Settings, garniert mit allem was die Pop-Kultur des Jahres 1967 so hergab, und über allem liegt ganz klar die optische Handschrift des Meisters Mario Bava. Ein Riesenvergnügen, und im Nachhinein mein persönlicher Höhepunkt des gesamten Wochenendes!!

 

Sven Safarow von den Eskalierenden Träumen leitete dann weiter (“Ich brauche euch nicht zu erklären was ein Giallo ist, und auch nicht wer Lucio Fulci war. Das kann man auch googeln …“) zum nächsten Höhepunkt, der Deutschlandpremiere von UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA. Die Kopie war sehr gut erhalten, sehr sehr selten, und an dieser Stelle geht noch mal ein ganz großer Dank an die Cinémathèque Suisse, welche unter anderem die Kopien der beiden Donnerstags-Filme zur Verfügung stellte. Für alle Filmliebhaber ein echtes Erlebnis! UNA LUCERTOLA also: Florinda Bolkan macht Liebe mit Anita Strindberg, letztere wird ermordet, erstere träumt den Mord, und keiner glaubt ihr so recht dass sie den Mord nicht begangen hat. Jeder möchte ihr nun einreden dass sie einen an der Klatsche hat, nur der pfeifende Kommissar Stanley Baker hat da so seine Zweifel. Erinnert im Inhalt erstmal an den ein Jahr später entstandenen DIE FARBEN DER NACHT von Sergio Martino, ist aber vollkommen anders aufgebaut. Der psychedelische Beginn mit der starken Szene, wenn in einem Splitscreen das geile Sexleben der Anita und das dröge Amtischsitzenundschweigen der Familie Bolkan nebeneinander gestellt werden, die wilden Sexszenen (und in der gezeigten Version gibt Frau Strindberg wirklich absolut ALLES!), die Träume die an schlechte LSD-Trips erinnern, das alles zieht den Zuschauer in einen Strudel aus Drogen, Sex und Gewalt. Interessant, dass dann im Lauf der Geschichte die Bilder immer konventioneller werden, und die Wildheit sich peu a peu verabschiedet (bis auf die Verfolgungsjagd im Palast, die auf geniale Weise eine Hommage an Hitchcock mit psychedelischen Zooms und nervenzerfetzender Spannung verbindet) Das Ende kommt sogar recht zahm daher, dabei aber nicht minder spannend. Vielleicht, wenn Agatha Christie mit Drogen experimentiert hätte, vielleicht wäre dann so etwas dabei heraus gekommen. Spannend, interessant, … Anders! Leider machte die Technik dem Vergnügen einen Strich durch die Rechnung: Während einer dicht inszenierten Verfolgungsjagd fiel die Tonanlage aus und die Wiedereinrichtung dauerte 20 bis 30 Minuten, in denen auch gewahr wurde, dass die Klimaanlage, ich erwähnte es bereits, heiße südkalabrische Luft in den Raum schaufelte (zumindest vom Gefühl her, vielleicht war es ja auch heiße sizilianische Luft). Einige Zuschauer gaben in dieser Zwangspause auf und gingen, die bleibenden Zuschauer waren sich hinterher einige dass die Pause dem Film nicht wirklich gut getan hat. Trotzdem ein starker Film und eine starke Erfahrung den mal auf 35mm gesehen zu haben.

 

Irgendwann war es dann Samstag Morgen, der zweite Tag des Festivals war vorbei, und ich versuche im Nachhinein die Eindrücke zu sortieren. Da gab es einen Peplum, BLUTGERICHT, und da sind halt Dinge passiert die in Peplums so passieren. Knackige Männer in Bettlaken reiten dauergrinsend durch die antike Welt und retten mal eben die damals bekannte Menschheit. Man(n) rottet sich zu siebt zusammen um den pösen Tyrannen zu stürzen, die Holde aus den Griffeln eines bekannten Bösewichts zu retten oder einfach beim heiteren Raufen und Schwerteraneinanderschlagen Spaß zu haben und gemeinsam zu lachen. BLUTGERICHT ist ein typischer Peplum, und das einzige was ihn auszeichnet ist der geschlechterverbindende Schluss: Wenn nämlich die muskulösen Helden am Ende im Schlamm rangeln und sich benehmen als ob sie sich auf der Reeperbahn befinden, dann hat auch die Damenwelt im Publikum ihre Freude. Schlammcatchen belendenschurzter Männer als Höhepunkt einer Freitagmittag-Vorführung, der Rest ist unterhaltsam, aber eher unerwähnenswert.

 

Dann gab es (als Deutschlandpremiere) ein Melodram, WER OHNE SÜNDE IST …, und da sind dann halt Dinge passiert die in Melodramen so passieren. “Alles was einer italienischen Familie so zustossen kann“, wie Christoph Draxtra in seiner Einleitung resümierte. Frau liebt Mann, Mann liebt Frau, beide sind arm, also verlässt Mann das schöne Aostatal und geht nach Kanada, Geld verdienen. Sie machen eine Fernheirat (ein sehr humoriger Moment, wenn in der Heimat ein Hutzelmännchen den eigentlichen Bräutigam vertritt, und dessen Frau ihm erklärt dass seine Aufgabe nach der Trauung aber gefälligst beendet sei), aber ach, durch widrige Umstände und missgünstige Menschen landet die Frau im Gefängnis, weil sie das Kind ihrer kleinen Schwester an der Kirchenpforte in die Kinderklappe geworfen hat. Der Mann erfährt, dass er eine Knastjule geheiratet hat, und reicht die Scheidung ein. Na ja, da passiert schon noch einiges mehr, und der Film geht ausgesprochen zu Herzen und ist wunderschön fotografiert und macht wirklich Vergnügen. Muss man halt mögen, und für zu Herzen gehende Tränendrücker sollte man und frau was übrig haben. Seltsamerweise war das Kino recht voll, was ich überhaupt nicht erwartet hätte. In diesen aktuellen Zeiten sind wohl gefühlvolle Geschichten wieder angesagt, was ja durchaus für die Menschheit spricht. Auf jeden Fall kam der Film gut an, und wer mehr über den Regisseur Raffaello Matarazzo erfahren will sollte hier auf den Seiten von Italo-Cinema nach DAS SCHIFF DER VERLORENEN FRAUEN oder DAS REISMÄDCHEN schauen. Hochgradig lohnenswert, und mit Heulgarantie!

 

Nach einer großzügig gestalteten Pause und einer äußerst gelungenen und humorigen Videoeinführung von Christoph Huber passierte dann allerdings etwas Unerwartetes. Das Licht im Kino ging aus, ein Mann krabbelte aus einem Kanalschacht, Musik begann, und was dann kam war ein absolut verstörendes und eigentümliches Werk, das so wahrscheinlich niemand so erwartet hat: ARCANA von Giulio Questi, übrigens wieder eine Deutschlandpremiere. TÖTE, DJANGO war ja schon gänzlich anders als andere Western, und auch DIE FALLE deckt sich nicht im Geringsten mit den herkömmlichen Vorstellungen der Begriffe Giallo oder Krimi. ARCANA aber ist vollkommen anders als alles was ich bisher gesehen habe, das Spätwerk von David Lynch explizit ausgenommen. ARCANA ist groß. Dunkel. Wild. Leidenschaftlich. Böse. Intensiv. Komisch. Fremdartig. Ungewöhnlich. Und vor allem vollkommen anders. ARCANA hat die schwächeren Eindrücke der vorhergehenden Filme fortgewischt und durch etwas Neues und Komplexes ersetzt, was sich einer direkten Einordnung widersetzt und erst einmal verarbeitet werden muss. Entsprechend war der Applaus nach der Vorführung eher verhalten, zu andersartig waren die Bilder und das Zusammenspiel mit der hervorragenden Musik, zu komplex war das Geschehen auf der Leinwand, als dass frenetischer Applaus hätte erwartet werden können. Ein junger Mann lebt mit seiner Mutter in einer Hochhaussiedung in Mailand. Sie betätigt sich als Hellseherin, während der Sohn seine tatsächlich vorhandenen übersinnlichen Fähigkeiten einsetzt um … andere Dinge zu tun. Und das ganze nicht linear erzählt, sondern geradezu assoziativ, non-linear, mit der Verwendung alternativer Möglichkeiten. MULHOLLAND DRIVE goes Italy, damit man sich eine ungefähre Vorstellung machen kann.

Zum Film könnte ich jetzt einiges schreiben, aber das würde den Rahmen einer Festival-Rückschau sprengen. Ich möchte mich mit ARCANA beschäftigen, und werde das auf diesen Seiten auch tun, hier und in Kürze sei nur gesagt, dass ARCANA alle im Publikum sehr beschäftigt hat, polarisiert hat, und für Gesprächsstoff gesorgt hat. David Lynch trifft auf die Commedia all’Italiana …

 

Mir persönlich hat die Bilderflut von ARCANA sehr zugesetzt, und ich hatte keine Lust mir diese Eindrücke durch einen Mondofilm zerstören zu lassen, in dem nackte Frauen ihre Brüste schwingen und Piero Umilianis Musik die Sinne betört (oder umgekehrt). Darum habe ich SCHWEDEN - HÖLLE ODER PARADIES? geschwänzt und der Freund und Kollege Tobias Reitmann hat stattdessen ein Auge auf den Film geworfen:

„Der Mondofilm – eine beliebte Spielart von aufklärenden Reportagen, deren Inhalt oft allerlei Nischen sämtlicher Skurrilitäten und Tabubrüchen abzudecken versucht – erfreut sich schon seit Beginn des hier besprochenen Festivals größter Beliebtheit unter den delirierenden Feinschmeckern. Erst recht in Verbindung mit einer feschen Vertonung, welche im Glücksfall mit einem Offsprecher gesegnet ist, der seine mahnenden Worte mit erhobenen Zeigefinger parallel zum Gezeigten in das Publikum predigt, oder – wie in diesem Fall – seine Kommentare mit grob gestreuten Nuancen der Oberflächlichkeit würzt, um ein größeres Maß an Bestürzung, Erstaunen und Fassungslosigkeit zu erzeugen. Und so schippert Scattinis Schweden-Dokumentation dank herzerwärmender Lounge-Groovieness eines Piero Umiliani, betörenden Bildern von Claudio Racca, sowie den unglaublichen Diffamierungen des Ansagers gegenüber allen auftretenden Minderheiten und Randgruppierungen, in den Hafen der rauschenden Zerstreuung.“

 

Der Samstag entführte uns dann inmitten eines regen Flohmarkttreibens und bei bestem Einkaufswetter mit Michele Lupos EIN ACHTBARER MANN mit Kirk Douglas, Giuliano Gemma und Florinda Bolkan in das schmuddelige Hamburger Winterwetter des Jahres 1972. Ein Safeknacker wird aus dem Knast entlassen, wird von früheren Partnern gedrängt den nächsten Job anzunehmen, wird von seiner Lebensgefährtin gedrängt den Job an den Nagel zu hängen, und hat dabei doch ganz eigene Vorstellungen wie das Geldverdienen der nächsten Zeit aussehen soll. Ein Mann geht seinen Weg, und das Douglas’sche Kinn gibt dabei die Richtung vor: Straight geradeaus, immer dem eigenen Kopf nach, und alle Widerstände glatt bügelnd bis frontal an die Wand. Ein düsterer Krimi bei dem einfach alles passt: die erstklassigen Darsteller, das Hamburger Hafenkolorit, die starke Musik von Ennio Morricone, die einfache und gradlinige Handlung … Eine Gangsterballade wie sie auch von einem Franzosen hätte inszeniert werden können, und im Bereich des Gangsterfilms ist das als ganz großes Kompliment zu verstehen. Ein achtbarer Film, gewissermaßen, und zusammen mit den zuvor gezeigten Hamburg-Trailern ein weiteres Highlight des Festivals!

 

Knapp gefolgt von meinem persönlichen Tiefpunkt, LA SPOSINA von Sergio Bergonzelli. “Persönlich“ bedeutet, dass ich die an diesem Tag in Deutschland uraufgeführten Komödie um ein frisch angetrautes Ehepaar, wo er Potenzprobleme hat und sie das Objekt der Begierde von ganz Pescara ist, dass ich mit dieser Commedia Sexy nichts anfangen konnte, weil es ganz schlicht und ergreifend nicht mein Genre ist. Andere haben das entsprechend auch anders gesehen, die Stimmung im Saal war überschwänglich und der Film kam gut an. Für solche Klamotten bin ich einfach der Falsche, selbst wenn sie von Bergonzelli kommen. Einzig der politisch nicht ganz korrekte Adolf-Klon als Bruder des Ehemanns hat auch bei mir für einige Lacher gesorgt Selbst die von Gary Vanisian bei der Einführung erwähnte “somnambule Stimmung“ konnte ich nicht finden, wobei Halbschlaf durchaus das richtige Wort gewesen wäre … Sorry!

 

Es folgte eine längere und angenehm warme Pause in einem der unzähligen kleinen Lokale ums Eck des Kinos. Von daher ist die Location schon gut gewählt, da keine langen Spaziergänge notwendig waren um eine reichhaltige Auswahl verschiedenster Verköstigungen zu finden. Sehr angenehm das! Erheblich angenehmer als das, was die Titelheldin dann im nächsten Film alles erleben musste, INGRID SULLA STRADA von Brunello Rondi, wieder einmal eine Deutschlandpremiere. Ingrid ist ein Mädchen vom finnischen Land, die sich irgendwann in einen Zug setzt und nach Rom fährt um Hure zu werden. Sie freundet sich mit Claudia an, und gemeinsam versuchen sie den merkwürdigen Sexgelüsten reicher Kunden, dem ständigen Problem der zu bekommenden Schlafunterkunft und dem Fascho-Zuhälter Renato ihre Freundschaft entgegenzusetzen.

Was hier jetzt soweit erstmal ganz nett klingt, und auch problemlos als Sexy Komödie hätte inszeniert werden können (oh nein, bitte nicht noch eine!), entpuppte sich als düsteres Drama mit einem Einwegticket in Richtung Abgrund. Rom im November ist weder besonders schön noch besonders warm, und nur die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen sorgt für warme und angenehme Momente. Die sehr sture Ingrid lebt nach dem Motto “Lieber im Stehen sterben als auf den Knien leben“, meint immer dass sie ihren Kopf durchsetzen muss, und ich frage mich inwieweit die politischen Ansichten und persönlichen Erfahrungen Brunello Rondis hier vielleicht ihre Entsprechung finden. So oder so ein unglaublich reichhaltiger Film, der, Christoph Draxtra erwähnte es in seiner hervorragenden Einführung zu INGRID, mehrfach gesehen werden muss um in seiner Gänze erfasst werden zu können. Hier steckt so unglaublich viel drin: Sozialdrama, politisches Kino, Melodram, exploitative Elemente, … Ich habe den 12 Jahre später entstandenen VOGELFREI von Agnès Varda wiedergefunden, genauso wie Tonino Cervis DIE HEISSEN ENGEL und Rondis eigenen IL DEMONIO. Ein beeindruckender und beklemmender Film, eine absolute Entdeckung dieses Festivals!

 

Das Gegenstück zu Ingrid ist dann Rolf. Gewissermaßen. Wo Ingrid widerborstig ist und trotzdem (oder deswegen) immer weiter in den Dreck gestoßen wird, da schlägt Rolf zurück. Rolf hat eine hohe Leidensfähigkeit und sein christlicher Gleichmut im Ertragen von Qualen ist bemerkenswert, aber irgendwann reicht es dann mal, und zum Vergnügen des Publikums gibt es dann Blutwurst. Rolf ist ein Ex-Söldner, der mit seiner Freundin als Mini-Jobber in Nordafrika lebt. Seine früheren Kumpels wollen ihn für einen Auftrag anheuern, aber Rolf hat seinen Spaß an Armut und Arbeitslosigkeit und sagt ab. Die Kumpels wiederum haben ihren Spaß an Rolfs Freundin, was im Gegenzug zu Rumble in the Jungle führt. Sano Cestnik, der eine erstklassige und improvisierte Einführung an Stelle des verhinderten Pelle Felsch hielt, meinte dazu, dass “… ROLF ein reines Melodram [sei]. Hier leiden aber nicht die Frauen sondern die Männer, und wenn Männer leiden fließen keine Tränen, sondern Kugeln. So isses eben.“ Sano, für diese unsterblichen Worte wirst Du irgendwann in den Olymp der Filmhistoriker eingehen, versprochen!

Auf jeden Fall ist ROLF ein männlich-knackiger Abschluss des Samstags gewesen, und auch wenn hier nicht die deutsche Version mit ihrer Gute-Laune-Synchro gezeigt wurde sondern “nur“ die um 20 Minuten längere italienische Originalversion (mit von Christoph Draxtra erstellten, hervorragenden, Untertiteln), so war die Stimmung im Publikum auf jeden Fall prima. Anschließend wurde noch ein Video eines Interviews mit Fabio Frizzi gezeigt, dem Komponisten von ROLF, was aber zu der vorgerückten Stunde vielleicht doch ein klein wenig falsch platziert war. Sicher ein interessantes Gespräch, aber die wirklich spannenden Teile rund um seine Arbeit mit Lucio Fulci waren leider nicht dabei, und ein englischsprachiges Interview ohne Untertitel nachts um kurz nach 12 ist halt nicht ganz einfach. Trotzdem ein schönes Feature, was die Besonderheit des Festivals mal wieder unterstreicht.!

 

Tag 4 begann außerhalb des Kinos mit Temperaturen wie in Almería (34° in der Sonne, früh um 10 Uhr), und innerhalb des angenehm klimatisierten Kinos mit einem furiosen MIT FAUST UND DEGEN von Riccardo Freda. Brett Halsey hechtet über Tische, hat die härteste Faust westlich des Tiber, schafft Kunstwerke auf die selbst Michelangelo neidisch ist, fechtet mit mehreren Gegnern gleichzeitig, fälscht Goldmünzen, baggert alles an was bei drei nicht auf den Bäumen ist, und schafft es auch noch die persönliche Freundschaft des Papstes zu ergattern. Und das alles in 90 Minuten! Hier kommt keine einzige Sekunde Langeweile auf, und selbst in den Liebesszenen steckt so viel Ironie, dass die gute Stimmung der vielen Kampfszenen nicht vergeht. Das Publikum hatte riesigen Spaß und die Lacher waren reichlich. Ein gelungener Start in den letzten Tag!

 

Ebenfalls gelungen und für beste Laune sorgte nach einer ein wenig unglücklichen Zwangspause (ein anderer Film des regulären Programms wurde gezeigt) und einigen Originaltrailern DAS ENDE DER UNSCHULD aka ANNIE BELLE – ZUR LIEBE GEBOREN. Im Film zuvor turnte Brett Halsey über Tische und Bänke, hier turnt Annie Belle durch die Betten Hongkongs, wobei sie das nicht immer ganz freiwillig tut. Die deutsche Synchro lässt einige echte Perlen vom Stapel (“Immer wenn wir uns geliebt haben, habe ich danach Lust auf einen richtigen Mann.“), und Annie Belle ist die Lust am Spiel mit der Liebe und die Freude an der Entdeckung jederzeit anzusehen. Ein wunderbarer Film, der zwischen leicht komödiantischen Einschlägen und ernsthaftem Erweckungs-Drama pendelt und zusätzlich durch die schönen Bilder Südostasien punktet. Wer hier Spaß hatte sollte mal ein Auge auf EMANUELLE FÜR IMMER werfen, der thematisch nicht unähnlich gelagert ist. Die beiden Filme würden perfekt zueinander passen, so wie Annie Belle und Al Cliver …

 

Die letzte Essenspause bei unerträglichen Temperaturen, die letzten guten und längeren Gespräche mit neuen und alten Bekannten, und schon geht es zum tierischen Finale über. Nach einer ein klein wenig zu langen und ein klein wenig zu gespoilerten, dafür aber recht lustigen, Einführung des Filmemachers Till Kleinert stand als erstes ein seltener Western als Deutschlandpremiere auf dem Programm, DIE NACHT DER SCHLANGEN von Giulio Petroni. Eine Gruppe von Erbschleichern tut sich in einem kleinen Dorf in Mexiko zusammen, um an das Erbe eines Dorfbewohners zu kommen. Um den letzten echten Erben aus dem Weg zu räumen bringt der Polizeichef einen versoffenen Herumtreiber ins Spiel. Als der aber merkt wer das eigentliche Opfer sein soll ist Schluss mit versoffen, die alten Pistolen werden wieder herausgekramt, und für die Verschwörer öffnet sich die Hölle.

Der Film steht und fällt mit seinen Darstellern, denn vor allem die erste halbe Stunde wird sehr langsam und westernuntypisch mit wenig Action erzählt, was nach knapp 4 Tagen Festivalbetrieb ein wenig zum Einschlafen reizt. Aber sobald der US-amerikanische TV-Darsteller Luke Askew als einsamer Rächer erstmal dem Alkohol abschwört steppt der Bär, sowohl was die Action betrifft als eben auch die Darsteller. Askew hat einen Blick drauf der dem Zuschauer das Kalte über den Rücken jagt, Luigi Pistilli als Polizeichef ist gewohnt fies-brillant, und in den Nebenrollen lassen Magda Konopka und Guglielmi Spoletini nichts anbrennen. Das Showdown ist dann wiederum etwas gewöhnungsbedürftig, und an Petronis Klassiker TEPEPA kommt NACHT DER SCHLANGEN sicher nicht ran, aber als eher ungewöhnlicher Western auf den Spuren des ein Jahr früher entstandenen EL PURO auf jeden Fall ein sehenswerter und interessanter Film.

 

Und dann hob sich der Vorhang für das lang erwartete Ereignis des Festivals, PHENOMENA von Dario Argento, im Kino und auf 35mm. Eine erstklassige Kopie, satte Farben, keine Risse, ein paar marginale und nicht wirklich störende Schnitte, ein bombastischer Soundtrack, … Was soll man zu so einem Ereignis sagen? Wer dabei war wird sich noch lange an diesen Film erinnern, und wer nicht dabei war hat etwas verpasst. Die Geschichte der jungen Jennifer, die zusammen mit ihren Freunden den Insekten eine gruselige Mordserie aufklärt, ist im Heimkino bereits ein Klassiker, aber im Kino? Wow! Ein phenomenales Festivalfinale!!

 

Das vierte Terza Visione-Festival in Frankfurt. Die technische und inhaltliche Qualität der Filme war enorm hoch, das Kino ist schön, die Stimmung war sehr gut. Die Veranstalter Christoph Draxtra und Andreas Beilharz haben (wie immer) erstklassige Arbeit geleistet und ein echtes Event geschaffen an das man lange zurückdenken wird. Vielen Dank an dieser Stelle an die beiden! Eure Arbeit hat ein gigantisches Resultat erbracht, und die Leidenschaft, die ihr in das Projekt steckt, ist in jeder Sekunde zu spüren!!

Aber warum habe ich trotzdem das Gefühl, dass ich nächstes Jahr möglicherweise nicht wiederkommen werde? Es war klar, dass die Veranstalter den Schritt in ein größeres Kino gehen mussten, und die Anzahl der zentral gelegenen Kinos in Deutschland, die 35mm-Projektionen zeigen können, ist ganz klar begrenzt. Aber irgendetwas war diesmal anders. Das Familiäre, das Gemütliche, das hat dieses Mal gefehlt. War es weil der Saal größer war? Ist die Atmosphäre in der fränkischen Großstadt einfach angenehmer als in der hektischen Mainmetropole? Natürlich können die Veranstalter nicht für 130 Leute einen Tisch in einem Restaurant in der Nähe reservieren, aber das waren halt so die kleinen Dinge die in Nürnberg einfach gepasst haben, die Terza Visione in Nürnberg zu etwas Besonderem gemacht haben. Das Künstlerhaus hat im Gegensatz zum nüchtern-modernen Filmmuseum eine fast intime Ausstrahlung, und ich vermisse den gemütlichen Dachgarten und das Café mit dem Charme eines Programmkinos. Mir persönlich, und ich lege Wert darauf dass dies eine rein persönliche Meinung ist, hat dieses Mal ein wenig der Hunger auf die Filme gefehlt. Die Lust ins Kino zu gehen und sich in andere Welten entführen zu lassen. Der Müdigkeit zu trotzen und auch die nächtliche Vorstellung noch irgendwie durchzustehen, man könnte ja etwas verpassen. Aber ob dies an der Filmauswahl, an der Location, oder an meinen persönlichen Vorlieben lag, das kann ich nicht beurteilen. In Gesprächen mit anderen Zuschauern habe ich festgestellt, dass meine Meinung in Bezug auf die Örtlichkeit auch von anderen so empfunden wurde, gerade die fehlende Gemütlichkeit wurde oft erwähnt. Der fehlende Hunger war wohl eher etwas Persönliches, haben andere dieses Terza doch als das bislang Beste empfunden.

 

Von daher werde ich, selbstverständlich, und trotz aller Meckerei, auch nächstes Jahr wieder dabei sein. Der kurze Ausblick von Christoph am letzten Abend auf “Genres, welche ihr nie mit dem italienischen Kino in Verbindung bringen würdet“, dieser kurze Ausblick hat dann doch wieder Hunger gemacht. Genauso wie die insgesamt 6 Deutschlandpremieren dieser 4 Tage. Und allen anderen Anwesenden ging es sicher nicht anders. Also bis zum nächsten Jahr! Oder demnächst hier auf diesen Seiten …

 

Maulwurf, Tobias Reitmann, Richie Pistilli