Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe

Deutschland | Italien, 1970

  • Originaltitel: L'uccello dalle piume di cristallo
  • Alternativtitel:

    El pájaro de las plumas de cristal (ARG)

    El pájaro de las plumas de cristal (E)

    O Pássaro das Plumas de Cristal (BRA)

    O Pássaro com Plumas de Cristal (P)

    L'oiseau au plumage de cristal (F)

    The Bird with the Crystal Plumage (world-wide)

    The Gallery Murders (IR)

    Fuglen med krystalfjerpragten (DK)

    Kuoleman lintu (FIN)

    Fuglen med krystallfjærene (N)

    Ljudet från kristallfågeln (S)

    Kristálytollú madár (H)

    Ptak o krysztalowym upierzeniu (PL)

    Птицата със стъклените криле (BUL)

    Птица с хрустальным оперением (R)

  • Deutsche Erstaufführung: 24. Juni 1970
  • Regisseur: Dario Argento
  • Kamera: Vittorio Storaro
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Dario Argento
  • Inhalt:

    Der amerikanische Schriftsteller Sam Dalmas (Tony Musante) wird eines Abends zufällig Zeuge eines Verbrechens. In einer Kunstgalerie beobachtet er den Kampf zwischen einer schwarz gekleideten Gestalt und Monica Ranieri (Eva Renzi), der Frau des Galeriebesitzers (Umberto Raho). Dabei wird sie mit einem Messer attackiert und weil Sam sich bemerkbar macht wird Monica lediglich verletzt. Schnell stellt sich heraus, dass es sich offenbar um einen lange gesuchten Serienmörder handelt, der Rom seit geraumer Zeit unsicher macht und junge Frauen tötet. Beim Verhör mit Inspektor Morosini (Enrico Maria Salerno) stellt sich heraus, dass der Amerikaner noch irgend etwas beim Tathergang gesehen haben muss, er aber nicht benennen kann um was es sich genau handelt. Da Sam in den nächsten Tagen wieder zurück in die USA fliegen möchte, der Inspektor auf ihn als wichtigen Zeugen aber nicht verzichten kann, behält dieser kurzerhand seinen Pass ein und Dalmas begibt sich selbst auf die Suche nach dem Mörder, bei der er und seine Freundin Julia (Suzy Kendall) in Lebensgefahr geraten. Unterdessen schlägt der Mörder erneut zu...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Eine in Schwarz gekleidete, und nicht zu erkennende Gestalt bedient eine Schreibmaschine, der kleine Raum vermittelt ein unbehagliches Vakuum. Alles dort scheint pedantisch geordnet, und tödlich korrekt durchdacht zu sein und die Intention dieser kurzen Szenen vermittelt eine unmissverständliche Deutlichkeit, noch bevor das Phantom zuschlagen wird. Eine junge Frau wird auf der Straße abfotografiert, die wunderbare Musik von Ennio Morricone entschärft die Situation für einen kurzen Augenblick, bevor es mit dem veranschaulichten Kurzpsychogramm des Mörders weitergeht. Ein Foto des Opfers wird mit einer Nummer markiert und eine Reihe bedachtsam angeordneter Messer sorgt für Gewissheit. Der Zuschauer steht unmittelbar vor dem ersten sichtbaren Mord und man weiß durchaus, dass es sicherlich nicht der letzte sein wird. Die Montur der sich geschmeidig bewegenden, und in schwarzem Leder gekleideten Gestalt, vermittelt einen offensichtlich autoerotischen Aspekt. Ein Schrei beendet die Szene und das Leben der vermutlich wahllos auserkorenen jungen Frau. Unmittelbar danach bekommt man den Protagonisten der Story vorgestellt. Sam Dalmas ist abwesend, gedanklich ist er womöglich schon längst wieder zurück in den USA. Sein Blick fällt durch die Panoramafenster einer hell ausgeleuchteten Kunstgalerie und er wird Zeuge eines Verbrechens. In dieser Schlüsselszene ist die Kamera aufmerksamer als der Protagonist und als jeder Beobachter es sein kann, obwohl sie den Zuschauer für einen kurzen Augenblick mit in das Innere der Galerie nimmt. Man sieht Monica Ranieri, ein blankes Messer ist wenige Zentimeter von ihr entfernt, es ist, als könne man sie berühren. Wie Sam den kompletten Film über beteuern wird, stimmt etwas an dieser Szene nicht mit den normalen Gesetzen einer solchen Situation überein, der aufmerksame Zuschauer ist der gleichen Ansicht, doch vorerst kann keiner den verschachtelten Fehler erkennen. Bereits hier zeigt Dario Argento, wo er mit seinem eigentlich kompliziert gestalteten Film hin möchte.

     

    Er trübt die Auffassungsgabe durch die Ferne, bietet aber gleichzeitig die Chance, diese Situation permanent wieder Revue passieren zu lassen, er offeriert Transparenz, die allerdings noch keine Allianz mit dem Vorstellungsvermögen oder der Kombinationsgabe eingehen kann. Der Augenzeuge wird vom Täter im Labyrinth der Glasfenster gefangen gehalten, trotz der Nähe entsteht eine unüberbrückbare Distanz, so dass die Zeit bleibt, jede Einzelheit dokumentieren zu können. Der Raum vermittelt eine beeindruckende Struktur, genau wie es übrigens der komplette Film tun wird, die Szenerie veranschaulicht Kontraste, die sich ebenfalls durch den Verlauf ziehen werden. Die Struktur dieser Situation wird durch die verletzte Monica Ranieri gestört, umgekehrt, da es zunächst niemandem möglich ist, zu intervenieren. Trotz ihres Kampfes, bleibt die unbequeme Möglichkeit, einige Gedanken weiter auszumalen, weil die Regie die verstreichende Zeit einem Diktat ähneln lassen wird. Wird Monica Ranieri rechtzeitig gerettet werden, wird sie Angaben zum Täter machen können, wird Sam Dalmas als dringend tatverdächtig eingestuft, ist er ab sofort selbst in Gefahr? Der Film nimmt seinen spektakulären, oder vielmehr intelligenten Lauf und es ist erstaunlich, welcher Meilenstein hier entstanden ist, wohlgemerkt mit einfachen und klassischen Mitteln. Erstaunlich vielleicht deswegen, weil man "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" aus damaliger Sicht einfach als das betrachten muss, was der Film vom Ursprung her sein sollte: Ein Beitrag, der in der Bundesrepublik unter der Trivialmarke Bryan Edgar Wallace vermarktet wurde. Die Vermutung liegt also nahe, dass sich zur Entstehungszeit vielleicht noch niemand so recht im Klaren darüber war, wie dieser Film ein komplettes Genre noch beeinflussen würde und welche Sensation man am schmieden war. Der Verlauf ist als Blick zurück nach vorn aufgebaut und ähnelt einem spröden Zusammentragen von vielen Mosaiksteinchen. Da Sam Dalmas und seine Freundin unfreiwillige Ermittler werden, und die Polizei bei der Lösung des Falles ebenfalls Schützenhilfe leisten kann, zeigt sich die bereits erwähnte, jedoch schleichende Transparenz für den Zuschauer.

     

    Der Fall bereitet Kopfzerbrechen, und der Mörder schlägt immer wieder zu. Dies geschieht nicht in aller Diskretion, nein, er ist mittlerweile so weit, dass die Taten in einer vollkommen omnipotenten Art und Weise telefonisch bei der Polizei angekündigt werden. Die Gesetzeshüter spannen unterdessen Sam als Lockvogel ein, da jegliche Anhaltspunkte fehlen. Die Taten folgen immer dem gleichen Muster. Schöne, alleinstehende Frauen werden bestialisch ermordet und es bleibt zu erahnen, dass der Geschichte ein psychologisches Motiv zu Grunde liegt. Betrachtet man die beteiligten Darsteller, so wirkt die Crew wie eine Bestätigung dafür, dass man nicht unbedingt von einem möglichen Überraschungscoup ausgegangen war, denn die Riege ist nicht mit den damaligen Top-Akteuren ausstaffiert worden. Dies soll weniger als Kritik, sondern eher als Feststellung angemerkt sein, denn die Darsteller wirken bis in die kleinsten Rollen perfekt besetzt. Tony Musante macht jeden Zuschauer aufgrund seiner wichtigen Beobachtung zum Verbündeten, bei dieser Variante entsteht eine noch intensivere Solidarität mit dem Protagonisten als im Normalfall. Auch dass die sympathische Suzy Kendall an seiner Seite mit recherchiert, rückt sie deutlich in den Kreis der Sympathieträger. Beide werden noch in äußerst gefährliche Situationen geraten, die sie trotz einiger persönlicher Warnungen des Mörders nicht scheuen. Tony Musante gefällt aufgrund seiner kantigen Art. Seine Alleingänge wirken vielleicht bezeichnend für seinen Charakter, da er im privaten Bereich nicht anders vorzugehen scheint. Suzy Kendall wirkt bodenständig und kann in den richtigen Situationen ihre Emotionen heraus lassen. Ihre besten Momente zeigt sie, als der Handschuhmörder sie in ihrer eigenen Wohnung bedroht, Kendall hat man nicht alle Tage so temperamentvoll und präzise gesehen. Beim Thema Präzision ist unbedingt auch Enrico Maria Salerno zu nennen, der den überforderten Polizeiapparat anführt. Seine ruhigen und überaus sachlichen Ermittlungen wissen zu gefallen, sie würden einem sogar imponieren, wenn unterm Strich die richtigen Ergebnisse stehen würden.

     

    Weitere bekannte Gesichter und willkommene Darbietungen liefern ein zweifelhafter Umberto Raho, ein ebenso schwer einzuschätzender Renato Romano und Reggie Nalder, als rechte oder linke Hand des Mörders, der wirklich für beängstigende Momente sorgen wird. Allround-Talent Werner Peters beeindruckt, gegenüber seiner sonst obligatorischen Auftritte, in einer vollkommen konträr angelegten Rolle als, an Sam interessierter Antiquitäten-Händler, die man zuvor noch nie von ihm gesehen hat. Schließlich rundet Mario Adorf das Geschehen als Gast ab, und zwar mit einer absolut irren Performance, die weniger für Aufklärung, als Auflockerung sorgen wird. In der Welt der Gialli sollte es insbesondere nach diesem Beitrag forcierter zugehen, so dass man hier im Rahmen von Gewaltspitzen und expliziten Szenen, auch im Sinne des Anvisierens der konstitutionellen Vorzüge der beteiligten Damen, noch gezügeltere Wege eingeschlagen hatte. Was allerdings immer schon ein Thema war, ist die Schönheit im allgemeinen, sowie im präziseren Sinne. Bleibt man bei diesem Schlagwort, so kommt man zu niemand anderem als zu der umwerfenden Eva Renzi, die hier in beeindruckenden Etappen eingesetzt, oder besser gesagt platziert wurde. "Das Lexikon der Deutschen Filmstars" bescheinigte ihr, sie konnte »ihre anspruchsvollen Rollencharaktere mit reifem Spiel und feiner Psychologie vertiefen«, eine Einschätzung, die hier wie der springende Punkt wirkt. Zugegebenermaßen ist "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" auf psychologischer Ebene ausbaufähig geblieben, so dass man anerkennen muss, dass Eva Renzi einen nicht unwichtigen Teil dazu beiträgt, dass diese eindrucksvolle Assoziationskette funktioniert, und sei es nur auf die darstellerischen Kompetenzen reduziert. Renzi formt Monica Ranieri tiefenbetont, sie wird Teil des Films, der Geschichte, eines Dekors, was den Zuschauer über die gesamte Spieldauer beschäftigen wird. So ging eine vereinnahmende Leistung der Deutschen in die Geschichte des Giallo ein, die auch heute noch einen gewissen Modell-Charakter vermittelt.

     

    Die persönliche Quintessenz Eva Renzi hat im Grunde genommen keine weiteren Beschreibungen nötig, denn ein Blick genügt um zu begreifen, dass sie selbst Expertise genug darstellt. Der deutsche, klassische Krimi erlebte Mitte der 60er Jahre die Geburtsstunde des sogenannten "Melissa-Effekts", für die Gialli könnte man diese Erfindung vielleicht ab sofort "Monica-Ranieri-Effekt" nennen, denn dieses Modell sollte fortan noch häufiger Verwendung finden. Dario Argentos Beitrag beweist in nahezu allen Bereichen eine überdurchschnittliche Qualität. Zunächst ist die globale Stilsicherheit zu erwähnen, vor allem die erfinderische Attitüde, die dem Film seine unbeirrbare Richtung gibt, ist bemerkenswert. Im visuellen und bildsprachlichen Bereich kommt es zu vielen größeren und kleineren Highlights, insbesondere die subjektiven Kamerafahrten bei den Ermordungsszenen forcieren hochspannende Momente. Vereint mit Ennio Morricones abwechslungsreicher Musik, die ebenfalls Emotionen schürt, aber genauso für Atempausen sorgt, entstehen formvollendete Kreationen. Dario Argento beweist mit seinem Frühwerk, dass es sich bei ihm um einen Querdenker handelt, der mit formellen und stilistischen Kapriolen bestehende Grenzen und Gesetzte der Inszenierung aufweichen konnte. Die hier auftauchenden Stilelemente werden zur dichten Fusion für den Zuschauer, unterm Strich steht zwar die Ambition der Unterhaltung, allerdings der intelligenteren Sorte, obwohl sich auch viele Oberflächlichkeiten aufspüren lassen (könnten). Der Verlauf gibt die Besonderheit des Gesamtwerkes lange nicht her, das Finale wird gleich in mehreren Etappen eingeleitet und etliche Twists tragen zum besonderen Sehvergnügen, beziehungsweise Erstaunen bei. Das echte Finale erweist sich schließlich als einer der überraschendsten Momente überhaupt und das abrupte Ende lässt eine nüchterne Prognose zurück, die fehlende Erklärungen weg dividiert. Wenn der Film schließlich zu Ende ist, kommt eigentlich immer wieder der selbe Wunsch zum Vorschein, nämlich "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" noch einmal als Erstansicht wahrnehmen zu können. Ein prägendes Erlebnis!

  • Autor: Prisma
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