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Giallo

Italien | Spanien | Vereinigtes Königreich | Vereinigte Staaten, 2009

  • Originaltitel: Giallo
  • Alternativtitel:

    Giallo - Reféns do Medo (BRA)

  • Regisseur: Dario Argento
  • Kamera: Frederic Fasano
  • Musik: Marco Werba
  • Drehbuch: Jim Agnew, Dario Argento, Sean Keller
  • Inhalt:

    In Turin geht ein Serienmörder um, der ausschließlich sehr schöne junge Frauen entführt und sie in der Gefangenschaft allmählich ihrer Schönheit beraubt. Schlussendlich werden sie dann, schrecklich entstellt, getötet. Just an dem Abend, an dem Linda in die Stadt kommt, wird ihre Schwester Celine ein Opfer des Psychopathen. Linda gerät an den, im Untergeschoss des Polizeipräsidiums arbeitenden und lebenden Hard Boiled-Cop Enzo Avolfi, und gemeinsam macht man Jagd auf den unheimlichen Killer. Was kaum jemand weiß ist, dass Enzo in seiner Jugend ganz eigene Erfahrungen mit Serienkillern gemacht hat. Ausgesprochen nahe und prägende Erfahrungen …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Normalerweise, wenn ich einen Text über einen Film schreiben möchte, lese ich nichts von dem, was es so im Netz gibt. Ich mag mir meinen persönlichen Eindruck nicht von anderen Meinungen überlagern lassen, und will zuerst einmal meine eigenen Gedanken zu Papier bzw. zu Bildschirm bringen. Erst hinterher, nach dem Schreiben, lese ich dann andere Texte, um herauszufinden ob ich vielleicht etwas übersehen habe, oder um neue und zusätzliche Gedanken zu bekommen.

     

    Bei GIALLO wollte ich eigentlich nichts schreiben und habe deswegen gleich mit dem Lesen begonnen, aber irgendwie haben die Texte meine eigene Meinung so überhaupt nicht getroffen, dass ich da dann doch etwas zu sagen wollte. Da gibt es dann zum Beispiel die Besprechung eines Users, der von dem Film sehr angetan ist und sich ausführlich und qualitativ hochwertig (ernst gemeint!) mit der Metaebene beschäftigt. Und da gibt es einen anderen Text, der GIALLO im Pseudo-Christian Kessler-Jargon einfach nur ins Lächerliche zieht (und auf den Film an sich gar nicht eingeht). Auch das allseits beliebte Dario Argento-Bashing kann man immer wieder lesen: „Boah, kein zweites INFERNO“, „SUSPIRIA war so geil“, „Was ist seit PROFONDO ROSSO nur passiert?“. Gähn …

     

    Ich für meinen Teil hatte nicht eine Sekunde das Gefühl einen Film von Dario Argento zu sehen, wodurch das übliche Vergleichsgeschwafel sowieso entfällt. Mal ganz abgesehen davon, dass ich dieses Gewäsch eigentlich immer versuche zu vermeiden. Aber gerade dadurch, dass mir keine ach so typischen Argento-Merkmale ins Gesicht gesprungen sind, gerade dadurch ist mir die Beliebigkeit dieses Film erst so richtig aufgefallen. Was soll das heißen?

     

    Das soll heißen, dass der Film keine Herausstellungsmerkmale hat. Nichts, was ihn zu etwas Besonderem macht. Dabei ist der Film beileibe nicht schlecht. Er hat durchaus gute Bilder (und einige starke Bilder sogar, etwa die Eröffnung mit der Kamerafahrt durch das Opernhaus), er hat Atmosphäre, die Schauspieler taugen was, und die Musik unterstützt den Film tatsächlich. Nur, all diese Attribute treffen haargenau so auch auf Filme wie JENNIFER 8 oder GONE zu. Nein nicht ganz haargenau so. GONE beispielsweise hat etwas, was GIALLO nicht hat: Eine Spannungskurve! Die Sichtung von JENNIFER 8 ist zu lange her, da kann ich nichts zu sagen, aber ich weiß noch genau, wie sehr ich mich bei ... DENN ZUM KÜSSEN SIND SIE DA gegruselt habe, und wie ich damals mit Morgan Freemans Ermittlungen mitfieberte.

     

    Spielen wir das Spiel mal weiter: DER KNOCHENJÄGER beeindruckt durch eine ausgesprochen düstere und kranke Atmosphäre, und Argentos eigener DAS STENDHAL-SYNDROM zieht den Zuschauer in seinen stärksten Momenten mühelos in einen Mahlstrom bewegter Bilder aus Schmerz und Blut. Tja, und GIALLO schafft das nicht. GIALLO plockert vor sich hin, zeigt schöne Bilder von Turin, dunkle Bilder gefolterter Mädchen in schmutzigen Hallen (die mich ab und zu verteufelt an die Dungeons von Kink.com erinnern), und jagt die Hauptdarsteller mehr oder weniger zufällig von Ort A nach Ort B. Aber es gibt keine Höhepunkte, nichts an was ich mich hinterher erinnern mag, und das gilt sowohl im Positiven wie auch im Negativen. Der Film … plätschert. Er ist unauffällig.

     

    Sicher ist die vorhandene Metaebene eine tolle Sache zum Reflektieren. Dass der Filmtitel die Erwartungen der klassischen Giallo-Stereotypen ad absurdum führt, und gleichzeitig noch eine Referenz auf den Killer selber ist, das ist intellektuell gesehen spannend und macht Spaß zum Drüber nachdenken. Auch ist es zum Beispiel interessant, die Zusammenhänge zwischen den Fundorten der Leichen und Giallos Lebensgeschichte zu entdecken. Bloß: Beim Sehen eines Films gibt mir die Metaebene meist nur bedingt etwas, da möchte oft zuerst einmal der Bauch angesprochen werden. Reine Kopf-Filme sind eine feine Sache und haben ihre unwidersprochene Lebensberechtigung, und wenn beides zusammenkommt ist das ein Riesenspaß. Aber hier klappt das halt leider nicht so richtig, und bei einem Film über einen folternden Serienmörder möchte halt zuvorderst mein Bauch Nahrung haben. Sprich, ich möchte etwas erleben, extreme Gefühle haben, niedere Instinkte ausgelebt sehen, Thrill und Suspense um die Augen und Ohren gehauen bekommen. Einen Kopf-Film über einen Serienmörder? Ich weiß nicht, da muss schon ein Geniestreich wie MANN BEISST HUND am Start sein. Die Schluss-Reminiszenz an DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE, oder der Umstand, dass Kommissar und Mörder vom gleichen Schauspieler gespielt werden, das geht trotz des beim Sehen empfundenen Vergnügens alles schon wieder in diese Metaebene, und damit halten sich (Kopf-) Unterhaltung und (Bauch-) Nervenkitzel die Waage. Aber etwa die Flucht Lindas aus dem Versteck Giallos, was reines Bauchkino sein sollte und an den Nerven zerren sollte wie Hitchcock in seinen besten Momenten, so eine Szene bleibt unaufregend und wird somit verschenkt.

     

    Mir ist klar, dass Dario Argento im modernen Italien mit Produktionsbedingungen auskommen muss, die andere Regisseure in den Wahnsinn treiben würden. Aber jeder, der regelmäßig ältere europäische Filme sieht, weiß auch, dass weder Budget noch widrige Umstände Schuld sein müssen wenn ein Film nicht gut wird. Letzten Endes sind es immer noch ein gelungenes Drehbuch, ein Regisseur der weiß was er will, und ambitionierte Schauspieler, die einen Film in erster Linie ausmachen. Ich möchte nur Mario Bava oder Jess Franco erwähnen, die aus extrem wenig Geld und kaum vorhandener Drehzeit oft kleine Wunder erzeugt haben. Aber obwohl Adrien Brody zum Beispiel so ambitioniert gewesen ist, dass er sogar mitproduziert und eine doppelte Hauptrolle hat, trotzdem fehlt dem Film das Gespür für die erwähnten Begriffe Thrill und Suspense. Ausschauen tut GIALLO ja gut. Und unterhalten tut er auch. Aber wenn ich einen modernen Giallo auswählen müsste, würde meine Wahl wahrscheinlich auf Brian de Palmas PASSION fallen, der alles richtig macht, der verdammt gut aussieht, und der einen Schluss bietet der mich aus dem Sessel gehoben hat (im wahrsten Sinne!). GIALLO hingegen macht nicht alles ganz richtig, schaut nett aus, und endet 90 Sekunden zu spät (um dem Rezensenten Sid.Vicious in der OFDB absolut Recht zu geben).

     

    Und nun stelle ich fest, dass ich genauso wie ein anderer User in der OFDB ebenfalls vergessen habe auf den Film einzugehen. Mmh, vielleicht liegt das daran, dass es hier eben nicht viel zu sagen gibt. Adrien Brody gibt den harten Cop mit Vergangenheit recht ordentlich, wenngleich auch oft etwas steif. Als Giallo hingegen scheint er es zu genießen, endlich mal aus seiner Standardrolle ausbrechen zu können. Hier wirkt er intensiv und überzeugend, manchmal vielleicht etwas zu sympathisch, aber das ist sicher Ansichtsache. Und dass Brody den Giallo spielt habe ich tatsächlich erst aus der OFDB erfahren, im Film habe ich ihn nicht erkannt! Emmanuelle Seigner ist eher überflüssig und gibt als Identifikationsfigur nicht viel her. Aber immerhin kombiniert sie etwas besser als der Kommissar. Und die Spanierin Elsa Pataky als Celine hat zwar nicht allzu viel zu tun, macht das aber recht überzeugend und schaut auch sehr ansprechend aus. Tja, und mehr nennenswerte Darsteller hat es nicht. Die Musik bleibt nicht in Erinnerung, trägt aber viel zur Stimmung bei und rettet so manche Szene, und die Kameraführung hat gute Momente. Aber trotzdem ist da einfach nichts, was den Film, ich erwähnte es, aus der Beliebigkeit herausholen könnte. Irgendwie verschwimmt alles im Einheitsbrei der bekannten Serienkillerkost …

     

    Insgesamt also nicht Argentos schwächster Film (da muss ich zum jetzigen Zeitpunkt immer noch auf DRACULA 3D verweisen), aber auch kein Höhepunkt seines Oeuvres. Sagen wir, so in der Gegend von THE CARD PLAYER, aber ohne dessen ausgewiesene Spannungsmomente. Und der vielgescholtene Vorgänger MOTHER OF TEARS ist mit seiner atemlosen Jagd und der morbide-degenerierten Stimmung um einiges besser …

  • Autor: Maulwurf
  • Links

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