Ein Unbekannter rechnet ab

Frankreich | Deutschland | Italien | Spanien | Vereinigtes Königreich, 1974

  • Alternativtitel:

    O Último dos Dez (BRA)

    Diez negritos (ESP)

    Dix petits nègres (FRA)

    And Then There Were None (GBR)

    ...e poi, non ne rimase nessuno (ITA)

    Ten Little Indians (USA)

    Zehn kleine Negerlein

  • Deutsche Erstaufführung: 24. September 1974
  • Regisseur: Peter Collinson
  • Kamera: Fernando Arribas
  • Musik: Bruno Nicolai, Carlo Rustichelli
  • Drehbuch: Erich Kröhnke, Enrique Llovet, Harry Alan Towers
  • Inhalt:

    Ein Unbekannter, der sich U. N. Known nennt, lädt eine zehnköpfige Gesellschaft unter falschen Vorwänden in einen Palast in der iranischen Wüste ein. Die Herrschaften glauben zwar, sich im Klaren über ihre jeweilige Einladung zu sein, doch spätestens als sie die Stimme ihres Gastgebers von einem Tonband hören, ist das Entsetzen groß. Jeder einzelne wird eines ungesühnten Verbrechens beschuldigt und es werden Anklagen wie vor Gericht erhoben. Zunächst wird der komplette Spuk nicht ganz ernst genommen, doch wenig später gibt es auch schon den ersten Toten und in unterschiedlichen Abständen werden weitere Todesurteile vollstreckt. Hat man es mit einem Wahnsinnigen zu tun und sind die Anklagen berechtigt? Die übrigen Personen sind im Kampf ums Überleben von nun an auf sich alleine gestellt und können niemandem mehr trauen. Doch wer von ihnen ist der todbringende Unbekannte..?

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Bei Peter Collinsons "Ein Unbekannter rechnet ab" handelt es sich um eine weitere Adaption nach der bekannten Romanvorlage "Und dann gab's keines mehr" von Agatha Christie, die über Dekaden hinweg in zahlreichen Varianten in die Kinos gebracht wurde. Kennt man einige dieser Verfilmungen, so liegen bezüglich der Charaktere und natürlich bei der jeweiligen Besetzung Vergleiche nahe, was sich mitunter als sehr interessant erweist. Hier setzt die Regie gleich ab der ersten Sekunde auf eine geheimnisvolle Spannung und - wie es der Titel unmissverständlich ankündigt - eine unbekannte Komponente, die sorgsam entschlüsselt und ans Tageslicht befördert wird. Durchdenkt man die unterschiedlichen Adaptionen, wie beispielsweise George Pollocks 1965 verfilmten Krimi "Geheimnis im blauen Schloss", sind es natürlich die individuellen Herangehensweisen an den gleichen Stoff und jeder Zuschauer wird seinen Favoriten schnell ausfindig machen können. Bei "Ein Unbekannter rechnet ab" dürfte es sich zunächst einmal um die opulenteste Verfilmung handeln, die mit Extravaganz und Zeitgeist angereichert wurde. Ein Helikopter landet im Nirgendwo, zumindest stellt dieser Schauplatz dies für die Gäste dar, und die bestehenden Vorahnungen werden dadurch angefeuert, dass niemand den großen Unbekannten kennt. Praktischerweise stellen sich die Herrschaften nicht nur selbst vor und offerieren gleichzeitig eine bunte Mischung von Typen, sondern es wird das Phantom sein, das wenig später via Tonband die Anklagen und gleichzeitig die nicht genau formulierte Vollstreckung verlauten lassen wird. Die interessante Frage bleibt natürlich, ob es sich um gerechtfertigte Anschuldigungen handelt, doch der Verlauf lässt dies weitgehend offen, wobei man als Zuschauer selbstverständlich die heimliche Überlegung anstrengt, wer schuldig sein könnte oder wer eben nicht.



    Die geistreiche Verknüpfung der Geschehnisse mit dem alten Kinderlied der "Zehn kleinen Negerlein" und dessen Strophen, die die Art des Todes ankündigen, lässt eine todbringende, jedoch unsichtbare Hand in jedem Winkel des Palastes vermuten. Einfache aber wirkungsvolle Kniffe kommen bei den Ermordungsszenen zum Tragen und auch die Vielfalt der Methoden schmeichelt dem kaum nachlassenden Spannungsbogen. Interessant ist die Tatsache, dass man als Zuschauer kaum die Fragwürdigkeit der gesamten Angelegenheit anprangert, sondern mitunter selbst urteilt, da die Personen in klassische Fraktionen zwischen sympathisch und weniger angenehmen eingeteilt werden. Diese Klassifizierung macht selbst vor den eigentlichen Protagonisten nicht immer halt, was gleichzeitig das Misstrauen schürt und beinahe jeden in ein verdächtiges Licht rücken kann. Doch die Reihen lichten sich nach und nach, sodass prominente Namen ziemlich früh manch wirkungsvollen Abgang erfahren. Die hohe Dichte an international bekannten Stars zeichnet diese Produktion im Besonderen aus. Da jeder der zehn Gäste pauschal unter Anklage gestellt wurde, ist es insgesamt schwierig, sich mehrere Identifikationsfiguren herauszusuchen. Oliver Reed schlägt aus dieser Voraussetzung in bemerkenswerter Weise Profit und er ist in einer vollkommen gelösten Performance zu sehen, die entgegen einer empfunden launischen Darbietungen in eine Art Improvisation übergeht, die insbesondere im Zusammenspiel mit Partnerin Elke Sommer sichtbar wird. Reed tritt einerseits wie ein klassischer Einzelgänger auf, andererseits ist es ihm in diesem Vakuum aber auch völlig klar, dass man alleine möglicherweise nicht überleben kann. Derartige Allianzen oder Grüppchenbildungen finden nahezu bei allen Personen statt, bevor sich die Reihen dezimieren. Zwischen Oliver Reed und Elke Sommer spielt sich zusätzlich ein spürbares Knistern ab.



    Dieses lädt die ohnehin angespannte Atmosphäre mit einer angenehmen Prise Erotik auf, was angesichts der Tatsache, dass man eigentlich niemandem trauen kann, noch für zusätzlichen Zündstoff sorgen könnte. Elke Sommer hinterlässt einen sehr angenehmen Eindruck, ohne dabei gezielt in die Trickkiste der großen Schauspielkunst zu greifen. Ihre Eigenschaften lassen sich über ihren Beruf der Sekretärin herleiten. Sie führt Anordnungen aus, lässt sich leiten und ergreift nicht selbst die Initiative, sodass Oliver Reed gut mit seinem coolen Offensiv-Charme zum Zuge kommen darf. Im Szenario gibt es neben Sommer kaum weitere weibliche Parts, jedoch sind die wenigen als deutliche Pendants zueinander aufgebaut. Die stets so gerne gesehene Maria Rohm, in nahezu unmöglicher Aufmachung, präsentiert Züge einer schwarzen Seele; schlechte Voraussetzungen für das Überleben in einer solchen Geschichte. Die umwerfende und geheimnisvoll wirkende Stéphane Audran strotzt vor weiblichem Selbstbewusstsein, Eleganz und vereinnahmendem Charme und der Aufbau der Rollen sieht daher strikt vor, dass sich die drei Damen nicht um Berührungspunkte, sondern eher um Sicherheitsabstand bemühen werden. Im weiteren Verlauf kommt es zu Geständnissen auf einem brodelnden Vulkan, zumindest von den meisten Beteiligten. Hierbei bietet die Herrenriege ebenfalls sehr unterschiedliche Skizzierungen an. Es gibt die Kultivierten und die Ordinären, die Diskreten und die Nervösen, die fast Sympathischen und Unsympathischen, doch eines werden die meisten gemeinsam haben, nämlich einen gewaltsamen Tod. Letztlich lässt sich sagen, dass sich durch die Bank sehr stichhaltige Leistungen offenbaren, wie beispielsweise von Richard Attenborough als Richter, der sich zu keinem Zeitpunkt in die Karten blicken lässt und bei dem man selbst an der Mimik keine Regung ablesen kann, oder Herbert Lom, als nervöser Arzt mit Alkoholproblem.



    Auch Gert Fröbe erlaubt sich eine seiner berüchtigten Performances rund um ungeduldige Anwandlungen und lautes Lospoltern, Adolfo Celi verbreitet seinen weltmännischen Touch und Charles Aznavour und Alberto de Mendoza runden das Geschehen gekonnt als Stichwortgeber ab. Die Allianzen untereinander werden schließlich mit dem Tod quittiert, sodass es in diesem prunkvollen, aber abgelegenen Palast in der Wüste effektiv nur Einzelgänger geben kann, ausgenommen man steht zu Unrecht unter Anklage. Die atemberaubende Kulisse liefert übrigens die Hotelanlage des Shah Abbas Hotel, das heute Abbasi Hotel heißt, in der iranischen Stadt Isfahan. Peter Collinson schafft es insgesamt sehr gut, dem Stoff von Agatha Christie neuen Schwung und Glanz zu verleihen und auch für den Fall, dass man die Geschichte bereits als Roman oder aus einem Film kennt, kommt es zu einem durch und durch interessanten und weitgehend spannenden Sehvergnügen. In Kombination mit Carlo Rustichellis hervorragender Musik und auf die Seheindrücke abgestimmten Arrangements, die insbesondere bei den Ermordungsszenen so wirken, als spiele ein gesamtes Streichorchester auf den Nerven des Zuschauers, kommt man in den Genuss eines sehr unterhaltsamen und vielmehr schonungsloser vorgehenden Films, der innerhalb des durchaus bestehenden Korsetts eigene Wege gehen wird. Im Endeffekt hat jede Adaption dieses Christie-Stoffes ihre Qualitäten und deutliche Vorzüge, aber auch Schwächen bei der Umsetzung zu bieten und ob der Flick nun "Das letzte Wochenende", "Geheimnis im blauen Schloss", "Ein Unbekannter rechnet ab" oder "Tödliche Safari" heißen mag, die starke Vorlage stellt bei jeder der Verfilmungen schon einmal die halbe Miete dar. Peter Collinsons Werk ist und bleibt nach persönlichem Geschmack jedenfalls die stärkste und ansprechendste Version im Rahmen des "Zehn kleine Negerlein"-Prinzips und ist immer wieder gerne gesehen.

  • Autor: Prisma
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