Vier Fliegen auf grauem Samt

Frankreich | Italien, 1971

Originaltitel

4 mosche di velluto grigio

Alternativtitel

4 Moscas sobre terciopelo gris (ESP)

4 mouches de velours gris (FRA)

Quatro Moscas de Veludo (POR)

Four Flies on Grey Velvet

Deutsche Erstaufführung

19. Mai 1972

Regisseur

Dario Argento

Inhalt

Meist sind es Künstler, die in Argentos phantasievoll gestalteten Thrillern in mörderische Bedrängnis geraten. »4 mosche di velluto grigio« — eines seiner unbekannteren Werke — bildet da keine Ausnahme, der Protagonist hier nennt sich Roberto und ist Schlagzeuger in einer Rockband. Schon seit geraumer Zeit wird er von einem mysteriösen Mann verfolgt, und nachts erhält er merkwürdige Anrufe. Eines Tages gelingt es ihm, seinen Verfolger in einem leeren Theater zu stellen. Es kommt zu einem Handgemenge, der Unbekannte wird versehentlich von Roberto erstochen. Als er am nächsten Tag einen Umschlag mit den Fotos des Zwischenfalls erhält, spürt er, dass seine Schwierigkeiten gerade erst begonnen haben, und schon bald darauf gibt es in seinem Umfeld einige scheußliche Todesfälle. Da er nicht zur Polizei gehen kann, muss Roberto hilflos zuschauen, wie er tiefer und tiefer in eine mysteriöse Abwärtsspirale des Horrors abdriftet…

Review

Leider kann ich viel mehr nicht verraten, da es gerade der Wendungsreichtum ist, der »4 mosche di velluto grigio« zu dem unvergesslich bizarren Filmvergnügen machen, das er auch über 40 Jahre nach seiner Entstehung noch ist. Argento hatte eigentlich geplant, dass dieser giallo nach »L’uccello dalle piume di cristallo« (1969) und »Il gatto a nove code« (1971) sein letzter werden sollte, und versuchte daher alles, was ihm bis dato in Sachen Kamera, Farbgestaltung, Schnittdynamik und Musik vorgeschwebt hatte, zu vereinen. Sein Perfektionismus führte zu herben Auseinandersetzungen mit seinem Komponisten Ennio Morricone, die so gravierend waren, dass die beiden anschließend 25 Jahre kein Wort mehr miteinander wechselten. Weitaus weniger erfolgreich als seine Vorgänger — in den USA war der Film bis 2009 nie auf Video oder DVD erhältlich gewesen und auch nicht im Fernsehen gezeigt worden! —, ist »4 mosche di velluto grigio« dennoch (oder gerade deswegen) eine von Argentos bemerkenswertesten und interessantesten Arbeiten. Die Geschichte um einen Mörder, der durch das letzte Bild, das sich auf der Netzhaut eines seiner Opfer befindet, überführt wird, ist so frisch und abstrus, dass man sich einfach in sie verlieben muss. Nach diesem Film, dem letzten Teil der sogenannten Tier-Trilogie (in den jeweiligen Originaltiteln geben sich unterschiedliche Tierchen die Ehre), drehte Dario Argento eine Serie fürs Fernsehen sowie eine Komödie mit Adriano Celentano, die so schlimm floppte, dass er sich ab 1975 wieder dem Genre widmete, das ihn groß gemacht hatte.

 

Die Paramount, die den US-amerikanischen Verleih von »4 mosche di velluto grigio« übernahm, bat sich ein Mitspracherecht bei der Besetzung aus. Tom Courtenay, Michael York, Terence Stamp und Ringo Starr (!) waren für die Rolle des Roberto im Gespräch, bevor Michael Brandon den Zuschlag erhielt. Argento bezeichnete ihn später als »Idealbesetzung«. Die weibliche Hauptrolle ging an die burschikose Chicagoerin Mimsy Farmer, die mit Barbet Schroeders »More« (1969) in Europa für Furore gesorgt hatte und noch bis in die späten Achtziger hinein regelmäßig in italienischen und französischen Produktionen zu sehen sein sollte; »Il profumo della signora in nero« (Regie: Francesco Barilli) und »Macchie solari« (Regie: Armando Crispino) sind zwei ihrer bekanntesten gialli aus den Siebzigern. Für den Humor sorgen hier Bud Spencer als Gott (!) und Jean-Pierre Marielle als schwuler Privatdetektiv. Sicher geht einem das Spiel mit supertuntigen Stereotypen recht bald auf den Senkel, da es sich bei »4 mosche di velluto grigio« jedoch um einen Streifen handelt, in dem sexuelle Identitäten eine zentrale Rolle spielen, kann man tapfer darüber hinweg sehen. Abgesehen davon ist »4 mosche di velluto grigio« ein Augenschmaus! Argento sind hier einige seiner besten visuellen Bildfolgen gelungen, wie etwa die Verfolgungsjagd durch die überfüllten Abteile der U-Bahn, die spannungsgeladene Szene im nächtlichen Park, die Ermordung Francine Racettes oder das irre Finale in Zeitlupe, bei dem sage und schreibe zwölf Autos verschrottet werden mussten, ehe Dario Argento zufrieden war. Die Alptraumsequenzen, in denen Roberto zusehen muss, wie in einer Arena ein Jüngling geköpft wird, ziehen sich unnachahmlich elegant wie ein roter Faden durch das Verwirrspiel dieser ungewöhnlichen Story, die als eine Art Präludium zu Argentos großem Meisterwerk »Profondo rosso« (1975) gesehen werden kann.

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