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Gangster sterben zweimal

Italien, 1968

Originaltitel:

Gangsters '70

Alternativtitel:

Days of Fire (USA)

Der Airport-Coup

Deutsche Erstaufführung:

13. Juni 1969

Regisseur:

Mino Guerrini

Inhalt

Fabio Destil (Joseph Cotten), ein Mann mit Prinzipien und Gangster der alten Schule, wird nach jahrelanger Haft auf freien Fuß gesetzt. Während die Justiz nach so langer Zeit an seine Resozialisierung glaubt, will Fabio ein Ausrufezeichen setzen. Im Gefängnis arbeitete er über Jahre hinweg einen minutiös geplanten Coup aus, den er nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt mit seinen Komplizen durchführen möchte. An einem Flughafen werden Sicherheitsbeamten Rohdiamanten abgenommen, welche eine Garantie für Destils Lebensabend in Griechenland liefern sollen. Als er die millionenschwere Beute in Händen hält, schaltet sich sein brutaler Konkurrent Affattato (Bruno Corazzari) ein, der eine Zusammenarbeit als Geldgeber und Partner zuvor abgelehnt hatte. Ein Kampf um Leben und Tod bahnt sich an...

Autor

Prisma

Review

Der italienische Regisseur und Drehbuchautor Mino Guerrini war ab Mitte der 60er Jahre eine Dekade lang mehr oder weniger gut im Filmgeschäft etabliert und konnte sowohl mit Ware von der Stange, als auch künstlerisch anspruchsvollen Beiträgen überzeugen. Bereits ein sporadischer Blick auf sein Schaffen zeigt deutlich auf, dass seine Filme oftmals an das legitime Prinzip von Angebot und Nachfrage angepasst waren, was jedoch nie ein Garant für Kassenschlager war - oder immer noch ist. Die Konkurrenz schläft auch in der Filmbranche nicht. Sein Kriminal-Drama "Gangster sterben zweimal" deutet bereits über den deutschen Titel unmissverständlich an, dass der geplante Coup nicht so reibungslos über die Bühne gehen wird, wie es sich der Protagonist ausgemalt hat. Für einen Gangster der alten Schule, der seinen unfreiwilligen Aufenthalt im Gefängnis nach mehreren Jahren endlich hinter sich gebracht hat, stellt dieser unerbittliche zeitliche Aspekt gleich den größten Fallstrick seines Vorhabens dar, denn die Jahre in der realen Welt außerhalb der Gefängnismauern zogen ohne ihn davon, während sie in der Haft still zu stehen schienen. Dies ist vorwiegend im übertragenen Sinne anzumerken, denn auch in einer Zwangspause dreht sich die Welt weiter. Allerdings hat der Protagonist die Schnelllebigkeit des Geschäfts unterschätzt, oder zumindest nicht mit einkalkuliert. In Gangsterkreisen kommt es zu einer Degradierung Fabio Destils über die Erinnerung an alte, vielleicht sogar glorreiche Zeiten: ein Relikt mit wohlklingendem Namen, allerdings ohne jegliche Mittel, um irgendwie mithalten zu können, beziehungsweise sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf der drohenden Vergessenheit herausziehen zu können. Die Geschichte kokettiert gleich zu Beginn mit schillernden Gegensätzen, bei denen es jedoch unmöglich erscheint, sie in irgendeiner Weise brauchbar auf einen Nenner bringen zu können. Reichen Fabios minutiöse Planung und die Jahrzehnte lange Erfahrung aus, um noch einmal das ganz große Ding drehen zu können, nach dessen Gelingen die Unterwelt voller Bewunderung auf die Knie fallen würde? Dem Publikum wird diese im Grunde rhetorische Frage durch einen Vertrauensvorschuss bezüglich der Hauptfigur als nicht zu hinterfragend beantwortet, sodass man sich leicht auf die bevorstehenden Verhandlungen einlassen kann.

 

Mino Guerrinis Film wurde nicht zuletzt wegen seiner langen Laufzeit vielerorts eine zu behäbige Erzählstruktur angelastet, die bei diesem Thema jedoch gerade als unabdingbares Lebenselixier gesehen werden muss. Minutiöse Planung erfordert Zeit, die allerdings nicht mit der Ewigkeit hinter Zuchthausmauern zu vergleichen ist, die Fabio selbst am eigenen Leib empfunden hat, zudem dürfen beim Aufgreifen der prekären Thematik, ob es überhaupt ein perfektes Verbrechen geben kann, zumindest zu Beginn keine überstürzten oder gar hastigen Tendenzen aufkommen. Sie würden die Dramaturgie empfindlich treffen und sie eines ihrer wichtigsten, zum eventuellen Abruf bereitstehenden Stil-Elemente berauben. Zunächst klingt jedes Detail von Destils Schilderungen nachvollziehbar, aufsehenerregend und sogar so lückenlos, dass sich dem losen Empfinden nach zumindest alles im Bereich des Möglichen abspielen könnte - wenn sich nicht umgehend einige verrostete Zahnräder in der Maschinerie herauskristallisieren würden. Beiträge wie diese leben in der Regel von solchen, für Spannung und Anteilnahme beschwörenden Elementen, da es für den Zuschauer zu einer Verschiebung seines eigenen Gerechtigkeitsempfindens und der Einteilung in Gut und Böse kommt. Diese hierarchisch angelegte Konstruktion gewinnt zusätzlich an Stabilität, wenn der kriminelle Abschaum mit den miesesten Fratzen ausgestattet ist und darüber hinaus so unsympathisch, unmenschlich und rücksichtslos gezeichnet wird, dass sich der im Prinzip ebenfalls kriminelle Hauptdarsteller über seine Kontrahenten erheben kann. Er ist nicht aus dem gleichen Holz wie ein Fiesling namens Affattato geschnitzt, so viel ist sicher, und genau hier ergeben sich die vielen, möglicherweise vorerst unsichtbaren Fallen, in die der als Protagonist auserkorene Destil tappen könnte. Lange Vorstellungen der beteiligten Charaktere erzählen von einem Luxus der Unaufgeregtheit, der sich auf Seiten der Regie und des Scripts finden lässt, wenngleich es je nach Sphäre, in der sich die Geschichte oder das jeweilige Gemüt gerade befindet, zu deutlichen Unterschieden kommen darf, was die Handlung durchgehend frisch und spannend im Erzählfluss hält.

 

Destil kommt nach mehreren Jahren aus dem Knast und kann trotz seines fortgeschrittenen Alters noch die nötige Kraft und Euphorie für sein Vorhaben entwickeln, was ihn in seiner Auszeit am Leben hielt, da er sich ein deutliches Ziel vor Augen malte: einen unabhängigen Lebensabend zu genießen. Ganz neu ist die Idee, in aller Abgeschiedenheit einen Coup zu schmieden, für ihn offensichtlich nicht ganz, denn immerhin hat er bereits vor seiner Verhaftung Maßnahmen getroffen, bei denen zumindest ein Notgroschen für das nächste Unternehmen herausspringen dürfte. Doch die Katze war zu lange aus dem Haus, sodass seit geraumer Zeit bekannte, aber auch unbekannte Mäuse und Ratten auf Destils Tisch tanzen. Seinen guten Namen kennt dem Empfinden nach nur noch der Wind oder diejenigen, die ihm die Treue gehalten haben. Ehrfurcht, Angst oder Demut erscheinen nach einer solchen Zeitspanne Mangelware, beziehungsweise sind überhaupt nicht mehr vorhanden. Die Tatsache, dass der letzte Kenntnisstand der Hauptperson mehrere Jahre alt ist, verschafft seinen Kontrahenten einen Vorteil, den er allerdings nicht sehen kann, da er sich auf seine ebenfalls in die Jahre gekommene Lobby verlässt. Diese lässt sich bereits am Spieltisch in die Tasche stecken. Reich an Erfahrung, aber ohne die nötigen finanziellen Mittel, muss sich Fabio Destil auf Kompromisse einlassen, die unter anderem auch seine Crew betreffen, sodass sie nach kürzester Zeit aus mehreren Schleudersitzen besteht. Der Verlauf konzentriert sich in langen Intervallen auf die Planung des bevorstehenden Verbrechens und die damit auftauchenden Stolpersteine, sodass Regisseur Mino Guerrini ein überaus sorgsamer Bearbeitungsstil bescheinigt werden kann, der die narrative Finesse in den Vordergrund stellt, ohne sich zu vieler Zweideutigkeiten bedienen zu müssen. Die Inanspruchnahme eines zeitlichen Luxus, der insbesondere das erste Drittel in die Länge zieht, bereitet gleichzeitig wenig schonend darauf vor, dass man sich nicht allzu große Hoffnungen machen soll, dass hier alles wie geplant verlaufen wird, denn immerhin setzt der Boss auf Helfershelfer, die von vorneherein disqualifiziert wirken.

 

Hierbei handelt es sich um Personen, deren Integrität sich aus unterschiedlichsten Gründen infrage stellt, oder deren mentale Kapazitäten längst derart ausgereizt sind, dass man mit Erstaunen feststellt, wie sich der geplante Raubzug zwar komplikationsbeladen, aber dennoch zielorientiert durchsetzen kann. "Gangster sterben zweimal" wird durch eine auffällig detaillierte und opulente Bildgestaltung veredelt, deren reißerische Intervalle immer wieder durch blitzschnell einschießende Flashbacks aufgeweicht werden, bis sich sogar eine gewisse Melancholie bemerkbar macht. Im Zusammenhang mit großen, unerfüllten Träumen wirken diese Phasen wie eine weit offen stehende Tür, in die Vergangenheit und Zukunft zugleich führt, da sie exemplarisch aufweisen, dass es noch einen Ausweg geben könnte, bevor die Katastrophe ihre wahrscheinliche Klimax findet. Die ausgewählten Rückblenden zeigen bessere, vielleicht sogar glücklichere, weil demütigere Tage, in denen vor allem Frauen eine wichtige Stellung einnehmen, die einst eine essentielle Rolle spielten und für die es sich lohnen würde, wieder den Weg der Tugend einzuschlagen. Gleichzeitig deutet die Regie mit dieser sich in Andeutungen verlierenden Strategie auch unausweichliche Schocks an, die vor allem der deutsche Verleihtitel anzukündigen versucht. Hierbei leistet die vorwiegend italienische Besetzung besondere Schützenhilfe bei der Produktion, die von Hollywood-Ikone Joseph Cotten angeführt wird. Zwischen Cotten und dessen Filmcharakter zeigt sich insofern eine Parallele, als sich beide im Spätherbst ihres Lebens befinden, zumindest karrieretechnisch gesehen. Die großen Erfolge des US-amerikanischen Schauspielers lagen zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile zurück, genau wie bei Fabio Destil, der zu lang die Isolation von Gefängnismauern kennenlernen musste. Eines haben beide jedoch gemeinsam, nämlich einen immer noch wohlklingenden Namen, an den man sich noch gut erinnert. Joseph Cotten überrascht mit merklicher Nonchalance, die sogar seine eigene Nervosität zu überstrahlen versucht. Es lässt sich erahnen, dass man mit ihm immer gute Geschäfte oder Fischzüge starten konnte, doch die Zeiten haben sich gravierend geändert und es scheint keine Ganovenehre mehr zu geben.

 

Zubringer wie Franca Polesello, Giampiero Albertini oder Giulio Brogi sorgen dafür, dass die angekündigte Perfektion des Plans durch deren Dilettantismus, beziehungsweise menschliche Schwächen permanent in Gefahr gebracht wird. Sie sorgen jedoch für humane Untertöne, die beim Publikum sehr gut ankommen. Als perfider Gegenspieler kann Bruno Corazzari überzeugen, da es sich bei seinem Charakter um eines der Schlusslichter der kriminellen Nahrungskette handelt. Im Grunde genommen ist jeder einzelne nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, wenngleich es von Fall zu Fall sicherlich kleine, aber feine Unterschiede gibt, und im Endeffekt ist es die sich aufbäumende Tragik, die diese unter dem Nimbus eines hoch interessanten Vertreters des italienischen Polizeifilms strahlenden Verlauf so vielseitig erscheinen lässt. Die Durchführung des bedeutsamen Diamantenraubs wechselt sich mit immer stärker werdenden Zweifeln und Erschöpfungszuständen der Akteure ab, die schemenhaft ein verlockend ruhiges, aber solides Leben vor sich sehen, den Griff nach den Sternen aber aus mehreren Gründen vorziehen werden. Bedeutsam ist die unübersehbare Intention der Regie, die Moral von der Geschicht' transparent zu schildern, sie jedoch nicht allzu wertend als Schlusspunkt zu präsentieren, da es sich immerhin noch um einen klassischen Unterhaltungsfilm handeln soll. Die Hauptpersonen wahren ihre Ecken und Kanten, jedoch nicht alle ihr Leben, und sehen das Wesentliche oft wie Visionen vor sich, können aber die Macht der Gewohnheit nicht bezwingen. Der Titel "Gangster sterben zweimal" fällt so gut wie nie in einem Atemzug mit den ganz großen Vertretern des italienischen Polizeifilms, kann aber durch ganz gezielte Pointen und eigene Akzente überzeugen, wenn nicht sogar überraschen. So bleibt er nahezu als unterbewerteter Film in Erinnerung, der ganz bestimmt einige aufmerksame Betrachtungen verdient hat, auch wenn er schnell auf viele Parallelen reduziert werden kann, die das Genre auszeichnen. Mino Guerrini legt Wert auf einen künstlerischen Anspruch über dem Durchschnitt, der seine Trugbilder irgendwann in einem der untergehenden Sonne entgegenfahrenden Lamborghini Miura P400, in funkelnden Rohdiamanten oder nicht mehr zu kontrollierenden Emotionen spiegelt. Sehenswert!

Autor

Prisma

Kommentare (1)

  • Thomas Hortian

    Thomas Hortian

    19 August 2020 um 19:18 |
    An den bin ich auch ohne große Erwartungen rangegangen und wurde positiv überrascht. Ein feiner, sorgfältig inszenierter und gut gespielter Heist mit bösem Erwachen.

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