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Kidnapping... ein Tag der Gewalt

Italien, 1977

Originaltitel

Operazione Kappa: Sparate a vista!!

Alternativtitel

Opération K (FRA)

Kidnapping

Giorni di violenza

Day of Violence

Regisseur

Luigi Petrini

Drehbuch

Luigi Petrini

Inhalt

Für Paolo und Jo ist der Partyabend nicht nach ihren Vorstellungen gelaufen. Der eine, Paolo, wird des Hauses verwiesen, da er beim Sex mit der Gastgebertochter erwischt wird, der andere, Jo, verzieht sich, weil seine Potenz versagt. Vom Missmut geplagt treffen die beiden Personen in einem kleinen Park aufeinander und fassen den Entschluss Anna aufzusuchen, um dieser ihre Potenz zu beweisen. Doch das Mädchen ist nicht bereit sich den Gelüsten ihrer „Gäste“ hinzugeben. Annas Hilferufen folgend verschafft sich die Nachbarin Einlass in die Wohnung und muss ihre Zivilcourage mit dem Leben bezahlen. Doch das ist erst der Anfang eines bespiellosen Terrorzugs…

Review

„Katzen haben die richtige Einstellung. Die fressen und scheißen nur und tun nichts weiter als in den Tag hinein zu leben. Uns Beiden kann auch die ganze Welt den Buckel runterrutschen.“ (Paolo)

 

Der Erfolg, den die Psychoanalyse innert der Gesellschaft verbuchen konnte, ließ eine Psychologisierung der Lichtspiele folgen. Die Täter wurden fortan genauer beleuchtet und die Auslöser für ihre Taten ohne gleichen ließen sich aus dessen (des Täters) Vergangenheit beziehungsweise seiner Lebensgeschichte dechiffrieren. Dieses Modell greift seit Jahrzehnten und wird auch in Zukunft ein unverzichtbares Versatzstück, ungeachtet ob Kino- oder TV-Produktion, bleiben. „Kidnapping ... ein Tag der Gewalt“ speist ebenfalls von dieser Rezeptur. Dabei lanciert - und das ist von großer Bedeutung - der Regisseur, Luigi Petrini, seine Hauptcharaktere, Paolo und Joe, als absolut widerliche Zeitgenossen. Seine Verfahrensweise ist somit eindeutig, denn sie verzichtet darauf, den Zuschauer in eine Zwickmühle zu drängen, um ihn zu einer Partnerschaft mit dem Abartigen zu verführen. Folglich unterzieht der Regisseur seine mordenden, vergewaltigenden und marodierenden Hauptcharaktere einer abjekten Färbung, die sie von jenen Lichtspielbestien, welche zu einem Chargieren zwischen Sympathie und Antipathie verleiten, deutlich divergieren lassen, sodass auf ein mögliches Spiel mit dem Zuschauer verzichtet wird.

 

Der Ausgangspunkt für Terror und Gewalt ist innert der Welt der Reichen und Schönen gelagert, dort wo man einen Typen wie Paolo, der sich nimmt was er braucht, ohne dabei die Konsequenzen zu bedenken, nicht dulden will und ihn postwendend des Hauses verweist. Mit diesem Rausschmiss meldet sich zeitgleich ein in Paolo brodelnder Hassvirus, der mit einem außerordentlichen Tatendrang etikettiert ist. Folglich kommt es ihm (Paolo) sehr gelegen, den (aufgrund von Potenzproblemen) frustrierten Jo vor dem „Partyhaus“ zu begegnen. Ein Typ, der sich für Paolos Wutrede äußerst empfänglich zeigt und den erwähnten Virus während des gemeinsamen Rauchens eines Joints tief inhaliert. Zeigt sich Jo anschließend noch als desorientierter Mitläufer, gewinnt der Virus mit der Zeit immer mehr Macht über den Jugendlichen, sodass dieser zu einem gleichwertigen und später gar zu einem deutlich übleren Zeitgenossen mutiert, als ihn der ohnehin von jeglicher Menschlichkeit befreite Paolo darstellt.

 

„Ich versuche doch nur, das zu bekommen, was mir das ganze Leben vorenthalten hat.“ (Paolo)

 

Petrinis Film speist seine Ambitionen aus Cravens „Last House on the Left“. Ferner findet man in dem, der deutschen Veröffentlichung von Subkultur beigefügten, Booklet einen historischen Verweis auf das „Massaker von Circeo“. Der aus diesen Vorlagen kombinierte Handlungsablauf ist einfach gestrickt, allerdings von einem äußerst coolen Schneiderlein, welches die Maschen derart erfolgreich zusammenführt, dass sich Spannung und Brutalität fortwährend kollegial die Hände reichen. Folglich ist der Film von keinerlei Leerlauf befallen und lädt zu einem Dauerlooping auf der Achterbahn, dessen Nervenkitzel stets von der Unberechenbarkeit der beiden Antagonisten angefeuert wird. Denn Paolo und Jo sind einfach die letzten Wichser und ich habe ihnen während des Films mehrfach einen qualvollen Tod gewünscht, was wiederum für die starken Leistungen der Mimen (Mario Cutini und Marco Marati) spricht, die die Restbelegschaft im Handumdrehen an die Wand spielen. Schade, dass Marati anschließend in der Versenkung verschwand. Cutini blieb uns zwar etwas länger erhalten, konnte allerdings nicht den großen Durchbruch im italienischen Genrekino schaffen, obwohl seine Optik (ähnlich Marc Porel) bestimmt den Geschmack zahlreicher Zuschauerinnen getroffen hat.     

 

„Um aus dieser Gesellschaft auszusteigen, muss man hart kämpfen. Man schafft das, wenn man sehr viel Glück hat oder wenn man sich ein kriminelles Ding einfallen lässt.“ (Paolo)

 

Dieser geforderte Einfallsreichtum kann aufgrund der kriminellen Energie, die durch die beiden Geiselnehmer fließt, locker offeriert werden, denn die Jungs ziehen fleißig Alk, Joints und Speed, sodass ihr Ideenspross sowie die einhergehenden Hassausbrüche von keiner Hemmschwelle blockiert werden. Sie würden jeden Stadtteil liebend gern in einen Friedhof verwandeln, da sie die Gesellschaft (besonders prekär, da Jo selbst aus reichem Hause stammt) abgrundtief hassen. Ob diese Personen allerdings unbedingt die Drogen benötigen, um zu den Bestien (die sie darstellen) zu mutieren, lasse ich mal dahingestellt, da die beiden Kollegen simultan zum Filmstart ihr Über-Ich zum Cornflakes zählen nach Grönland abkommandiert haben, damit das Es dem Ich einige Arschtritte verpassen konnte, um es (ebenfalls) aus dem Haus(halt) zu kicken, sodass reichlich Spielraum für ausgiebige Gewaltorgien geboten wird. Während dieser Gewaltexzesse geraten alle weiteren Darsteller/innen aus dem Fokus, sodass beispielsweise der Kurztrip in das Privatleben des (die beiden Halunken jagenden) Inspektors, Aldobrandi, zu einem unnötigen Beiwerk verkommt, das uns kurzzeitig aus einem ansonsten bestens florierenden Zirkusmief herausreißt.

 

Fazit: Luigi Petrini bittet sein Publikum zu einem spannenden, dreckigen und saubrutalen sowie handwerklich wie dramaturgisch gut choreographierten Polkatänzchen, welches Parkett und Wände gleichermaßen wackeln lässt. Die Frage, ob der Film zu bekannt ist, um ihn als Geheimtipp zu suggerieren, beantworte ich mit einem Bond-Zitat aus dem 2006er „Casino Royale“ (bitte mit leicht erboster Stimme vorstellen): „Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?”

 

Also zur Hölle mit der Pfennigfuchserei: Geheimtipp!

Links

OFDb
IMDb

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