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Knie nieder und friss Staub

Italien | Spanien, 1971

Originaltitel:

Anda muchacho, spara!

Alternativtitel:

Ma dernière balle sera pour toi! (FRA)

El sol bajo la tierra (ESP)

Dead Men Ride (USA)

At the End of the Rainbow

Deutsche Erstaufführung:

23. Juni 1972

Regisseur:

Aldo Florio

Inhalt

Nach vielen Jahren Zwangsarbeit in einem Steinbruch gelingt Roy Greenford gemeinsam mit einem Mithäftling, Emiliano, die Flucht. Doch die Strapazen fordern eine enorme physische Energie, die Emiliano nicht aufbringen kann und somit dem Ruf des Sensemanns folgend ins Jenseits einzieht. Kurze Zeit später trifft Roy, mittlerweile ebenfalls am Ende seiner Kräfte angelangt, auf den Goldschürfer Joselito, der den Ausbrecher gesund pflegt und einhergehend von drei Schurken berichtet, welche die mexikanischen Goldsucher mittels ihrer Schergen misshandeln und gnadenlos ausbeuten. Roy, der der Geschichte aufmerksam folgte, macht sich, dank Joselito zu alten Kräften zurückgekehrt, einige Tage später auf den Weg in die benachbarte Ortschaft. Seine erste Anlaufstation ist der hiesige Friseursalon, wo er den Barbier mit einem Wort: E M I L I A N O, dermaßen aus der Fassung bringt, das der Figaro geschwind zur Flinte greift. Doch die doppelläufige Arie wird von Roys Colt postwendend abgewürgt, sodass der Barbier Knall auf Fall seinen letztmöglichen Atemzug vollendet. Wer das Spielzeug des Todes, den Colt, derart effektiv bedienen kann, der evoziert in seinem Umfeld große Aufmerksamkeit, sodass die Handlanger der eingangs umrissenen Ausbeutertrinität (namentlich Redfield, Newman und Lawrence) hellhörig werden. Infolgedessen berichten sie ihren Dienstherren umgehend von dem ominösen Fremden, der (mit dem Ziel das ohnehin kriselnde Dreiergespann gegeneinander auszuspielen) schon bald in deren Dienste tritt. Welche Ziele verfolgt Roy Greenford? Ist er auf der Suche nach Rache oder giert er einfach nur nach Reichtum?

Review

Die gestellten Fragen erhalten sukzessive ihre Antworten, denn das sorgfältig verfasste Drehbuch präsentiert sich als ein bedeutsamer Begleiter eines Italo-Western, der sehr viel richtig macht und meines Erachtens sein üppiges Potential in der höchsten Spielklasse der Italo-Western entfaltet. Begleitet von einer tollen, von Bruno Nikolai aus der Wiege gehobenen Musikkomposition, die eine Nähe zu den Tondichtungen eines Ennio Morricone registrieren lässt, werden wir unmittelbar nach unserem Filmeintritt mit der Flucht eines Strafgefangenen, der uns fortan als Reflektorfigur dient, konfrontiert. Auf die unmittelbar aufgerufene Frage, warum der Strafgefangene, Roy Greenford, eine Haftstrafe verbüßen musste, liefert uns „Knie nieder und friss Staub“ allerdings keine Antwort. Es wird ergo weder der Grund für die Freiheitsstrafe noch die Aussicht, dass Roy unschuldig inhaftiert wurde (wie es bei den Identifikationsfiguren in ähnlich konstruierten US-Western zumeist der Fall ist), mitgeteilt. Seine Biografie könnte demgemäß ein schwarzes Kapitel enthalten, welches ihn im Vergleich zu seinen verkommenen, niederträchtigen wie habgierigen Gegenspielern generell zu keinem wirklich besseren Menschen macht. Seine Divergenz zu diesen Typen begründet sich im Wesentlichen mit einem gewissen Maß an Menschlichkeit, die Roy davor bewahrt, jene abartigen Taten zu vollziehen, die zum täglich Brot seiner Kontrahenten, deren Bösartigkeit mittels ihrer unermesslichen Gier nach Reichtumsmaximierung fortwährend aufrecht erhalten wird, gehören. Er grenzt sich demnach nicht durch besonders edle Taten (wie sie viele Westerner in den US-Lichtspielen ausführen oder, um es noch deutlicher zu illustrieren, wie sie Old Shatterhand praktiziert) vom inhumanen Gesindel ab, sondern dadurch, dass er gewisse Taten einfach unterlässt, was ihn zwar nicht sonderlich adelt, aber zumindest in einem besseren Licht erscheinen lässt als jene Bagage gegen die er in den Kampf zieht.

 

Die Jagd nach Gold gehört zum italienischen Western wie die Jagd nach harten Dollars und die damit einhergehende Brutalität und Rücksichtslosigkeit, die ihre Antagonisten offenbaren, um sich den begehrten Reichtum einzuverleiben. Der Goldrausch sowie die amerikanische Umschreibung Goldrush benamsen übrigens nicht die ein und dieselbe Sache. Der Begriff Goldrausch steht für den Rausch, in den die emsigen Goldschürfer nach der Bekanntmachung eines Goldfunds versetzt werden. Die Begrifflichkeit Goldrush allegorisiert hingegen die Bewegung (die Massen pilgern zum Fundort), die besagter Goldfund auslöst. Ergo sorgt die Allianz von Rausch und Bewegung dafür, dass sich viele Menschen an einem Ort versammeln, sodass zwangsläufig eine Stadt entsteht. Eine Stadt, in der das organisierte Verbrechen, deren Oberhaupt sich mit legalen Organisationen arrangiert, kurzerhand (s)eine dominante Schaltzentrale errichtet. An dieser umrissenen Spielart orientiert sich - egal ob grob oder weniger grob - Aldo Florios Westerninszenierung „Knie nieder und friss Staub“. Drei skrupellose Personen haben ein Monopol (an dem auch die ortsansässige Bank beteiligt ist) konstruiert, das die mexikanischen Goldsucher respektive Bergleute ausbeutet und - wenn es aus ihrer Sicht erforderlich ist - mittels ihrer Schergen beseitigen lässt. In diesen von Mord und Gewalt beherrschten Mikrokosmos tritt der schweigsame Fremde ein, um entweder - denn das steht lange Zeit in den Sternen - den letzten Willen seines ehemaligen Mithäftlings (Emiliano) zu erfüllen oder um ausreichend Edelmetall für einen unbeschwerlichen Lebensabend einzuhamstern.

 

Ungeachtet der offenen Ambition wird dem Zuschauer flink vermittelt, dass mit der Nennung des Namen Emiliano sämtliche Alarmsirenen aktiviert werden und zahlreiche unkoschere Personen in wilde Panik verfallen. Das Rätsel, welches der Film dem Zuschauer aufgibt, erhält auf diese Weise freilich eine zusätzliche Würze, welche die anstehenden Psychospielchen zwischen dem Racket (an dessen Führungsspitze es gewaltig brodelt, was Roy Greenford zu seinem Vorteil nutzt, um Redfield, Newman und Lawrence gegeneinander auszuspielen), dem Antihelden, erwähnter Roy Greenford, und dem femininen Charakter Jessica additional befruchtet. Jene von Charo López verkörperte Jessica, die mich optisch an Pilar Velázquez in ihrer Rolle als Isabella Carrasco in „Seine Kugeln pfeifen das Todeslied“ erinnert, fungiert ad interim als ein Objekt der Begierde, das mit dem Eintreffen des Antihelden einen Silberstreif am verdunkelten Horizont registriert. Jessica verkörpert das ausgelieferte Lustobjekt, die Versklavte in einer Männerdomäne, deren Vertreter (im Speziellen Lawrence) zusätzliche Wollust aus ihrer (Jessicas) Hilflosigkeit ziehen. Ein als Ware etikettierter Mensch, dessen Widerstand graduell und unaufhaltsam zerstört wird. Ähnlich dem qualvollen Tropfenfall der chinesischen Wasserfolter.

 

Bei der Auflösung des bereits mehrfach erwähnten Rätsels helfen uns diverse Rückblenden wie bestens montierte Parallelmontagen, sodass wir sukzessive mehr verstehen und erfolgreich zu einem Film verführt werden, der uns immer tiefer in sich hineinzieht. Ich kann jedem, der diesen beeindruckenden Western nicht kennen sollte, empfehlen, diesen unhaltbaren Zustand schnellstmöglich aus der Welt zu schaffen, da die Sichtung meines Erachtens ein Pflichtprogramm für jeden IW-Fan darstellt. Schließlich bietet „Knie nieder und friss Staub“ all das, was ich von einem intelligenten und technisch einwandfreien Western erwarte. Womit ich auch gleich eine Eselsbrücke zur Kameraarbeit von Emilio Foriscot konstruiert habe, welche manch großartige Bildkomposition in petto hat. So erinnert ein Duell zwischen Roy Greenford und einigen Galgenvögeln gar an die Fotografie mit der „Spiel mir das Lied vom Tod“ (man denke an den Empfang von Harmonica sowie an das McBain Massaker) fortwährend zu glänzen weiß.

 

Fazit: „Knie nieder und friss Staub“ transportiert neben bleihaltigen und spannenden sowie tragischen und melodramatischen Momenten eine sehr wohl politisch interpretierbare Message, welche besagt, dass die Ausgebeuteten aus den zurückliegenden Strapazen, Erniedrigungen wie Misshandlungen, kurzum aus den kollektiven Leiden der Repression ihre Lehren zogen. Denn nach dem Ende des Rackets wird die Erneuerung desselben postwendend abgewehrt. Ergo konnten die Anstrengungen des Antihelden, der demgemäß nicht nur den Tod, sondern auch Gutes in den verkommenen Mikrokosmos getragen hat, und der geistige Widerstand eines alten Goldsuchers, die Unterdrückten zur Gegenwehr ermuntern. Summa summarum stellt „Knie nieder und friss Staub“ unter Beweis, dass die große Zeit der italienischen Bleiopern in den 1970ern noch nicht gänzlich vorbei war. So reflektiert Aldo Florios zweite Westernregiearbeit einen minutiös inszenierten wie vorzüglich fotografierten IW, der gemeinsam mit manch großen Namen in der ersten italienischen Westernliga spielt. Intelligent, packend sowie technisch beachtlich.

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