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Mädchen im Schaufenster

Frankreich | Italien, 1961

  • Originaltitel: La ragazza in vetrina
  • Alternativtitel:

    Una muchacha en el escaparate (ESP)

    La fille dans la vitrine (FRA)

    Woman in the Window (GBR)

    La muchacha en la vitrina (MEX)

    Girl in the Window

  • Deutsche Erstaufführung: 01. September 1961
  • Regisseur: Luciano Emmer
  • Kamera: Otello Martelli
  • Musik: Roman Vlad
  • Drehbuch: Emanuele Cassuto, Luciano Emmer, Vinicio Marinucci, Luciano Martino, Pier Paolo Pasolini, Rodolfo Sonego
  • Inhalt:

    In den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts machten sich in ganz Südeuropa Männer auf, ihre ärmlichen Verhältnisse zu Hause zu verlassen, um in den reicheren Ländern Mittel- und Nordeuropas Arbeit zu suchen. Vincenzo ist einer von ihnen. Zusammen mit Freunden kommt er aus einem kleinen Ort in Italien, und landet in Holland, um sich als Bergmann zu verdingen. Doch das Schicksal meint es nur bedingt gut mit ihm: Schon am ersten Tag wird er verschüttet, zusammen mit seinem Landsmann Frederico. Doch sie haben Glück und werden nach zwei Tagen gerettet, gerade pünktlich zum Wochenende. Die Lebensrettung muss natürlich gefeiert, und die dafür gezahlte Prämie auf den Kopf gehauen werden. Also ab nach Amsterdam, zum Window-Shopping. Der naive Vincenzo staunt nicht schlecht, dass die Frauen in Schaufenster sitzen um sich zu verkaufen. Als Frederico sich bei der nicht mehr ganz jungen Hure Chanel einnistet, verknallt sich Vincenzo ein paar Fenster weiter in die junge Else (in der mir vorliegenden Synchro: Corni). Die lässt ihn zwar zuerst abblitzen, stellt dann aber doch fest dass Vincenzo ein ganz patentes Kerlchen ist, und er darf bei ihr übernachten. Sogar auf die geplante Heimfahrt zurück nach Italien verzichtet er für sie. Am nächsten Tag treffen sich alle vier zu einer Bootspartie, und eigentlich könnte alles Friede Freude Sonnenschein sein, wenn da nicht die Sache mit der Eifersucht wäre, und Frederico nicht so ein Hallodri …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    MÄDCHEN IM SCHAUFENSTER, das klingt erstmal wie der neuste Schmierlapp von Erwin C. Dietrich. Aber weit gefehlt: Das Thema ist zwar schon die käufliche Liebe in Amsterdam, aber nicht als Dietrich’sche Sleaze-Sause, sondern eher im Stile von Raffaello Matarazzo, wenn auch ohne das ganz große Drama.

     

    Dabei beginnt der Film sehr wohl hochdramatisch, mit einer Nacht-und-Nebel-Ankunft eines Zuges an einem Bahnhof, mit Männern mit Koffern in der Hand, und dem Gefühl von Fremdheit und einer gewissen Verlorenheit. Vor allem, wenn Vincenzo dann unter Tage fährt, spiegelt sich eine gnadenlose Hoffnungslosigkeit wieder: Dicht an dicht sitzen die Männer im Förderkorb, und während der Fahrt wird das Tageslicht immer kleiner und kleiner. Wie die Beziehung zur Welt. Oder zu Gott.

     

    Unten dann die Hölle. Die Stollengänge sind ja vielleicht noch erträglich, aber ganz vorne, dort wo abgebaut wird, dort sind die Gänge höchstens einen Meter hoch. Hitze und Dreck sind unerträglich, und die Bewegungsfreiheit geht gen Null. Wie man dort jemals arbeiten kann entzieht sich vollkommen meinem Verständnis. Als unter extremer Platzangst leidender Maulwurf (huch, ein Paradoxon) bin ich in meinem klimatisierten Büro eigentlich doch gar nicht so unglücklich, stelle ich da fest.
    So oder so sind diese Bilder äußerst eindrucksvoll, und Luciano Emmer kann vor allem die Enge und den Druck, der in jeder Beziehung auf den Kumpels lastet, sehr gut darstellen. (Was aber vielleicht auch dem Einfluss Pier Paolo Pasolini zuzuschreiben sein könnte, der am Drehbuch mitgearbeitet hat.) Dann die Katastrophe, die Grube stürzt ein, und hier findet Emmer zum Teil sehr drastische Bilder von Bergleuten, auf die die Steinbrocken einfach runterregnen. Die Überlebenden liegen hinterher wie Regenwürmer auf ein paar Quadratmetern nebeneinander und müssen gegen die Verzweiflung und den Koller ankämpfen. Mustafa, dessen Beine unter dem Geröll liegen, rastet plötzlich aus und geht mit dem Presslufthammer auf die Steine los – und Schmerz und Angst schwappen restlos auf den Zuschauer über.

     

    Doch mit dem Verlassen der Grube ist dann irgendwie ein wenig die Luft raus. Man will sich in der Stadt amüsieren, trinkt noch einen mit den Kumpels, aber dann verliert sich der Film in nächtlichen Bildern von mal mehr und mal weniger hübschen Frauen, die auf ihre Art zwar genauso verloren sind wie die Bergleute dort unten, aber die Bildsprache gibt das einfach nicht mehr so recht her. Der erfahrene Frederico und der etwas naive Vincenzo teilen sich auf, und jeder hat so seine Erlebnisse mit dem Mädels. Das ist sehr hübsch gemacht und anrührend, aber es überzeugt zumindest nicht so wie der erste Teil des Films. Von dem erwähnten Raffaello Matarazzo habe ich bislang zwei Filme gesehen, und beide haben mich in ihrer Wucht und Tragik ergriffen und gepackt. Hier aber flaniert die Handlung daher wie ein Freier auf einem Schaufensterbummel, und es fehlt einfach der Biss. Wenn sich die beiden Männer dann wegen der Frauen zerstreiten bleibt die Überzeugungskraft gänzlich auf der Strecke. Irgendwann nervt Chanel in ihrer bedingungslosen Eifersucht nur noch, und warum die beiden Männer sich ständig nach der Herzdame des jeweils anderen umsehen bleibt auch im Dunklen. Ist das normales Balzgehabe fortpflanzungswilliger Männer? Da kann ich nicht mitreden, mir persönlich bleibt dieses Verhalten fremd und die Figuren damit unzugänglich.

     

    Bernard Fressons spielt den Landjungen in der großen Stadt sehr zurückhaltend, und Marina Vlady gibt ebenfalls die von Haus aus Schüchterne. Zarte Gefühle und kühle Streitmomente werden ausgetauscht, während Emotionen, Gefühlsausbrüche und Tschingderassabum da eher von dem lebenslustig-poltrigen Lino Ventura und der wunderbaren Magali Noël kommen, die die alternde Hure zwar klischeebeladen, aber mit Herz spielt. Eigentlich ein hübsch anzuschauendes und gegensätzliches Quartett, aber wie gesagt: Die große Tragik fehlt ein wenig, die großen Katastrophen, die das Zusammenleben von Mann und Frau mitunter so anspruchsvoll machen, fehlen und nur die kleinen Katastrophen werden gezeigt, Es fehlt da einfach ein wenig der Wumms. Auf der anderen Seite hat es herzerwärmende kleine Episoden, wenn etwas Frederico der Else endlich an die Wäsche will, und sich kaffeetrinkend vor dem Zelt holländischer Camper wiederfindet. Was dann letzten Endes mit dem Film auch wieder versöhnt.

     

    Die Probleme mit dem Drama könnten allerdings unter Umständen an der gesehenen Fassung liegen. MÄDCHEN IM SCHAUFENSTER hatte von an Anfang an ein Problem mit der Zensur. Der Film konnte in keinem Land Europas in seiner ursprünglich intendierten Fassung gezeigt werden, jedes Land legte eine andere Schere an, um wenigstens eine Freigabe ab 16 Jahren zu erreichen (außer in England, wo der Film offensichtlich gleich verboten wurde). So bleiben Frederico und Vincenzo in der mir vorliegenden DDR-Fassung unversöhnlich, in der westdeutschen Fassung hingegen scheinen sie sich zu versöhnen, und zwei Hochzeiten stehen auch an. Behauptet die Wikipedia. Die gesehene Fassung läuft 83 Minuten, die Angaben der westdeutschen Fassung liegt in der OFDB bei etwa 86 Minuten, und die italienische Fassung wird in der Wikipedia gleich mal mit sage und schreibe 99 Minuten angegeben. So oder so kann ich mir gut vorstellen, dass da schnell mal handlungs- bzw. dramatisierende Teile rausgeflogen sind. Am Aufregendsten finde ich aber, dass der Film in Deutschland im Jahre 2018 nach wie vor ab 18 Jahren freigegeben ist! Ich finde es gut, dass unsere Jugend vor solch verderblichen Machwerken auch heute noch geschützt wird. Wo kämen wir hin, wenn sich jeder 16-jährige selber über die Freuden des Bergbaus und die Gefahren des Window Shoppings aufklären könnte? Oder war es vielleicht doch anders herum?

     

    Trotz allem hat der Film unterhalten, und für angenehm melancholische knapp anderthalb Stunden gesorgt, wobei der Teil mit dem Untertagebau naturgemäß der stärkere Part war. Möglicherweise lag das daran, dass Luciano Emmer in den 40er-Jahren vor allem als Dokumentarfilmer unterwegs war. In den 50-er Jahren kamen die ersten Spielfilme dazu, meist eher neorealistischen Zuschnitts, und nachdem er 1957 die sehr populäre Fernsehshow Carosello etabliert hatte, eine Mischung aus Werbung, Animation und Moderation innert 10 Fernsehminuten, die immerhin 20 Jahre lang ausgestrahlt wurde, inszenierte er 1961 LA RAGAZZA IN VETRINA, basierend auf einem Roman von Giovanni Comisso, bevor er sich wieder dem Fernsehen zuwand.

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    In Deutschland digital veröffentlicht wurde die DEFA-Synchro aus dem Jahr 1972, und zwar bei KSM. Das Bild ist schlecht, der Ton mässig, eine holländisch gesprochene Passage wird rudimentär italienisch(!) untertitelt, und insgesamt merkt man einfach die Interesselosigkeit des Herausgebers am eigenen Produkt. Es gab sehr wohl eine westdeutsche Kinoauswertung, und zumindest beim MDR könnte die auch vorliegen, da laut OFDB 2009 dort mal eine integrale Fassung aus West- und Ostsynchro lief. Die DEFA-Synchro hat jedenfalls für Wessiohren ungewohnte Sprecher und betont die Kumpelhaftigkeit von Frederico mit vielen sehr losen Sprüchen und Kalauern, die vor allem im ersten Teil des Filmes nicht wirklich passen mögen.
    Für Fremdsprachenkundige gibt es dann noch eine französisch- und italienischsprachige DVD beim französischen Label SNC, allerdings wieder mit 83 Minuten Laufzeit.

  • Autor: Maulwurf
  • Filmplakate

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