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Der Mörder

Frankreich | Deutschland | Italien, 1963

Originaltitel

Le meurtrier

Alternativtitel

L'omicida (ITA)

El asesino (ESP)

Enough Rope (GBR)

Der Schatten der Laura S.

Im Schatten einer Nacht

Deutsche Erstaufführung

13. Februar 1963

Inhalt

Eine Frau wird tot in der Nähe einer Autobushaltestelle aufgefunden. Sie wurde ermordet. Bei dem Opfer handelt es sich um Helene (Paulette Dubost), die Ehefrau des Buchhändlers Melchior Kimmel (Gert Fröbe). Es ist allgemein bekannt, dass es mit der Ehe nicht zum Besten stand, und obwohl Kimmel der Tat verdächtigt wird, kann er ein wasserdichtes Alibi liefern. So bleibt der Mord für längere Zeit unaufgeklärt. Eines Tages taucht ein Mann namens Walter Saccad (Maurice Ronet) im auf, der sich sehr eigenartig benimmt. Walter erinnerte sich an den Mordfall Helen Kimmel und hält ihren Mann für den tatsächlichen Mörder, doch denkt nicht daran, der Polizei einen Dienst zu tun, indem er ihn überführt. Eher geht es Walter darum, an mögliche Ratschläge zu gelangen, wie er sich seiner eigenen Frau Laura (Yvonne Furneaux) entledigen könnte, die wenige Tage später tot in einer Schlucht aufgefunden wird. Inspektor Corby (Robert Hossein) zieht Parallelen, doch es stehen ihm aufreibende Ermittlungen bevor...

Autor

Prisma

Review

Claude Autant-Laras Film mit dem einfachen aber ebenso richtungsweisenden Titel "Der Mörder" deutet durch seinen unmissverständlichen Einstieg an, dass man es mit einem spannungsgeladenen Thriller zu tun bekommen wird, in dem es nicht darum geht, irgendwelche Gefangenen zu machen. Die ersten Sequenzen mit der nahezu widerlich wirkenden Titelfigur Gert Fröbe wirken nicht zuletzt wegen seiner Aufmachung, Gestik und Mimik beunruhigend, sondern skizzieren die nervöse Spannung und die Angst vor einem bevorstehenden Mord sehr genau. Fröbe, der bereits hinlänglich aus Charakterrollen oder als Wahnsinniger bekannt war, kann einem einen echten Schauer über den Rücken treiben. Obwohl beinahe blind wie ein Maulwurf, visiert er sein Opfer mit höchster Präzision an, und bringt die für ihn offensichtlich lästige Angelegenheit schnell zum Abschluss. Im Schutze der Nacht und deren Abgeschiedenheit verlässt sich Melchior Kimmel auf eine scheinbar unumstößliche Gesetzmäßigkeit: ein wasserdichtes Alibi ist nicht mit einem mutmaßlichen Mörder zu kreuzen, sodass er seine kleine Buchhandlung und das dazu gehörende unauffällige Leben unbehelligt weiterführen kann, bis zu einem bestimmten Tag. Die Regie verpackt die ohne jeden Zweifel hervorragende Vorlage des amerikanischen Romans "The Blunderer" von Patricia Highsmith in inszenatorische Brillanz, stellt dabei die Weichen für einen packenden Thriller mit kriminalistischer Basis, der mehr und mehr in einem Psycho-Duell gipfelt, welches noch unbarmherzige Züge annehmen wird. Dieser Kampf bis aufs Messer deutet sich ab dem Zeitpunkt an, als sein Gegenspieler Maurice Ronet auftaucht, um ihm - ohne es vielleicht zu wollen - das Leben unerträglich und anschließend zur Hölle macht. Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich die beiden Kontrahenten hierbei wenig schenken werden, was den Verlauf stets mit einer explosiven Spannung ausstattet und ihn dabei wie einen gefährlichen Schleudersitz aussehen lässt.

 

Dieser Eindruck festigt sich spätestens ab dem verheißungsvollen Zeitpunkt, ab welchem Maurice Ronet das Szenario betritt und sich an den durch die Zeitungen bekannt gewordenen Buchhändler heranheftet, um schließlich auszukundschaften, ob es sich um ein lohnenswertes Vorbild für seinen bevorstehenden Plan handelt. Walter Saccard hat offensichtlich den unausweichlichen Entschluss gefasst, sich ebenso wie Kimmel seiner Ehefrau zu entledigen, die trotz ihrer Attraktivität mittlerweile mehr Last als Vergnügen darstellt. Doch es fehlt an letzter Konsequenz und der Buchhändler soll den designierten Trittbrettfahrer über die rote Linie bringen. Es entstehen eigenartige Szenen in Sachen Interaktion und Atmosphäre, denn es scheint, als müsse ein derartiges Vorhaben am zweifelhaften Vorbild scheitern, was Regisseur Claude Autant-Lara noch eindrucksvoll veranschaulichen wird. Das erste Zusammentreffen der tatsächlich-potentiellen Mörder-Konstellation trennt sich ergebnislos, sodass der Zuschauer wenig später mit Walters Leidensdruck in Form einer atemberaubend schönen aber ebenso erschreckend stimmungslabilen Yvonne Furneaux konfrontiert wird. Der buchstäbliche goldene Käfig erfährt eine Skizzierung als Alltagshölle, in welcher zwar mit goldenen Löffeln gegessen wird, aber in der eine neurotische Eiseskälte herrscht. Man hat sich dem Anschein nach schon seit langem nichts Wesentliches mehr zu sagen, sodass der Ton von verbalen Torpedos, Erniedrigungen und Verletzungen geprägt ist. Die interessante Frage, ob es sich bei Walter tatsächlich um einen verworfenen Charakter handelt, bleibt scheinbar ungeklärt, da diese erzählerische Diskretion besonders intensiv zum Nachdenken und Interpretieren anregt. Die Dinge nehmen ihren Lauf, um die gesamte Konstruktion in eine vollkommene Katastrophe zu manövrieren. Die wenig schmackhaften Szenen einer längst zerrütteten Ehe beherrschen lediglich einen kurzen Intervall dieser facettenreichen Geschichte, bis es schließlich ein Wiedersehen zwischen zwei flüchtigen Bekannten gibt.

 

Im Rahmen der charakterlichen Zeichnungen darf sich das interessierte Publikum auf zahlreiche Finessen freuen, vor allem auf schwerwiegende Launen des manipulierten Schicksals, welches in "Der Mörder" eine tückische Schlüsselrolle übertragen bekommt. Die meisten der hier platzierten Personen haben sich wohl zur falschen Zeit, am falschen Ort oder sogar im falschen Leben kennengelernt, auch wenn diese ominösen Zeitpunkte möglicherweise bereits Jahrzehnte zurück liegen mögen. Die Regie verlässt sich nicht nur auf die Stärken der Vorlage und die außergewöhnlich gut aufspielende Entourage, sondern auch auf die der Geschichte grundeigene, unberechenbare Dynamik, die die Hauptpersonen in ihren Würgegriff nimmt. Ein Plan geht nicht auf und alles läuft aus dem Ruder, was weder von Saccard noch Kimmel zu korrigieren ist. Zahlreiche Manipulationen, zu Ungunsten des Gegenspielers, ziehen die unsichtbaren Schlingen um die Hälse der ungleichen Herren nur noch mehr zu, sodass sich ein Kampf um Existenzen entwickelt. Der tatsächliche Mord, der gleich zu Beginn sehr graphisch dargestellt wurde, steht konträr zu einem möglichen Mord oder wahrscheinlichen Selbstmord, der einen schuldigen Unschuldigen zu seiner Beute auserkoren hat. Zur Aufklärung schickt die Polizei ihren besten Bluthund, der durch die stets unkonventionelle Spiellaune von Robert Hossein recht abstoßende, zynische sowie brutale Züge verliehen bekommt, und an die nahezu identische Rolle aus seinem 1961 entstandenen Film "Mitternachtsparty" erinnert. Wenn Ermittler, Verdächtige und Täter sozusagen auf einer Stufe stehen und in ihrer Methodik auf Augenhöhe agieren, erscheint es wie ein Gesetz, dass Intervalle der Destruktivität, Provokation und Erniedrigung zu dominierenden Elementen werden. Abgerundet durch die Auftritte von Harry Meyen und Marina Vlady, entsteht ein überaus formvollendeter Eindruck, der sich allerdings nicht nur auf den darstellerischen Bereich beschränkt. Claude Autant-Laras einer Hetzjagd gleichendem Thriller überzeugt in jeglicher Hinsicht, auch wenn die Wahrheitsfindung fast nur eine Randnotiz bleibt.

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Prisma

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