Quintana

Italien, 1969

Originaltitel:

Quintana

Alternativtitel:

Quintana: Dead or Alive

Inhalt

Der böse Großgrundbesitzer Don Juan unterdrückt die  Landarbeiter der Gegend mit Hilfe der willfährigen Soldaten. Manuel stellt sich ihm entgegen, und wird daraufhin gefangen genommen. Morgen früh soll er erschossen werden. Aber da ist ja noch Quintana, der maskierte Rächer, von dem niemand weiß wer er ist. Quintana befreit Manuel und sorgt dafür, dass Don Juan ordentlich Gegenwind bekommt. Don Juan wiederum möchte Manuels Freundin Donna Virginia ehelichen, was Manuel nicht so toll findet. Und Quintana und seine Freunde ebenfalls nicht. Was bedeutet: Don Juan muss weg …

Autor

Maulwurf

Review

Textbausteine der Inhaltsbeschreibung eines Westerns: Böser Großgrundbesitzer. Ausgebeutete Landarbeiter. Soldaten. Maskierter Rächer. Schöne Frau. Toter Freund. Rache.

 

Diese Wörter einmal ordentlich durchgeschüttelt ergeben einen x-beliebigen Zorro-Film bzw. –Verschnitt. Und QUINTANA ist nichts anderes als genau das: Ein Zorro-Verschnitt, bei dem sogar auf den üblichen humorigen Aspekt verzichtet wird, dass der verweichlichte und weibische Held hinter der Maske des kühnen Kämpfers und Streiters steckt. Stattdessen ist ausgerechnet der farbloseste und ausstrahlungsärmste Schauspieler südlich des Tibers in die Maske des Rächers gesteckt worden. Tony Dimitri mag als unauffälliger Nebendarsteller vielleicht was getaugt haben, aber als maskierter Coolman auf den Spuren von Clint Eastwood (man beachte den Poncho) ist er farblos und uninteressant.

 

Moment, wieso schreibt der Maulwurf da was von einem Tony Dimitri? In allen möglichen Quellen wird doch Osvaldo Ruggeri in der Hauptrolle angegeben. Nun, ich vertraue der italienischen Wikipedia und einem Bildvergleich bei Google, und stelle fest, dass tatsächlich gar nicht Osvaldo Ruggeri mit der Hauptrolle betraut ist, sondern eben der italienische Sänger und Schauspieler Antonio Costanzo Dimitri, bekannter(?) als Tony Di Mitri, Tony Dimitri oder George Stevenson. Tony hat in den 60er-Jahren versucht sich eine Karriere aufzubauen, aber so richtig gut gelaufen ist das glaube ich nicht. Nebenrollen in ZWEI GLORREICHE HALUNKEN und DIE NORMANNEN machen sich in der Vita vielleicht toll, sind aber trotzdem nur Nebenrollen. ROSE ROSSE PER IL FÜHRER klingt drollig, war aber bestimmt auch nicht der Box Office-Knaller, und irgendwann landet man dann bei Alberto Cavallone (DAL NOSTRO INVIATO A COPENAGHEN) und Franco Lattanzi (ZAHL UND STIRB). Spätestens an der Stelle weiß man als Betroffener, dass das mit der Karriere irgendwie vorbei ist. Auch seine Singles mit so sprechenden Namen wie L’hanno ucciso a Roma (so in etwa Sie haben ihn in Rom getötet) und Hanno rapito il Presidente (was man mit Sie haben den Präsidenten entführt übersetzen kann), beide aus dem Jahr 1965, klingen zumindest von den Titeln eher … eigen. Und nur begrenzt massentauglich. Um das Thema abzuschließen möchte ich noch erwähnen, dass Tony sich dann in den 70ern wohl offensichtlich der Volksmusik zugewendet hat. Schön für ihn. Wobei: Ich sehe gerade, die B-Seite der erstgenannten Single heißt Carnevale di sangue … Mmh, ich glaube, ich gehe mal auf die Pirsch, das klingt dann doch interessant …

 

Aber ich schweife ab. So oder so hat der Mann einfach wenig Ausstrahlung. Er wirkt nicht. Er ist … langweilig. Der Antagonist hingegen, der schurkische Don Juan, wird von Schauspielveteran Aldo Bufi Landi gegeben, und der läuft Di Mitri locker den Rang ab. Auch wenn Landi sich Mühe gibt Di Mitri den Vortritt zu lassen, seine Ausstrahlung ist einfach um Längen fieser und schurkischer als Di Mitri jemals heroisch sein könnte.

 

Apropos Schauspieler, werfen wir doch noch einen wohlwollenden Blick auf Femi Benussi, die hier eine starke Ähnlichkeit mit einer Barbie-Puppe hat (und entsprechend wenig hergibt), sowie auf Marisa Traversi, die in der Nebenrolle als abgelegter Betthase Don Juans am deutlichsten aus dem ganzen Einerlei heraussticht. Spartaco Conversi trägt wie immer seinen Bart spazieren, Celso Faria ist unauffällig, und Ignazio Spalla gibt aufwandsarm aber immerhin knuffig seine 08/15-Rolle als lustiger Dicker. Eine Ensemblebesetzung die man von Edoardo Mulargia kennt, dort aber um einiges stärker rüberkommt. Und als Zusammenfassung bleibt irgendwie nur ein müdes Gähnen.

 

Dieses Gähnen war auch schuld, dass ich den Film nur mit zwei Anläufen geschafft habe, denn auch die Inszenierung ist nicht wirklich prickelnd. Man mag Vincenzo Musolino zugute halten, dass er als Schauspieler erheblich mehr Einsätze hatte denn als Regisseur, das heißt aber noch lange nicht, dass er auch wirklich Talent zum Regisseur hatte.

 

Wobei Musolino an und für sich eine tragische Figur war. 1969 am Tag seines 40. Geburtstags gestorben, muss er als Schauspieler mit seinem guten Aussehen und seiner athletischen Statur einiges hergemacht haben. 1951 wurde Musolino gleich in seiner allerersten Filmrolle mit der Hauptrolle in Renatos Castellanis FÜR ZWEI GROSCHEN HOFFNUNG betraut, einem Klassiker des sogenannten  rosa Neorealismus*, der 1952 den Großen Preis von Cannes gewann. (Als Fußnote sei angemerkt, dass Musolino dabei  von Aldo Giuffrè synchronisiert wurde, dies aber wirklich nur nebenbei.) Danach kamen größere und kleinere Rollen unter Pietro Germi oder Umberto Lenzi, kleinere und größere Rollen an der Seite von Sophia Loren oder Jean-Paul Belmondo. Mit dem Aufkommen des Euro-Westerns begann Musolino als Produzent und Drehbuchautor zu arbeiten (DJANGO – KREUZE IM BLUTIGEN SAND, JETZT SPRECHEN DIE PISTOLEN, …), bis er sich dann 1968 mit DJANGO – DEN COLT AN DER KEHLE erstmals als Regisseur versuchte. Den kenne ich nun noch nicht, aber offensichtlich scheint er sich doch sehr im ausgetretenen Mittelfeld zu bewegen. Überraschungsarm ist das Wort, das ich zu COLT AN DER KEHLE öfters lese. Dann kam noch QUINTANA, und da würde mir dann gleich dasselbe oder ein ähnliches Wort zu einfallen: Ideenlos. Da funkelt nichts und da glänzt nichts. Einheitsbrei ohne besondere Highlights. Wenn es wenigstens lustig wäre, oder ironisch, oder besonders brutal, oder irgendwas. Aber da ist einfach nichts. Es wird sehr unblutig gestorben, für das Entstehungsjahr 1969 sogar ausgesprochen harmlos, und der Bierernst, der sich durch die gesamte Handlung zieht, sorgt eher für ein müdes Abwinken als ein teilnehmendes Zuschauen. Auch die häufig gekippte Kamera reißt mit ihrem Schrägblick da nichts mehr raus, und der anfangs interessante Effekt  nutzt sich dann entsprechend schnell ab.

 

Was zum (vorläufigen) Fazit führt: Dröge, zumindest für die Freunde der härteren Gangart. Wer ein Herz hat für die Euro-Western, die bis etwa 1966 vorwiegend in Spanien entstanden, der könnte hier ein ganzes Stück glücklicher werden. Man merkt recht deutlich, dass Musolino filmisch in der ersten Hälfte der 60er-Jahre sozialisiert wurde, zumindest als Darsteller. Bei seinen Drehbüchern wiederum fällt auf, dass er viel mit Edoardo Mulargia gewerkelt hat: Sowohl bei DJANGO – DEIN HENKER WARTET als auch bei DJANGO – KREUZE IM BLUTIGEN SAND arbeiteten Mulargia und Musolino Hand in Hand, letzterer dabei als Produzent, Drehbuchautor und Darsteller. Was dann den Kreis zum Ensemble schließt, aber nichts an der Tatsache ändert, dass zumindest bei QUINTANA das Flair der frühen 60er herrscht. Und was meines Erachtens auch erklärt, warum wir es hier mit einem Zorro-Verschnitt zu tun haben. Maskierte Rächer, die in den gleichen Klamotten rächen wie ihre zivilen Identitäten, und trotzdem von niemandem, nicht mal von ihren Mädels, erkannt werden, solche Stories waren 1969 doch weitgehend out. Wobei Ausnahmen wie immer die Regel bestätigen …

 

*“Der so genannte “Neorealismo rosa“ [..] ist gekennzeichnet von einer optimistischen Grundhaltung, von Regionalismus (Verwendung von Dialekten), der Darstellung des Alltagslebens der „einfachen Leute“, jedoch ohne die scharfe gesellschaftspolitische Komponente, die für den Neorealismus charakteristisch war.“ (Quelle: https://homepage.univie.ac.at/elisabeth.fraller/autorenkino.htm)

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Maulwurf

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