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Safety Catch

Frankreich | Italien, 1970

Originaltitel

Cran d'arrêt

Alternativtitel

La Traba (ARG)

Obsessão de um Sádico (BRA)

Privado de amar (ESP)

Painajainen (FIN)

Il caso 'Venere privata' (IT)

Hamulec bezpieczenstwa (POL)

A Hora da Verdade (POR)

Regisseur

Yves Boisset

Inhalt

Der Arzt Duca Lamberti hat gerade seine Gefängnisstrafe wegen aktiver Sterbehilfe abgesessen und nimmt dankbar den Arbeitsauftrag des neureichen Ingegnere Auseri an. Duca soll Davide, dem Sohn des Ingegnere, wieder auf die richtige Bahn helfen. Der Junge trinkt tagein, tagaus Hochprozentiges. Und das in rauen Mengen. Er scheint jeglichen Lebensmut verloren zu haben, der Vater ist ratlos. Derzeit residiert der Sohnemann statt in einer Klinik in einer Villa mit Butler. Das massive Alkoholproblem soll so vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Duca bemüht sich redlich und mit einer Eselsgeduld, einen guten Kontakt zu Davide herzustellen. Als Letzterer ihm schließlich sein Geheimnis offenbart (er glaubt, an dem Suizid einer jungen Frau namens Alberta Schuld zu sein), tut sich ein herausfordernder Kriminalfall auf. Duca und Davide machen sich in Mailand auf die Suche nach dem Kriminellen, der perverse Nacktfotos von Alberta angefertigt hat und von dem sie verfolgt wurde. Dabei erhalten sie Unterstützung von der Soziologin Livia Ussaro, die sich als „Köder“ für den Wahnsinnigen zur Verfügung stellt und in knappem Kleidchen durch Mailand stolziert. Noch ist keinem der dreien bewusst, mit wem sie sich angelegt haben...

Review

„Das Mädchen aus Mailand“ (Originaltitel: „Venere privata“) heißt der Roman des Schriftstellers Giorgio Scerbanenco (1911-1969), der für das Drehbuch dieses Films als Grundlage diente und Namenspate des italienischen Titels war. Scerbanenco gilt bis heute als einer der wichtigsten Romanautoren Italiens, ein bedeutender Literaturpreis wurde nach ihm benannt. Kein Wunder, dass gleich mehrere Regisseure Inspiration in seinen Kriminalschmökern fanden. Neben „Il caso venere privata“ zählen „Note 7 – Die Jungen der Gewalt“, „Milano Kaliber 9“, „Bewaffnet und gefährlich“ und „Das Grauen kam aus dem Nebel“ zu filmischen Adaptionen von Scerbanencos Romanen. Diese unpopuläre französisch-italienische Koproduktion ist der einzige der genannten Titel, der es weder auf einen Datenträger noch auf eine Liste von angekündigten Veröffentlichungen geschafft hat. Dabei würde ich wagen zu behaupten, dass es an der Qualität dieses raren Giallos eher nicht liegen wird. „Il caso venere privata“ ist auch mit Sicherheit der Film mit der geringsten Abweichung von der Buchvorlage (bis auf das Ende, das in „Das Mädchen von Mailand“ wesentlich bitterer und fataler ausfällt).

 

Den Einstieg ins Geschehen bildet eine relativ drastische Sequenz. Die panisch schreiende und verzweifelt weinende nackte Alberta wird in einem Fotostudio von einem breitschultrigen Sadisten mit Stahlketten gefesselt und während des ursprünglich ganz anders geplanten Shootings mit einem Rasiermesser bedroht. Doch direkt danach geht der Film in ein gaaanz gemächliches Tempo über. Ähnlich der Struktur der literarischen Vorlage lässt sich Regisseur Boisset Zeit für seine Protagonisten. Er legt Wert auf die im Buch detailliert herausgearbeiteten Inhalte wie die Annäherung zwischen Lamberti und Davide, die Behandlung des Jungen und die lange Zeit wenig von Erfolg gekrönte Suche nach Indizien und Beweisen für die Gefährlichkeit, die vom namenlosen Fotografen (von dem es lediglich eine vage Beschreibung gibt) ausgeht. Außerdem beschert er uns einige auflockernde Szenen und humorige Minuten während den mühsamen Ermittlungen zum Verbleib des ominösen Fotografen, die an die Suche nach der berühmten Stecknadel erinnern. Vom Aufbau ähnelt „Il caso venere privata“ sehr dem bekannteren „Das Grauen kam aus dem Nebel“, was an dieser Stelle niemanden mehr verwundern sollte.

 

Mit dem französischen Schauspieler Bruno Cremer, der ab den 90er Jahren in zahlreichen Filmen den beliebten Kommissar Maigret (ebenfalls eine Romanfigur) verkörperte, konnte ein optisch unverwechselbarer Charakterkopf für die Rolle des Duca Lamberti gewonnen werden. Der geschätzte Frank Wolff beweist zwar in „Das Grauen kam aus dem Nebel“, dass es weitaus überzeugendere Duca Lamberti-Interpretationen gibt. Genau genommen macht auch Pier Paolo Capponi in „Note 7 – Die Jungen der Gewalt“ als Lamberti eine bessere Figur. Soll aber nicht heißen, dass Cremer eine Fehlbesetzung war. Mit seiner stoischen Mine und seiner Zurückhaltung macht er schon beinahe unserem verehrten Henry „Clean my shoes, motherfucker!“ Silva Konkurrenz, was aber für den Part des perspektivlosen Arztes, der seinen Beruf nicht mehr ausüben darf, zugegeben nicht unpassend ist. Besonders authentisch und sympathisch wirkt der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 25 Jahre alte Renaud Verley, dem leider keine größere Karriere vergönnt war, als Davide. Sein jugendliches, stets trotzig und ein bisschen verschlossen wirkendes Äußeres kommt der Verkörperung des Rebellen aus reichem Hause sehr entgegen. Neben diesen beiden Herren wirkt Marianne Comtell als die im Roman exzentrische und selbstbewusst skizzierte Livia Ussaro deutlich blass um die Nase. Vielleicht wollte der Regisseur auch keine zu präsente Frauenrolle, wer weiß.

 

Mario Adorf, der sich bezüglich seiner Filmkarriere in Bella Italia bekanntlich am liebsten in Schweigen hüllt, würde vermutlich seine Mitwirkung in diesem Streifen gerne aus seiner Filmographie verschwinden lassen. Er spielt nämlich den perversen Fotografen, der mit seinen halblangen blondierten Haaren und getönter Brille locker als großer Bruder von Hans Krutzer (Paradeschurke Luciano Rossi in „Death walks at midnight“) durchgehen könnte. Adorf wütet und brüllt in bester Rocco-Manier („Milano Kaliber 9“) herum und durfte zu jenem Zeitpunkt schon mal seine berüchtigten cholerischen Rasiermesser-Schwünge üben. Schade nur, dass seine Screen Time so knapp bemessen ist.

 

Für kleinere Durchhänger in der Erzählung wird das Auge mit einigen Mailänder Sehenswürdigkeiten und Kamerafahrten durch die finsteren Ecken der nächtlichen Mode-Metropole entschädigt. Das Highlight bieten aber die Adrenalin erzeugenden Autofahrszenen (Davide ist ein Speed-Freak), vor allem aber die spektakuläre Verfolgungsjagd über die Autobahn Mailand-Como gegen Ende des Films. „Il caso venere privata“ ist ein heißer Tipp für diejenigen unter euch, die „Das Grauen kam aus dem Nebel“ zu schätzen wissen und natürlich alle, die dieses Review neugierig gemacht hat.

Links

OFDb

IMDb

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