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Spasmo

Italien, 1974

  • Originaltitel: Spasmo
  • Alternativtitel:

    Mistérios De Um Jovem Rico (POR)

    The Death Dealer

  • Regisseur: Umberto Lenzi
  • Kamera: Guglielmo Mancori
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Pino Boller, Massimo Franciosa, Umberto Lenzi, Luisa Montagnana
  • Inhalt:

    Christian Baumann, der Sohn eines Industriellen, entdeckt während eines Strandbummels mit seiner Freundin, Xenia, ein scheinbar totes Blondchen. Doch der erste Eindruck entlarvt sich als Fehleinschätzung, denn die attraktive Lady (Barbara) ist quietschfidel und voller Lebensfreude – und zwar so quietschfidel, dass sie sich in das Auto schwingt und schwuppdiwupp von der Bildfläche verschwindet. Kurze Zeit später treffen sich die beiden (Barbara und Christian) – wie es sich für die Mitglieder im „Club der Reichen und Schönen“ gehört – auf einer Yacht wieder. Da man sich auf Anhieb gut versteht, will man natürlich auch die Nacht miteinander verbringen. Doch die Flamme der feurigen Liebesspiele kann sich nicht entfalten, denn in Barbaras Badezimmer taucht plötzlich ein Fremder auf, der Christian nach dem Leben trachtet. Es kommt zu einem Handgemenge und Christian tötet den Unbekannten – kurze Zeit später ist die Leiche allerdings verschwunden und nichts weist auf einen Mord hin…

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    „Spasmo“ wurde 1974 von Umberto Lenzi inszeniert, nachdem Lucio Fulci die künstlerische Leitung aus persönlichen Gründen ablehnte. Ich wage zu behaupten, dass das von Sein und Schein geprägte Sujet in Fulcis Händen (möglicherweise - man denke an “A Lizard in a Woman's Skin”) größere Entfaltungsmöglichkeiten erhalten hätte, denn „Spasmo“ arbeitet im Vergleich zu den zahlreichen Giallo-Nebenbuhlern nicht nach dem üblichen whodunnit-Schema. Der Film lässt sich mit einem Psycho- sowie einem Paranoia-Thriller assoziieren, der einhergehend mit Realität und Imagination hantiert, den Zuschauer zwischen diesen beiden Elementen balancieren lässt, ihn in eine rezessive Position beordert und mit zahlreichen Fragezeichen bombardiert. Das mag bei einigen Betrachtern weniger zünden, da sie in einem tief verankerten Logismus gefangen sind und Filme nach einem verbohrten Ursache-Wirkung-Prinzip betrachten. Mit einer solchen Grundeinstellung kann – und das muss ich fett unterstreichen – „Spasmo“ keinen fruchtenden Gesamteindruck erzeugen beziehungsweise hinterlassen, demnach sollte man das während der Sichtung Aufgenommene nicht mithilfe eines detektivischem Spürsinns hinterfragen.      

     

    Der Siegeszug der Psychoanalyse innert der Gesellschaft setzte sich natürlich auch innerhalb der Lichtspiele fort. Der abartige Killer wurde nun einer mehr oder weniger genauen Untersuchung unterzogen, denn für jedes noch so barbarische Verbrechen beziehungsweise abnorme Verhalten sollte eine Begründung anhand der Vergangenheit (der Lebensgeschichte) des Täters nachgewiesen werden. Folglich wurden und werden dem Zuschauer zu den Lösungen auch Erklärungen offeriert, die sich detaillierter gestalten, als die üblichen Skizzierungen von Mord und Gewaltverbrechen.

     

    „Spasmo“, den Lenzi neben „Orgasmo“ und „Paranoia“, als Teil (s)einer Trilogie bezeichnet(e), beschreitet ebenfalls diese Marschroute. Der Film startet mit der Präsentation einer erhenkten „Schaufensterpuppe“, die auf den ersten Blick für eine Leiche gehalten wird. Es wird somit sehr früh ein kleiner Spoiler eingestreut, der einhergehend einen gelungenen Übergang zu einer am Strand liegenden Frau liefert, welche sich als eine der Hauptprotagonistinnen (Barbara, verkörpert von Suzy Kendall) entlarven lässt. Es ist der Auftakt einer Exposition, die uns in einer zusammenhangslosen Weise mit sieben Filmfiguren bekannt macht. Denn die folgenden Situationen wie der geplante Mord, der Mord in Notwehr, die verschwundene Leiche sowie die Funktionen des ominösen Alex und den beiden Personen im Hause von Barbaras verreister Freundin stellen den Zuschauer vor eine vier Meter hohe Mauer, über die er nicht blicken kann, da ihm Lenzi die benötigte Leiter vorerst versagt.

     

    Mit Beginn der zweiten Hälfte und dem Auftreten von Christian Baumans Bruder, Fitz, nehmen diese Figuren jedoch deutlichere Konturen an, sodass sie sich nach und nach als Filmcharaktere zu erkennen geben, da dem Zuschauer die Vorgeschichte um das Brüderpaar näher gebracht wird. Dieser Auftakt ist zugleich der Moment in dem der Film intensiver mit dem Paranoia-Thriller sympathisiert und den Zuschauer, der von Beginn an Christian Baumanns Reflektorfigurenpotential nutzt, intensiver in diese Position hineinmanövriert. Dabei agieren Zuschauer und Identifikationsfigur Seite an Seite und der große Informationsvorsprung den Christian innert der ersten Hälfte verbucht - verringert sich, allerdings ohne die Wirkung der finalen Auflösung abzuschwächen, geschweige denn zu gefährden.

     

    Auch wenn uns „Spasmo“ mit vielen (sorry, dass ich es wieder erwähne) teilweise unterfütterten Situationen allein lässt, verrät uns zumindest die Firmierung eine Unkontrollierbarkeit, die schlagartig und jederzeit ausbrechen kann. Spasmus  beziehungsweise Spasmen – wer sich an seinen letzten Muskelkrampf erinnert, der kann diese Unberechenbarkeit des Muskels, der abrupt in den Bewegungsapparat eingreift und diesen hemmt, mit dem Handlungsablauf assoziieren und dem Unvorhersehbaren gespannt entgegenblicken. Dieses Wissen sollte man stets im Hinterkopf behalten, denn mit Beginn der zweiten Hälfte wird gleichzeitig ein Punkt der Offenbarung gesetzt, der einerseits Christian zur Offensive zwingt, andererseits den Zuschauer in die Position des Fahnders beordert, der die schizophrenen Züge („Kombiniere, Kombiniere“, 00 Schneider) sowie das Ich des Hauptcharakters ergründen soll.

     

    Jeder Thriller gestattet einen Einblick in die Abgründe des menschlichen Verhaltens, ist eine Begegnung des Helden mit dem Bösen. (Georg Seeßlen)

     

    Nebst einem zeitweise aufgeführten Gothic Horror Ambiente und dem Spiel zwischen Schein und Sein sollte man unbedingt die recht beängstigend in Szene gesetzten Schaufenster- beziehungsweise Gummipuppen erwähnen, welche sich unter anderem als Verweise zu Prä „Spamo“ Filmen wie Mario Bavas „Blutige Seide“ und „Red Wedding Night“ aka „Hatchet for the Honeymoon“ sowie Post „Spasmo“ Filmen wie William Lustigs „Maniac“ dechiffrieren lassen.

     

    Fazit: Ziehe ich die Einträge des Internets zurate, so werden mir divergierende, überwiegend allerdings geringschätzige Meinungen zu „Spasmo“ offeriert.

     

    Für mich war es mittlerweile die fünfte (Erstsichtung ca. 1989) Sichtung dieses farbenfrohen sowie paranoiden Thrillers, und ich kann behaupten, dass sich mein Gesamteindruck von einem „geht so“ bis zu einem „wirklich gut“ sublimieren konnte.

  • Autor: Frank Faltin
  • Veröffentlichungen:

    In Deutschland erhielt „Spasmo“ dank X-Rated 2015 seine erste, von kräftigen Farben dominierte, HD-Auswertung. Ob die Körnung ausreichend ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden, schließlich gibt es auch Filmkonsumenten, die Filmkorn mit einer TV-Störung assoziieren. In diesem Sinne:

     

    „Leeeeeise rieselt der Schnee, Kokain gab´s gestern zum Tee…“ –  ich höre jetzt lieber auf, bevor mich der Zensor zur Ordnung ruft und zu …´s (einen Spoiler gibt es hier nicht!) Schaufensterpuppen sperrt.

  • Autor: Frank Faltin
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