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La Strada - Das Lied der Straße

Italien, 1954

Originaltitel:

La strada

Deutsche Erstaufführung:

28. August 1956

Regisseur:

Federico Fellini

Musik:

Nino Rota

Inhalt

Der große Zampano, das ist er, der Ketten mit der Kraft seiner Lungen sprengt. Und der große Zampano, das ist er, der in uralten Klamotten mit einem alten Motorrad über das Land fährt, von Ort zu Ort, um für ein paar lumpige Lire aufzutreten und seine Show mit der Kette abzuziehen. Für 10.000 Lire kauft er die einfältige Gelsomina, die dann mit dem Hut rumgehen darf, als Clown arbeitet, und ansonsten der Watschenmann (bzw. die Watschenfrau) ist, wenn Zampano mal wieder besoffen ist. Oder einfach nur schlechte Laune hat. Sie lernt den Seilartisten  Il Matto kennen, der so ganz anders ist als Zampano: Il Matto ist lustig, einfühlsam, auf seine Art sogar ein wenig charmant. Er zeigt Gelsomina, dass jeder Mensch im Leben einen Platz hat, wo immer der auch sein mag, doch Gelsomina bleibt bei Zampano, auch wenn der sie schlecht behandelt. Aber Zampano hasst Il Matto, denn der führt ihn vor und verulkt ihn. Als er Il Matto bei einem Streit tötet, stirbt auch in Gelsomina etwas.

Autor

Maulwurf

Review

Ganz nett, ja, großes Kino aus dem Kanon der Filmkritik, und toll dramatisch und erstklassig gespielt. Anschauen und Schwamm drüber … Aber je länger ich über den Film nachdenke, desto mehr Feinheiten entdecke ich, und umso besser gefällt mir LA STRADA. Wie Fellini mit einem einzigen Satz eine ganze Geschichte erzählen kann, das ist außerordentlich: “Der säuft hier doch jeden Abend“ heißt es über Zampano, und damit ist klar beschrieben, was er nach dem Verlust von Gelsomina seelisch erleiden musste. Wie nah ihm die Trennung tatsächlich gegangen ist. Was in den letzten Jahren mit ihm passiert ist, und wie er abgestürzt ist. Er, der raue und unzugängliche Streithammel, der nur für sich lebt und alles außer den Frauen voller Abscheu betrachtet. Und der doch Gelsomina freigibt, wenngleich auch in genau dem Augenblick, in dem sie ihn eigentlich bräuchte. So sensibel ist er dann doch wieder nicht, dass er für sie da wäre. Aber genau diese Erkenntnis trifft ihn am Ende des Films wie ein Keulenschlag, und da braucht es dann auch gar keine Worte mehr. Es hat auch keine Worte mehr, nur noch Schmerz …

 

Man fragt sich unweigerlich: Was mag Gelsomina nach der Trennung alles erlebt haben? Sie wird wohl mit dem Zirkus durch das Land gezogen sein, aber die Erinnerung an den erlebten Tod wird sie immer und immer wieder einholen. Was macht ein Clown, wenn er den Tod nicht verdrängen kann?

 

Man kann sich aber auch fragen: Was mag Zampano nach der Trennung alles erlebt haben? Der Absturz ist komplett, bei einer Prügelei kann sich der stärkste Mann der Welt nicht einmal mehr wehren. Wie nah mag ihm die Trennung gegangen sein, auch wenn er sich das niemals eingestehen würde. Und ob nicht der Totschlag auch an seinem Gewissen nagt? Er mag ein grobes Schwein sein, aber er ist kein geborener Mörder. Ich bin sicher, dass auch ihn diese Bilder verfolgen, genauso wie sie Gelsomina verfolgen.

 

Düster, düster, diese Gedanken. Aber gleichzeitig dürfen wir dem Kunststück beiwohnen, einem Märchen zuzusehen, das mit beiden Beinen fest auf dem Boden des (rosa) Neorealismus steht, und den Kopf trotzdem in den Wolken hat und träumt. Wenn die Gebrüder Grimm ein ernstes Drama geschrieben hätten, dann hätte es so aussehen können. Das Elend und die Armut der einfachen Menschen, und zwischen den kärglichen Mahlzeiten und den heruntergekommen Schlafstätten immer wieder die Träume, die Illusionen, die Kunst. Die Liebe zum Leben und zum Anderssein. Giulietta Masina orientiert sich in ihrem Spiel sehr deutlich an Harpo Marx (wenngleich da auch viel Stan Laurel dabei ist), und genauso wie Harpo ist sie der Narr in der grausamen Welt, dem keine Bosheit und keine Arglist jemals etwas antun kann. Man kann ihn/sie verletzen, aber niemals auf Dauer wehtun. Das Lachen und die Liebe siegen immer. Und bei beiden siegen auch immer die Träume: Wenn Harpo auf seiner Harfe spielt hat er den gleichen verloren-glücklichen Blick wie Gelsomina, wenn sie ihre geliebte Trompete in der Hand hält. Und die Menschen außenrum sehen diesen Blick und fangen ebenfalls das Träumen an. Das Träumen von einem Leben, das nicht nur aus der ewigen Jagd nach Arbeit und einer warmen Mahlzeit besteht, sondern vielleicht auch mal den ein oder anderen etwas glücklicheren Moment bereitstellt.

 

Fellini zeigt uns das Leben der einfachen und einfachsten Menschen in einem armen Land. Tagelöhner, Herumtreiber, Streuner, … Bemerkenswerterweise ist die einzige Szene, in der besser gestellte Menschen auftauchen, also zumindest mal keine Armen, eine Szene des Überflusses und des Abscheus. Die Teilnehmer der Hochzeit ignorieren die beiden Artisten völlig, stattdessen werfen sie Essen durch die Gegend als ob sie sich bei einem Gelage befinden würden, und benehmen sich generell wie die Teutonen vor Rom. Nur die einfachen Leute, die halten zusammen: Die Wirtschafterin gibt den beiden was zu essen und Kleidung, Zampano möglicherweise euch etwas mehr. Fellinis Sympathie liegt eindeutig bei den Arbeitern und Geknechteten, die sich nach Feierabend auf der Piazza treffen um einem Hochseilartisten zuzuschauen. Oder eben einem starken Mann der Ketten sprengen kann.

 

Über LA STRADA kann man sicher vieles schreiben, und wahrscheinlich weniges was nicht bereits geschrieben wurde. Es ist sicher auch möglich eine mehrseitige Analyse zu LA STRADA zu verfassen. Aber wenn ich das tun würde, dann müsste ich mich fragen ob ich den Film überhaupt gesehen habe, oder ob ich nicht nur auf eine klinische Art und Weise die Bilder an mir habe vorbeihasten sehen. Denn bei allem traurigen Realismus hat er eine ganz eigene Poesie, die sich mit wenigen einfachen Bildern entfaltet und den Zuschauer einfängt und entführt. Ihn zum Träumen und zum Davonfliegen bringt. LA STRADA zeigt seine Figuren nicht einfach, er macht den Zuschauer zum Komplizen dieser Schicksale. Er lässt ihn lachen und zittern, er lässt ihn weinen und wieder lachen. Wie ein Clown im Zirkus spielt Fellini auf der Klaviatur der Gefühle, und erzeugt damit etwas, was im Zeitalter des computerunterstützten Superheldeneinerlei selten geworden ist: Magie!

Autor

Maulwurf

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