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Dieb aus Leidenschaft

Italien, 1960

Originaltitel:

Risate di gioia

Alternativtitel:

Larmes de joie (FRA)

Joyful Laughter (USA)

The Passionate Thief (USA)

Deutsche Erstaufführung:

9. Februar 1962

Regisseur:

Mario Monicelli

Inhalt

Dieb Lello (Ben Gazzara) braucht für die Silvesternacht einen Partner an den er das Diebesgut weiterreichen kann, denn es ist Lellos Prinzip, niemals Diebesware am Körper zu behalten. Man schlägt ihm den Kleingauner Umberto „Infortunio“ (Unfall) Pennazzuto (Totò) vor, und die beiden verabreden sich.

 

Umberto hatte zunächst andere Pläne. Wie im Jahr zuvor will er sich mit seiner alten Bekannten Gioia „Tortorella“ (Turteltaube) Fabbricotti verabreden, doch Gioia wurde bereits zu einer anderen Party eingeladen, allerdings nur, weil man nicht mit einer Unglückszahl von 13 Gästen feiern wollte. Da einer der anderen krank wird, wird Gioia versetzt.

 

Zufällig trifft man sich wieder. Gioia, nichtsahnend dass Umberto mit Lello auf Diebestour ist, versaut den beiden ständig die Masche, und alle Versuche Lellos, die Dame loszuwerden, scheitern. Es folgt eine nächtliche Odyssee durch die Neujahrsnacht Roms, die für alle mit Demütigung und für eine(n) mit Knast endet.

Review

DIEB AUS LEIDENSCHAFT entstand nach einem Drehbuch Age & Scarpelli, welchem zwei Storys von Alberto Moravia zugrunde lagen. Regie führte Mario Monicelli, und so werden die Erwartungen des Zuschauers erfüllt: eine klassische Commedia All’Italiana mit Komik, Tragik, guten Charakteren und einem komplexen Geschehen, dass ich in der Inhaltsangabe natürlich stark verkürzt habe. Eine Odyssee gescheiterter Existenzen durch das nächtliche Rom in der Neujahrsnacht.

 

Alles begann mit einer Klage. Anna Magnani, frisch aus Hollywood zurück, hatte den Produzenten Sandro Pallavicini wegen Nichterfüllung eines Vertrages von 1956 verklagt und forderte 59 Millionen Lire Entschädigung. Zusammen mit Silvio Clementelli überredete man Magnani, doch stattdessen einen gemeinsamen Film zu drehen. Für die Regie von RISATE DI GIOIA war zunächst Luigi Comencini vorgesehen, der aber schließlich ablehnte. So kam Mario Monicelli ins Spiel, der mit DIEBE HABEN'S SCHWER (I soliti ignoti, 1958) und MAN NANNTE ES DEN GROSSEN KRIEG (La grande guerra, 1959) gerade zwei große Erfolge hinter sich hatte.

 

Anna Magnani war allerdings nicht für ihre Sanftmütigkeit bekannt, sondern eher für ihre Streitlust. Für die Rolle des Diebes Lello brachte sie Ben Gazzara ins Spiel. Den italienisch-stämmigen Schauspieler hatte sie in den USA kennen gelernt. Eine gute Wahl. Monicelli wollte den Komiker Totò für die Rolle Umbertos, doch Magnani wollte zunächst nicht mit ihm arbeiten. Dabei kannten sich die Beiden, und zwar ziemlich gut. Magnani und Totò hatten in den 40er Jahren gemeinsam Vaudeville-Nummern am Theater aufgeführt, und die Oscarpreisträgerin Magnani wollte nicht zu diesem Punkt zurück. Am Set resultierte die Zusammenarbeit dann in einen freundlichen, distanzierten Wettbewerb, wer die besten Punchlines bringen konnte.

 

Finanziell erfolgreich war DIEB AUS LEIDENSCHAFT in Italien seinerzeit nicht. Magnani gab einem fehlgeleiteten Drehbuch die Schuld, Monicelli schoss dagegen zurück. Das italienische Publikum habe Magnani den Ausflug in die USA übel genommen. Zudem sei Totò vielleicht nicht hoch angesehen, aber er war ein Kassenmagnet für das Publikum. Magnanis Name dagegen hätten die Zuschauer übersehen, da man sie nicht unbedingt mit Komödie verbindet. Die Kosten erhöhten sich ebenfalls durch eine 15-tägige Drehpause, weil Magnani sich den Arm gebrochen hatte. Doch lassen wir das.

 

Kommen wir stattdessen zu Magnanis Vorwurf von einem „fehlgeleiteten Drehbuch“, und ignorieren wir vorerst, dass der Film in seiner Gesamtheit großartig ist. Der italienische Titel, der übersetzt „Lachen vor Freude“ bedeutet, ist typische Monicelli-Ironie – und erfüllte somit die Erwartungen des damaligen Publikums nicht. Denn eigentlich ist DIEB AUS LEIDENSCHAFT unter seinen amüsanten Verwicklungen von einer melancholischen Tragik geprägt.

 

Tortorella (Magnani) ist Schauspielerin und hält große Stücke auf sich. Dabei spielt sie nur kleine Rollen, und auch wenn sie Umberto, den sie seit 20 Jahren kennt, immer mal wieder zu Pizza oder Cappuccino einladen kann, ist sie arm. Auch jünger ist sie nicht geworden, was es dem charismatischen Dieb Lello später umso einfacher macht, sie wiederholt um den kleinen Finger zu wickeln. Sie hat einen kranken Großvater zuhause (Carlo Piscane), von Kollegen wird sie versetzt, Umberto scheint ihr einziger Freund. Die Tragik erreicht einen Höhepunkt, wenn Tortorella schließlich dem Dieb Lello anbietet, ihn zu versorgen, wenn er bereit ist, ehrlich zu werden und bei ihr zu leben. Lello ist deutlich jünger, dessen ist sie sich auch bewusst, deshalb das finanzielle Angebot.

 

Umberto (Totò) ist fast ein ehrlicher Mann, er verdient halt nur gelegentlich etwas nebenbei durch Unfallversicherungsbetrug, daher sein Spitzname „Infortunio“. Als er herausfindet, dass er für Lello als zweiter Mann bei einer Diebestour mitwirken soll, geht das eigentlich gegen seine Prinzipien, doch Umbertos Prinzipen werden halt von seinen leeren Taschen aufgeweicht. Doch die Diebestour ist eine Katastrophe.

 

Erst versaut ihnen Tortorella die Tour, die Umberto auf einer Party entdeckt, nachdem sie selbst von ihren Kollegen versetzt wurde. Nach einigen Wirrungen wird man sie los, und Lello und sein Partner Umberto heften sich an die Spur eines reichen und sehr betrunkenen Amerikaners, der seine gefüllte Brieftasche allerdings an einer Kette trägt, die an seinem Anzug-jackett befestigt ist. Nachdem ihnen noch ein weiteres Diebespaar in die Quere kommt, scheint der Deal perfekt als der Amerikaner beschließt, nackt im Trevi-Brunnen baden zu wollen, wie er es kürzlich in einem bekannten Fellini-Film gesehen hat. Aber auch das geht schief.

 

Schließlich landen Lello, Umberto und Tortorella in einer Villa von reichen Deutschen, die angefüllt ist mit genau der Art von Diebesgut, auf die Lello es abgesehen hat. Hier macht er Tortorella deutliche Avancen, nutzt sie aber lediglich aus, um Diebesgut heimlich in ihrer Handtasche zu deponieren. Und so nähert sich die Nacht ihrem Ende, einem demütigenden Ende.

 

Zu einer der amüsantesten Szenen des Films kommt es durch eine insbesondere in Süditalien verbreitet Silvestertradition. Man trennt sich von alten Dingen, indem man sie aus dem Fenster wirft. Lello und Umberto stehen auf einer eben noch ruhigen, friedlichen Straße, doch dann schlägt es Mitternacht, und die zwei sind plötzlich mitten in einem Kriegsgebiet. Lampen, Kommoden und andere Möbel fliegen plötzlich aus den Fenstern.

 

Ben Gazzara gelingt es, seiner Rolle des Lello eine verführerische Intensität zu verleihen. Er muss nicht so viel reden wie andere Darsteller, und das braucht er auch nicht. Seine magnetische Ausstrahlung und seine intensiven Augen machen ihn zu einem undurchsichtigen Charakter, dessen Fassade nur ein Mal zu bröckeln scheint und Persönliches zum Vorschein kommt – doch auch das ist Lüge. Lello ist ein klassischer Betrüger und Blender, er würde alles tun oder sagen, um zu bekommen was er will.

 

Der größte Genuss, den der Film bietet, ist aber sein Lokalkolorit. Neben Innenszenen in den Titanus-studios entstanden zahlreiche Nachtszenen in römischen Außenlocations, auch wenn man beim Silvester-Thema geschummelt hat. Ein paar achtlos an Wänden klebende Kalender verraten es: gedreht wurde im Juni. Im Jahr 2013 kehrte RISATE DI GIOIA in italienische Kinos zurück. Die Cineteca di Bologna hatte den von Titanus bereitgestellten Film mit Spenden der RAI digital restauriert. Die Restauration erfolgte in 2k, der Scan in 4k. Für das Bild verwendete man einen Original-Internegativ-Print, für den Ton ein Interpositiv.

Links

OFDb

IMDb

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