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Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein

Frankreich | Spanien, 1973

Originaltitel:

La maldición de Frankenstein

Alternativtitel:

Les expériences érotiques de Frankenstein (FRA)

La maledizione di Frankenstein (ITA)

The Erotic Rites of Frankenstein (GBR)

The Rites of Frankenstein (USA)

The Curse of Frankenstein

Das Blutgericht der gequälten Frauen

Regisseur:

Jesús Franco

Drehbuch:

Jesús Franco

Inhalt

Der jahrhundertealte Magier Cagliostro (Howard Vernon) ist mal wieder zum Leben erwacht und will gemeinsam mit seiner Helferin, der blinden, menschenfressenden Vogelfrau Melisa (Ann Libert), eine neue Rasse erschaffen. Hierfür entführt er das frisch von Dr. Frankenstein (Dennis Price) erschaffene Monster mit Menschenhirn (Fernando Bilbao), das ihm Jungfrauen bringen soll, aus denen Cagliostro die perfekte Mutter für seine Erschöpfe kreieren kann, die das Frankenstein Monster mit dieser zeugen soll. So haben alle was davon. Doch Frankensteins Tochter Vera (Beatriz Savón), der heimische Dr. Seward (Alberto Dalbés) und Inspektor Tanner (Daniel White) versuchen den diabolischen Magier zu stoppen.

Review

Jess Francos „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ ist sicher eines der auf den ersten Blick chaotischsten Werke des Vielfilmers, gehört zugleich jedoch zu seinen sehenswertesten. Nur wenige Monate zuvor hatte Franco mit „Die Nacht der offenen Särge“ (Drácula contra Frankenstein, 1972) einen Horrorfilm um Dracula, Frankensteins Monster und einen Werwolf geschaffen und mit diesem offenkundig Hommage an Erle C. Kentons Mixmonsterfilme für Universal geleistet. Dabei scheint „Die Nacht der offenen Särge“ im November 1971 gedreht, während für „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ eine Drehgenehmigung für den März 1972 ausgestellt wurde. Aber so genau weiß das niemand, da jener Zeit in Portugal die Drehgenehmigungen manchmal erst Monate später in Schriftform nachgereicht wurden. Ist auch unwichtig.

 

Für „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ diente neben dem Einfluss von Kentons Filmen eine ganz andere Quelle als Grundlage: italienische Fumetti. Anne Libert bestätigte in einem Interview aus den Siebzigern, dass Franco viele seiner Ideen diesen Comics voller Sex, Gewalt und verrückten Szenarien entsprangen. Tatsächlich gab es unter den Fumetti im Jahr 1969 gar eine kurzlebige Frankenstein-Reihe, in denen das Monster allerdings den Look von Boris Karloff trug, etwas das Franco sich nicht erlauben konnte, da dieses Monster Make-up von Universal lizensiert ist. Und so wurde Gewichtheber Fernando Bilbao für diese Rolle einfach silbern angepinselt.

 

Den comicartigen Charakter von „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ unterstrich Franco mit einem wilden Mix aus literarischen und eigenen Charakteren. Frankenstein, das Monster von Frankenstein, die Tochter von Frankenstein, Dr. Seward aus Dracula, Morpho aus Francos Eigenwerken, den Magier Cagliostro, Inspektor Tanner (eine immerwiederkehrende Figur aus Francos Filmen) und natürlich die Neukreation der Vogelfrau Melisa, auch wenn es bereits in „Der schreckliche Dr. Orloff“ (Gritos en la noche, 1962) eine befiederte Nachtclubsängerin namens Melisa gab. Ach ja, eine Madame Orloff gibt es in „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ ebenfalls.

 

Zu diesem wilden Mix aus Charakteren, die rätselhafte Dinge treiben, gesellt sich eine eigenwillige bis verwirrende Inszenierung. Die Kameraarbeit von Raul Artigot und Franco selbst nutzt seltsame Winkel, Gegenlicht und Unschärfen (Screenshot 5). Musikalisch untermalt wurde das Ganze von Library-Tracks und damit zur Arbeit von Gérard Kikoïne. Diesem oblag es, anhand von S/W-Negativen und ein paar handgeschriebenen Kontinuitäts-Zetteln eine sinnvolle Reihenfolge aus dem in nur einer Woche gedrehten Film zu machen, die Dialoge zu schreiben und zu dubben und Musik einzufügen. Ersteres ist der verwirrende Teil, denn Szenenfolge und Dialoge ergeben in der vorliegenden Reihenfolge nicht immer Sinn. Ein Beispiel: Cagliostros Diener Caronte (Luis Barboo) und Melisa entführen im Auftrag ihres Herrn das Frankenstein-Monster und töten dessen Schöpfer. Anschließend folge eine Szene auf dem Balkon von Cagliostros Palast, wo Melisa ihm von der Existenz des Monsters berichtet. Danach geht’s in den Keller, wo das Monster bereits in einem an der Wand lehnenden Sarg verweilt. Man hat den Eindruck, Szene 2 gehört vor Szene 1. Rätselhaft bleibt ebenso, warum manchmal Melisa für Cagliostro (z. B. in den Hypnoseszenen) spricht, andere Male umgekehrt, denn keine/r von beiden ist stumm.

 

Noch ein Beispiel, diesmal in Richtung doppelt gemoppelt. Dr. Seward und Inspektor Tanner befragen Vera Frankensteins unter Schock stehende Assistentin (Eduarda Pimenta) nach dem möglichen Aufenthaltsort der verschwundenen Vera. Hierfür spielt Seward das Wortassoziationsspiel, das Franco-Fans aus „Necronomicon – Geträumte Sünden“ (1968) kennen. Es funktioniert, die Assistentin verrät, dass Cagliostro hinter dem Ganzen steckt und wo dieser sich aufhält. Dann jedoch geht es in Richtung überflüssig, wenn Seward den toten Dr. Frankenstein wieder zum Leben erweckt (nicht nachfragen, einfach schlucken), um diesem dieselben Fragen nochmal zu stellen und dann ein überraschtes Gesicht zu machen. Ist aber egal, denn ohne diese Szene hätten wir ein herrliches Stück unfreiwilliger Komik verpasst.  Dr. Frankenstein dreht durch und würgt den ahnungslosen Seward, Tanner schüttet dem Dr. dann aus einem mit gefaktem Türkisch beschrifteten Kanister Säure entgegen, worauf dem Getroffenen spontan Kopf und Hände abfallen. Angriff mit Sofortwirkung.

 

Zurück zur Musik. Kikoïne verwendete hierfür sehr avantgardistisch klingende Library Tracks des Labels Musique Pour L'Image, namentlich von Jean-Bernard Raiteux (alias Jean-Michel Lorgere alias H. Tical usw.), dem Italiener Vincent Gemignani und Vladimir Cosma. Die IMDb fügt zudem Robert Hermel, Armando Sciascia und Daniel White an. Nur in Bezug auf Letzteren kann ich bestätigen, dass ein Track von ihm für einen alternativen Vorspann verwendet wurde, ansonsten weiß ich es nicht.

 

Gedreht wurde „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ in Portugal.  Markanteste Location ist hierbei der Palácio dos Condes de Castro Guimarães in Cascais, den ich im Urlaub letztes Jahr selbst sehen konnte. Dieser im Film als Cagliostros Schloss dienende Palast ist heute ein Museum und die Inneneinrichtung nahezu identisch mit dem im Film zu Sehenden. Franco hat sehr oft in diesem Palácio gedreht, erstmals für „Das Grauen von Schloss Montserrat“ (La nuit des étoiles filantes, 1973), dann taucht selbiger Palácio bis in die Achtziger Jahre hinein immer wieder mal in seinen Filmen auf. In „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ präsentiert er jedoch (fast) einmalig die Strandseite (Screenshot 2). Die bekommt man in anderen Franco-Filmen sonst nur von Innen nach Draußen gefilmt zu sehen. Weitere Shots entstanden am und im Fortaleza do Guincho Hotel in Cascais. Franco-Chronist Stephen Thrower benennt zudem die Burg von Santa Barbara in Alicante sowie Locations in Murcia und Barcelona (Balcazar Studios).

 

„Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ war eine spanisch-französische Co-Produktion. Stephen Thrower schätzt, dass dabei 60% der Kosten von Robert de Nesles Comptoir Français du Film Production (CFFP) und 40% auf Arturo Marcos‘ Fénix Films entfielen. Letztere hatten allerdings einen schweren Stand, den Film in spanische Kinos zu bekommen. Die französische Fassung, die eine Lauflänge von etwa 74 Minuten hat, enthält zahlreiche Nacktszenen, die man so in Spanien nicht zeigen durfte. Bereits während des Originaldrehs entstanden so alternative Clothed-Sequenzes, doch nach Entfernung weiterer von der spanischen Zensur beanstandeter Szenen war der Film zu kurz. Während der Dreharbeiten zu „Entfesselte Begierde“ (La comtesse noire, 1973) im Herbst 1973 drehte Franco in Madeira so zusätzliche Szenen für die spanische Fassung von „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“, welche trotzdem aber erst 1976 in spanischen Kinos zu sehen war. Somit ist die kursierende Information, Lina Romay habe ihren ersten Filmauftritt in „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ gehabt, als zweifelhaft zu bewerten, da ihre Szenen eben erst später entstanden. Wie auch immer, diese spanische Fassung ist somit – trotz Zensur – mit einer Lauflänge von etwa 85 Minuten länger als die explizitere Urversion.

 

Beide Fassungen finden sich auf der britischen Blu-ray von Nucleus Films, allerdings hat Wicked Vision Media auch eine deutsche Veröffentlichung für 2020 angekündigt. Auf der Nucleus-Veröffentlichung hat man die spanische Fassung zudem aus der französischen und eingefügten SD-Szenen zusammengebastelt, vielleicht bekommt man das bei Wicked Vision Media noch besser hin. Mal schauen.

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