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The Sadist of Notre Dame

Belgien | Frankreich | Spanien, 1979

Originaltitel

El sádico de Notre-Dame

Alternativtitel

Demoniac (USA)

Regisseur

Jesús Franco

Drehbuch

Jesús Franco

Inhalt

Nach einem Angriff auf eine Nonne verbrachte der exkommunizierte frühere Priester Mathis La Forgue (Jess Franco) viele Jahre in einer Nervenklinik. Nach seiner Flucht begibt er sich nach Paris, wo er mit den leichtlebigen Damen der Stadt konfrontiert wird. In seinem Wahn tötet er Frauen, um ihnen so ein Leben in Sünde zu ersparen, leugnet dabei seine eigenen Begierden. Als er auf eine Gruppe stößt, die in einem Schloss Shows mit gestellten Schwarzen Messen und ebenso gestellten Menschenopfern abhält, glaubt Mathis, diese wären echt und will alle Beteiligten töten. Doch nichtsdestotrotz weiß Mathis irgendwo in seinem Innern, dass das, was er macht, falsch ist und sehnt sich nach Vergebung für sich selbst. Doch diese bleibt ihm verwehrt.

Review

Die 1974 von Jess Franco fertiggestellte Ur-Version von „Exorcisme“ existiert… nicht. Alain Petit betont, dass nicht mal Superman aus all den existierenden Filmschnipseln die ursprünglich von Franco editierte Erstfassung wiederherstellen könnte. Eurociné hatte versucht, den Film an den Mann zu bringen, doch mit fortschreitender Sexwelle und langsam aufkommender Präsentation von XXX-Filmen in französischen Genrekinos, wurde Francos Erstfassung als unverkäuflich eingestuft. So drehte Franco in Eurocinés Auftrag Nacktszenen nach – später (1975) ebenso Hardcore-Szenen – so dass eine zweite Fassung zur Kinofassung (welche nur in Belgien unter dem Titel „Exorcismes et messes noires“) und nachfolgend von der dritten und vierten, den zwei Pornofassungen „Sexorcismes“, ergänzt wurde. Weiterhin gibt es noch die in Sexszenen entschärfte und in einigen Mordsequenzen härtere „Demoniac“-Fassung, und um die Verwirrung komplett zu machen, wurde der Titel „Demoniac“ später auch noch für Veröffentlichungen der „Exorcisme“-Kinofassung verwendet. Die alte DVD von Synapse ist ein Zusammenschnitt von „Exorcisme“ und „Demoniac.“ Der sogenannte Directors Cut von der X-Rated Blu-ray enthält lediglich Ergänzungen zur Kinofassung und ist nicht die Ursprungsversion. Egal, Franco war mit allen nicht wirklich zufrieden. Er hatte stets nur deshalb eingewilligt, Ergänzungen zu filmen (abgesehen von den härteren Momenten in „Demoniac“ welche von Claude Sendon stammen), weil ihm dieses Projekt am Herzen lag und er nicht wollte, dass Eurociné jemand anders engagierte. Erwähnenswert ist vielleicht noch der Drehzeitpunkt der Ursprungsversion, welche früh im Jahr 1974 stattfand. Außerdem habe Franco aufgrund seiner Hauptrolle die Regie teilweise Ramon Ardid überlassen.

 

Interessant wird es nochmals 1979 als Eurociné sich entschloss, Francos derzeitigen Geschäftspartner Triton Films (Spanien) ein bisschen über den Tisch zu ziehen. Man schwatzte Triton etwas Geld ab für einen Film, den man als Neuproduktion anpries, einen Film über einen modernen Ripper in Paris. Mit dem ergaunerten Geld wollte man neue Szenen nachdrehen, und Franco ließ sich diese Chance nicht nehmen, um noch einmal an diesem nie wirklich zu seiner Zufriedenheit editierten Exorcisme-Chaos zu arbeiten, um doch noch etwas zu schaffen, das mehr seinen eigenen Vorstellungen entsprach. Und das ist ihm gelungen.

 

Was ist also anders? Beginnen wir mit dem Vorspann. Ein paar fehlerhafte Darstellerangaben (nichts Dramatisches, nur ein paar Buchstaben und Darsteller wurden verschluckt). Als Kameramann wird Raymond Heil angegeben, von dem ich bis heute nicht weiß, ob er wirklich existiert. Meiner Ansicht nach war bei den Nachdrehs Juan Soler hinter der Kamera. Die komplette Musik wurde geändert, in „Sadist of Notre Dame“ stammt die Musik größtenteils von Daniel White, mit Ergänzungen von Franco selbst. Darüber hinaus wurde Sadist komplett neu gedubbt, was das Endergebnis auch fokussierter auf die Hauptfigur und deren Motive erscheinen lässt. Insgesamt entstanden so zwischen 25 – 30 Minuten neuer Szenen – alle mit Franco als Hauptdarsteller – und das meiste davon sehen wir gleich zu Anfang. Die komplette Anfangsszene mit der „Schwarzen Messe“ aus „Exorcisme“ wurde weggelassen, dafür hat „Sadist of Notre Dame“ einen herrlich depressiv-stimmungsvollen Einstieg mit Aufnahmen von Obdachlosen, zwischen denen Hauptprotagonist Mathis zu hausen scheint. Tatsächlich scheint dieser Anfang dagegen seine Zeit in der Heilanstalt und die Flucht von dort zu symbolisieren, mangels geeigneter Location (und Geld) hat man stattdessen einfach auf der Straße mit unfreiwilligen Statisten gedreht. Dafür spricht ebenfalls, dass wir im weiteren Verlauf Mathis‘ Haus in Paris zu sehen bekommen, welches ihm seine Eltern hinterlassen haben. Er ist also keineswegs obdachlos. Weiter geht es mit Franco, der ziellos durch düstere Pariser Straßen wandelt. Paris sei die wundervollste Stadt der Welt, wenn man verliebt ist, heißt es, könne aber auch die einsamste Stadt der Welt sein, wenn man allein ist. Das ist Mathis‘ Paris. Es folgen zwei Morde, welche in der Exorcisme-Fassung nicht existieren. Hierbei sei noch erwähnt, das Nadine Pascal das erste Opfer in „Sadist of Notre Dame“ spielt. Was mich verwirrt ist, dass Nadine Pascal entweder desöfteren unter dem Pseudonym Lynn Monteil agierte oder von Filminteressenten mit Lynn Monteil verwechselt wird. Es scheint sich nicht um dieselbe Person zu handeln, aber auch da bin ich nicht sicher, eine gewisse Ähnlichkeit ist schon vorhanden. Monteil spielte in „Exorcisme“ nämlich bereits die Rolle von Anns (Lina Romay) Freundin Rosa. Apropos – nach dem starken Einstieg geht es in „Sadist of Notre Dame“ größtenteils mit Szenen aus „Exorcisme“ weiter.

 

Doch bevor ich mich in zu viel Einzelheiten verliere, hier noch mal eine Zusammenfassung der Rolle des Mathis, den Franco spielt. Der Ex-Priester ist eine gequälte Seele, auf Kriegsfuß mit seinen eigenen Begierden, die hier in der 1979er-Neufassung endlich deutlich werden. Angewidert wendet er sich von der Prostituierten (vor dem ersten Mord) ab, während diese ihre Hand auf seiner für sie deutlich spürbaren Erektion hat. Mathis bestraft die Frauen nicht wirklich für deren Sünden, sondern für seine eigenen Begierden, die ihm die katholische Kirche verbietet. So ist wohl auch der Kontext des ganzen Filmes zu verstehen, Francos Abrechnung mit dem Katholizismus, der ihn verstoßen hat. Mathis Verzweiflung wird unterstrichen von Daniel Whites Orgelmusik, welche in den Neunzigern noch mal Wiederverwendung in Francos „Tender Flesh“ fand. Dies gehört zum perfekt eingefügten musikalischen Teil von „Sadist von Notre Dame“, leider gibt es auch Gegenbeispiele. Nicht alles ist passend.

 

Zu den neugedrehten Szenen gehören auch Mathis‘ Besuche von Notre Dame (Außen), wo er auf einen alten Freund aus seiner Zeit im Priesterseminar trifft, gespielt von Antonio de Cabo, einem langjährigen Freund Francos. Dieser ist es auch, der Mathis‘ die Vergebung seiner Sünden verweigert, nachdem er erfahren hat, welcher Taten sich Mathis schuldig gemacht hat. Gedreht wurden diese Szenen zwar im Innern einer Kirche, welche aber nicht Notre Dame ist. Vermutlich sind diese Szenen in Portugal entstanden, möglicherweise aber auch in Spanien. Für Verwirrung sorgt die englische Tonfassung von „Sadist of Notre Dame“, wo man bei Francos Figur irgendwann den Namen von Mathis Vogel zu Mathis La Forgue wechselt. Seltsamerweise wird der Name Vogel während der neuen Szenen genannt, dabei müsste es von der Logik her umgekehrt sein, denn in Sadist soll er ja Mathis La Forgue sein. Hat vielleicht mit dem Fassungswirrwarr zu tun.

 

„Sadist of Notre Dame“ gehört jedenfalls – obwohl er größtenteils aus „Altmaterial“ besteht - zu Francos intensivsten Arbeiten.

Veröffentlichungen

„Sadist of Notre Dame“ erschien im April in den USA von Severin Films auf Blu-ray. Die Disc ist codefree und die Bildqualität in einer originalgetreuen 4k-Abtastung von einem 35mm-Print. Als Tonspuren sind Englisch und Spanisch vorhanden, als Untertitel gibt es sowohl ins Englische übersetzte Subtitles basierend auf dem spanischen Ton sowie Dubtitles der englischsprachigen Fassung. Im Bonusmaterial finden sich vier Features. Eine über 30-minütige Dokumentation über das Pariser Genrekino „Le Brady“, ein knapp 30-minütiges Interview mit Stephen Thower, ein Selected-Scenes-Commentary mit Robert Monell (etwas über 6 Minuten), sowie ein weiteres Kurzinterview mit Alain Petit (ca. 5 Minuten).

Filmplakate

Links

OFDb
IMDb

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