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Vampyros Lesbos - Die Erbin des Dracula

Deutschland | Spanien, 1971

Originaltitel:

Vampyros Lesbos

Alternativtitel:

Las Vampiras (ESP)

Lesbian Vampires (GBR)

Deutsche Erstaufführung:

15. Juli 1971

Regisseur:

Jesús Franco

Inhalt

Linda Westinghouse (Ewa Strömberg), Mitarbeiterin der Kanzlei Simpson und Simpson, wird zur Gräfin Nadine Carody (Soledad Miranda) gerufen, um eine Erbschaftsangelegenheit abzuwickeln, in der ein gewisser Graf Dracula der Gräfin sein Vermögen vermacht. Doch Linda kennt Nadine bereits – aus ihren erotischen Träumen, die sie mehr befriedigen als Liebhaber Omar. Schon bald steht Linda völlig im Bann der Gräfin.

Review

Eine der wichtigsten und drängendsten Fragen, die die Menschheit spätestens seit Einführung des Videorekorders beschäftigt, ist doch die: wie wird jemand zum Jess Franco-Fan? Was ist da schiefgelaufen? Hat derjenige mehr oder weniger Filmgeschmack als andere? Oder gar keinen? Ich will versuchen, das zu beantworten.

 

Am Anfang stand ein Buch. Ein gewisser Rolf Giesen hatte unter dem reißerischen Titel „Kino wie er keiner mag – Die schlechtesten Filme der Welt“ in den tiefsten Abgründen des Kintopps gebuddelt, wie er meinte. Ich bin mir sicher, dass er heute sehr gut weiß, dass er nicht mal an der Oberfläche gekratzt hat. Ich habe Filme gesehen, ja, kann sie in der modernen Gegenwart sogar auf physischen Datenträgern in der Hand halten und möchte trotzdem nicht glauben, dass es sie gibt. Und natürlich ist Giesen ein Fehler unterlaufen: VAMPYROS LESBOS - DIE ERBIN DES DRACULA.

 

Auf Seite 149, im Kapitel „Wenn Filme töten könnten…“ schreibt er unglaubliches über diesen Film eines Spaniers namens Jesus Franco Manera. Vieles, was Giesen über die Hintergründe schreibt, ist zudem frei erfunden – was ganz in Jess Francos Sinne gewesen wäre, denn der hatte was für Legendenbildung übrig. Und dann sprach der Teufel zu mir: diesen Film musst Du sehen. 17 Jahre war ich alt, ein perfektes Alter für teuflische Verführung, und anscheinend brachte ich genau die Voraussetzungen mit, die ein künftiger Franco-Fan braucht: Neugierde. Interesse an Legenden. Wissensdurst. Sammelleidenschaft. Und einen Blick dafür, was Franco tatsächlich gedreht hat, und wann man ihm einen Film andichtete. In der Prä-Internet-Ära war das wichtig. Nicht eine Sekunde habe ich geglaubt, dass Zeug wie SUMPF DER LEBENDEN TOTEN (Le lac des morts vivants, 1981) oder der durchaus schöne IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE (1968) auch nur einen Millimeter Film von Jess Franco enthalten könnten.

 

Egal. VAMPYROS LESBOS entpuppte sich als Offenbarung und Rolf Giesens Widmung an Alfred E. Neumann als berechtigt. Der Film war großartig. Soledad Miranda ist inzwischen eine Kultikone, Ewa Strömberg, die laut Francos Aussage als Darstellerin sehr schwierig war, eher weniger. Die Musik? Ich liebe „Sprechfunkverkehr rückwärts“, höre Manfred Hüblers und Siegfried Schwabs hervorragenden Score seit nunmehr 37 Jahren regelmäßig, erst als Kassette, dann als LP, schließlich als CD oder mp3. Der Stil von VAMPYROS LESBOS ist leicht erklärt: Style over Substance. Aus diesem Material entstehen nun mal Kultfilme.

 

Und noch immer kreisen Rätsel über diesem Film, selbst heute noch, wo sich zahlreiche Autoren dem Thema angenommen und ausführlich recherchiert haben. Wer ist Morpho? Sorry, aber es ist definitiv nicht José Martínez Blanco, der in Francos NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT (1970) den Zugmitreisenden von Jonathan Harker spielte. Stephen Thrower benennt Michael Berling, der sieht jedoch tatsächlich eher dem Assistenten von Dr. Seward ähnlich, wie es auch Vorspann und IMDb benennen. Unbekannt blieb auch der Name der Darstellerin, die mit Soledad Miranda im Nachtclub performt, und von der Jess Franco behauptet, sie wäre eine Theaterdarstellerin aus der DDR gewesen.

 

Rolf Giesen behauptete, VAMPYROS LESBOS sei ein Urlaubsfilm, den man in nur 5 Tagen runtergekurbelt hätte, mit ein paar Nachdrehs im Studio. Das hat er freilich nur symbolisch gemeint, außerdem ist es nicht zutreffend. Tatsächlich war man ganze Franco-unübliche 3 Monate mit VAMPYROS LESBOS beschäftigt, drehte in Istanbul, Barcelona und Alicante, sowie in den CCC Studios in Berlin. Was nicht bedeutet, dass Franco nicht mit abgezwackten Devisen zwischendrin an anderen Projekten gearbeitet hätte. Hier ist interessant, wie Franco Atze Brauner wahrgenommen hat: als den reichsten Produzenten, für den er je gearbeitet habe. Und man kennt Franco – eine reiche Kuh muss gemolken werden, solange sie Milch gibt. Ein weiteres Indiz findet sich auch beim spanischen Co-Produzenten Fenix Films, namentlich Arturo Marcos. Als Co-Produzent hat er selbstverständlich auch Geld beigesteuert, aber Franco sagte, die Finanzierung sei zu 100% von Brauner gekommen. Also hat er offensichtlich was abgezweigt.

 

Wo war ich? Ach ja, wie ich zum Francidioten wurde. Ein Film reicht hierzu nicht. Wie es der Zufall wollte, stand in der Videothek - ein lange vergessener Flohmarkt am Ende der Hochbahn nahe Kurfürstenstraße – direkt neben VAMPYROS LESBOS der nächste Hammer: NECRONOMICON - GETRÄUMTE SÜNDEN (1968). Da war es endgültig um mich geschehen. Dieser surreale Traum von einem Traumfilm hat mich durch unzählige schlaflose Nächte begleitet, es gab nichts schöneres, als im morgendlichen Delirium nach einer durchgefeierten Nacht als Letztes Janine Reynauds sukkubes Schweben durch ein verschwommenes Lissabon und durch ein Berlin, so wie ich es noch kannte, mitzuerleben.

 

Beim nächsten Mal musste ich ein Regal weiter suchen und fand unter dem Titel DER WOLF - HORROR PERVERS Jess Francos ROTE LIPPEN, SADISTEROTICA (1969). Man kann ein Jess Franco Fan-Dasein kaum mit drei perfekteren Titeln beginnen. Natürlich gab es anschließend auch Rückschläge. Anfangs fiel es mir schwer, diese Filme in Verbindung mit DIE SÄGE DES TODES (1981) oder MONDO CANNIBALE 3. TEIL - DIE BLONDE GÖTTIN DER KANNIBALEN (1980) zu bringen. Doch wie heißt es so schön? Man kann Franco nur verstehen, wenn man alle seine Filme gesehen hat. Ich arbeite dran.

 

Aber das ist nicht das ganze Geheimnis. Ob man Jess Francos Filme nun mag oder nicht, er war eine der interessantesten Persönlichkeiten auf dem Regiestuhl. Zudem ist er unverwechselbar, im Guten wie im Bösen. Es gibt nur wenige Regisseure, die ein komplett eigenes Universum geschaffen haben, das niemand imitieren kann. Kein anderer hätte eine überzeugende Franco-Kopie drehen können (bei Eurociné oder CFFP hat man es vergeblich versucht), so wie jede Imitation eines Russ Meyer oder eines Alain Robbe-Grillet vergeblich wäre. Und dann sind da noch die Legenden, deren eifrigster Förderer Franco selbst war. Gewisse Stories hat er vor Darstellern und anderen Mitarbeitern stetig wiederholt, bis diese sie übernahmen und so zur „Wahrheit“ wurden. So konnte bis heute keiner von seinen angeblichen Pulp-Romanvorlagen als Autor je gefunden werden.

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