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Dust in the Sun

Frankreich | Spanien, 1972

Originaltitel

Dans la poussière du soleil

Alternativtitel

Il sole nella polvere (ITA)

In the Dust of the Sun (GBR)

Kamera

Guy Suzuki

Inhalt

In der Abgeschiedenheit der kleinen Westernstadt San Angelo kommt es zu dramatischen Ereignissen, nachdem der Grundbesitzer Bradford von seinem eigenen Bruder Joe (Bob Cunningham) brutal umgebracht wird. So erreicht Joe sein langjähriges Ziel, sich nicht nur den gesamten Besitz und das Vermögen anzueignen, sondern auch Gertie (Maria Schell), die Witwe seines Bruders, zu heiraten. Ab diesem Zeitpunkt ist Gerties Sohn Hawk (Daniel Beretta), der ohnehin sehr in sich gekehrte Züge hat, nicht mehr wiederzuerkennen und sinnt danach, den Mord an seinem Vater zu rächen, um die moralische Ordnung nach seinen ganz eigenen Begriffen wieder herzustellen...

Autor

Prisma

Review

Der französische Regisseur und Drehbuchautor Richard Balducci inszenierte in seiner Karriere nur verhältnismäßig wenige Spielfilme, zu denen auch die ungewöhnliche französisch-spanische Co-Produktion "Dans la poussière du soleil" gehört. Dieser im Jahr 1970 hergestellte Western wurde seinerzeit kaum bis gar nicht wahrgenommen, da es etwa drei Jahre dauerte, bis die auf William Shakespeares Drama "Hamlet" basierende Geschichte in den regulären Kinoverleih gelangte. Es folgten kurze Phasen der Aufführung, bis dieser bis heute weitgehend unbekannte Rachewestern-Vertreter wieder spurlos aus den Kinos verschwand. Im gesamten deutschsprachigen Raum, somit auch in der Bundesrepublik Deutschland, wurde Balduccis recht ambitioniert wirkende Erzählung keine Kino-Auswertung zuteil, wofür es mehrere Gründe gegeben haben dürfte. Zunächst ist allerdings einmal festzustellen, dass die Geschichte bereits im Vorfeld ein unbestimmtes Interesse und eine vielleicht nicht alltägliche Neugierde wecken kann, dies sogar vollkommen unabhängig von der Tatsache, dass Weltliteratur mehr oder weniger mit in die laufende Geschichte eingeflossen ist. Ein Film wie dieser steht und fällt mit ganz bestimmten Grundvoraussetzungen, die irgendwo zwischen Unvoreingenommenheit und Erwartungshaltung zu finden sind. Im vorliegenden Fall erhält sogar die nicht unwichtige Komponente massives Gewicht, dass die Hauptrolle des Szenarios keine Geringere als Maria Schell inne hat, sodass man sich als Zuschauer bereits vor der Sichtung darüber im Klaren sein sollte, Phasen der darstellerischen oder von Aura geprägten Dominanz geboten zu bekommen, wenngleich die Rolle der Wahl-Schweizerin hier in keinem Vergleich zu ihren Welterfolgen steht, für einen Italo-Western jedoch den Nimbus des Überqualifizierten mit sich bringt. Zumindest theoretisch. Diese überspitzte Beschreibung soll das so hochverdiente und erfolgreiche Genre keinesfalls abqualifizieren, sondern lediglich auf den Umstand hinweisen, dass derartige Fremdkörper oder vielmehr Experimente wenig erfolgversprechend waren, was der ausgebliebene Erfolg auch hinlänglich dokumentiert.

 

"Dans la poussière du soleil" als unwirsch, schwach oder gar misslungen abzutun, wäre angesichts der offensichtlichen Bemühungen viel zu einfach und auch mehr als ungerechtfertigt, denn Richard Balducci bietet eine nicht uninteressante Variation unter unzähligen Beiträgen an, die dem Empfinden nach nicht alle Tage zu finden war. Dass die gezeigte Geschichte auf William Shakespeares Vorlage basiert, kann aufgrund grobschlächtiger Parallelen nicht in das Reich der Mythen verwiesen werden, doch der Film funktioniert auch ohne jegliche Kenntnisse der Vorlage. Von einer Adaption reinster Seele kann nicht zuletzt wegen des Ambientes auch keine Rede sein, da die Erzählung mithilfe moderner und reißerischer Mittel auf zeitgenössische Abwege gelenkt wird und somit einen drakonischen Transfer erlebt. Es empfiehlt es sich ohnehin, den Film losgelöst, ohne Korsett und überspitzte Erwartungen zu betrachten, der sich bereits in der Eingangssequenz von seiner ansprechendsten Seite präsentiert. Spezifische Klänge läuten den bevorstehenden Kurs überaus eindrucksvoll ein und bäumen sich anklagend auf, sodass es unmittelbar nach einer schönen Panoramafahrt der an Flexibilität und Extravaganz interessierten Kamera zu Brutalität und Härte kommen kann. Im weiteren Verlauf kristallisieren sich außerdem ungewöhnlich deutliche körperliche Szenen heraus, die den hier gewählten, destruktiven Tenor oft unterstreichen und in einer derartigen Produktion fast schon ein wenig exotisch wirken. Das schnell servierte Motiv löst die nötige Kettenreaktion aus, die jede der beteiligten Charaktere existenziell bedroht. Die Marschrichtung, potentielle Geschehnisse und vorhersehbare Konsequenzen rücken im Szenario somit unmissverständlich in den Vordergrund, das von Isolation, Nötigung, Hass und Demütigung geprägt ist, um erst gar nicht auf die falsche Fährte zu führen, dass hier irgendwelche Gefangenen gemacht werden. Richard Balducci gelingt es innerhalb der sehr charakteristisch wirkenden Schauplätze und Kulissen recht eindrucksvoll, für eine seltene Art der Spannung zu sorgen, die im Endeffekt nicht einer ganz klassischen Definition entspricht, weil sie in ausgewählten Intervallen vor allem zermarternd, aushöhlend und beklemmend wirkt.

 

In diesem Zusammenhang ist auf Maria Schells völlig zwingend wirkende Darbietung zu verweisen, die durch die bloße Anwesenheit und wenige Kniffe ihres breit gefächerten Repertoires für die bedeutenden Momente des Verlaufs sorgen kann. Für die gebürtige Österreicherin kam es insbesondere in diesem Zeitfenster zu ungewöhnlichen Einsätzen, was sich vermutlich aus zweierlei Gründen herleitet: Eine sich anbahnende Krise im internationalen Kinotopp und damit verbundene Restriktionen im Rahmen der üblichen Einsatzgebiete; hinzu kam eine längere schöpferische Kino-Pause der Interpretin, die bis auf wenige Unterbrechungen für Fernsehproduktionen bereits 1963 begonnen hatte. Maria Schells kleines Comeback führte sie somit nicht nur in diesen - wenn man so will - Franco- oder Eurowestern, sondern auch in für sie vollkommen untypische Produktionen wie beispielsweise Jess Francos Reißer "Der heiße Tod" und "Der Hexentöter von Blackmoor", in denen man Maria Schell wohl nicht unbedingt erwartet hätte. Als Zugpferd dieses Beitrags ist die Schauspielerin nebenbei bemerkt nur der nominellen Hauptrolle zu sehen, allerdings zeigt sich auch hier ein obligatorischer Präzisionsauftritt, der durch die Affinität der Kamera für ihre gebrochen wirkende Figur unterstrichen wird. Zwar kann Maria Schell im Vergleich zu vielen ihrer Top-Rollen kaum erwartungsgemäß auftrumpfen, doch es lässt sich in diesem Fall pauschal sagen, dass es hier mehr als ausreicht und sie wesentlich mehr Substanz anbietet, als oft im besagten Genre zu finden war, was insbesondere über die Aufgaben der Interpretinnen und deren Zuschnitte gesagt werden kann. Interessant zu beobachten ist, dass sich Balducci insgesamt gegen solche zu wehren versucht, es jedoch nicht schafft, sich vollends von ihnen freizumachen, da die Geschichte aufgrund der verwendeten Vorlage sozusagen vorzementiert und darüber hinaus mit einen ordentlichen Spritzer Zeitgeist versehen wurde. So begibt sich die Produktion auf den besten Weg, ihrer Hauptdarstellerin die größte Bühne zu bieten, die sie meistens ohnehin gewöhnt war, was je nach Lager für zwiespältige eindrücke sorgen dürfte.

 

Gertie Bradford ist vielleicht am treffendsten als wandelnder Vorwurf beschrieben. Die unvorhergesehenen Einschnitte des Schicksals oder die Aktionen derer, die versuchten, Schicksal zu spielen, treffen sie mit voller Härte, sodass es kaum verwunderlich erscheint, sie in eine offensiv schwermütige Körpersprache gehüllt zu sehen. Mit eindeutiger Gestik und Mimik, den hasserfüllten Blicken und auffällig missbilligender Konversation, provoziert die in anklagendes Schwarz gehüllte Witwe den Mörder ihres Mannes und gleichzeitig Ehemann in spe, fällt ihrem introvertierten Sohn Hawk gegenüber jedoch mit mütterlicher Leidenschaft auf, die nicht selten der einer Geliebten gleicht. Schwierige Konstellationen stellten unzählige Male die Leitlinie für derartige Stoffe dar, die - je nach ergiebiger Nutzung - für atmosphärische, teils große Momente zu sorgen wissen. Die hier zugrunde liegende Vorlage sorgt schließlich dafür, dass der Verlauf quasi ohne konventionelle Heldenfiguren auskommen muss, was zersetzende und tragische Phasen garantiert, die im Grunde genommen Maria Schells Angelegenheit sind und bleiben. Eine Person wie Joe Bradford alias Bob Cunningham fällt als Abschaum dieser kompletten Veranstaltung auf, denn er präsentiert sich in barbarischer, unerbittlicher und kaltblütiger Fasson, was letztlich einen erforderlichen Domino-Effekt auslöst. So muss er seine zukünftige Frau eigenhändig zur Witwe machen, um sie überhaupt an sich binden zu können, doch diese Qual und Demütigung wird ihren Preis haben. Der markante US-Amerikaner liefert beim bestechenden Ausbuchstabieren dieser von Perversion und Aggressivität getriebenen Person ein richtig derbes Kabinettstückchen, das zweifellos das Potenzial besitzt, in unangenehmer Weise nachzuhallen. In der Zwischenzeit arbeitet Regisseur Balducci nachdrücklich daran, die Szenerie durch interessante Rochaden bei Drive und Intensität zu halten, wenngleich der Spannungsbogen immer wieder neu aufgerollt werden muss.

 

Dies geschieht augenscheinlich weniger im Sinne von ungünstiger Handhabe, sondern einer immer wiederkehrenden Verschiebung der Klimax nach hinten, um der Geschichte nötiges Feuer zu verleihen. Anhand der gewagten Integrierung von zahlreichen Gewaltspitzen, torpedoartigen Dialogen und ungewöhnlich ausgeprägten Sexszenen, kommt eine Art negativer Strudel in Gang, der die Personen nicht nur entwurzelt, sondern sie überdies dazu zwingt, entgegen des gesunden Menschenverstandes und womöglich ihres Naturells zu agieren. Die ohnehin ungewöhnliche Besetzungsliste wird ansprechend durch die Leistungen von Daniel Beretta oder Karin Meier erweitert. Der Franzose Beretta, von Haus aus eigentlich Sänger und Komponist, stand hier noch am Anfang seiner schauspielerischen Aktivität. Seine nahezu wortlose Rolle lebt in erster Linie von seiner geheimnisvoll wirkenden Ausstrahlung, die im Endeffekt eher als Laune der Dramaturgie zu bezeichnen ist. Die erkennbare Funktion als Schlüsselfigur verliert sich vielleicht ein wenig zu sehr in der staubigen Peripherie, allerdings nimmt man sie irgendwo zwischen dankend und zwangsläufig als solche an. Berettas mehr oder weniger unbekannte Kollegin Karin Meier appelliert hauptsächlich an Beschützerinstinkte, bleibt des Weiteren aufgrund ihrer soliden bis ästhetischen Szenen in Erinnerung. Der Film hat eine Reihe von Argumenten zu bieten, die ihn ergänzend sehenswert machen. Dass die Verfilmung damals kaum registriert wurde und in Vergessenheit geraten ist, spiegelt nicht deren überdurchschnittliche Qualität und die oft aufblitzende Extravaganz wider. Vor allem kameratechnisch darf ein bemerkenswertes Gespür und eine auffällige Konstanz bescheinigt werden, was dem dialogarmen Film eine ganz eigene Sprache verleiht. Musikalisch erlebt man ebenso Hochwertiges wie beispielsweise im darstellerischen Bereich, sodass "Dans la poussière du soleil", der übrigens ein bitterschönes und absolut betörendes Finale bereit hält, Erwartungen erfüllen konnte, die im Vorfeld noch nicht einmal definiert waren.

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