Suchen

Night has a Thousand Desires

Spanien, 1983

Originaltitel

Mil sexos tiene la noche

Alternativtitel

Night of 1.000 Sexes (USA)

Regisseur

Jesús Franco

Drehbuch

Jesús Franco

Inhalt

Das Medium Irina (Lina Romay) hat ihren Liebhaber, den Magier Fabian (Daniel Katz), sprichwörtlich aus der Gosse aufgelesenen, und nun touren die Beiden mit ihrer Show durch die Nachtclubs. Bei einem ihrer Auftritte – bei denen Irina mit verbundenen Augen den Tascheninhalt der Gäste errät - erscheinen einige der Besucher jedoch unerklärlich feindselig. Nur kurze Zeit später beginnt Irina unter Albträumen zu leiden, in denen sie jene tötet, die so bedrohlich erschienen. Und diese werden tatsächlich tot aufgefunden, einer nach dem anderen.

Review

Die beginnenden Achtziger Jahre markieren eine völlig neue Phase im Schaffen von Regisseur Jesús Franco. Nach Beendigung seiner Arbeit für Erwin C. Dietrich folgte von 1978 bis 1980 eine sehr wechselhafte Phase. Drei Arbeiten für Robert de Nesle (bevor dieser verstarb), eine ebenfalls drei Filme umspannende Zusammenarbeit mit der spanischen Firma Triton Films und ein paar besser budgetierte Co-Produktionen zwischen Julian Esteban und der deutschen Lisa Film. 1981 dann der künstlerische Jackpot: Golden Films. Ein Ehepaar, nicht ganz so wohlhabend wie sie Franco offenbar weismachen wollten, hatten aber etwas Geld auf Tasche und offerierte ihm absolute künstlerische Freiheit. Winzige Budgets aber keinerlei Einmischung in seine Arbeit, viele Filme sollte er für sie machen, ganz nach seiner eigenen, persönlichen Vorstellung. Hätten sie geahnt, wie schnell Franco drehen kann, hätten sie wohl beizeiten das Fürchten gelernt. Und Franco selbst ebenso, hätte er geahnt, dass die Beiden nichts vom Filmvertrieb verstanden.

 

1981 drehte Franco den ersten Film für Golden Films, die Erotikkomödie „La noche de los sexos abiertos.“ Wie bereits angedeutet, wurden aufgrund der Branchenfremdheit des Produzentenehepaars die folgenden Arbeiten Francos erst spät in den spanischen Kinos gezeigt, gar nur auf VHS veröffentlicht oder überhaupt nicht fertig geschnitten, da am Ende der Zusammenarbeit 1985 das Geld endgültig ausging. Um 1983 entstand der hier besprochene „Mil sexos tiene la noche“, welcher einer der stimmungsvollsten und stärkeren Filme der Golden Films-Produktionen ist, und täuschen wir uns nicht, mit dieser neu gewonnen absoluten künstlerischen Freiheit hat Franco sowohl einige seiner persönlichsten als auch einige seiner seltsamsten Regiearbeiten abgeliefert. Trotz der thematischen Unterschiedlichkeiten dieser Produktionen, gibt es ein paar Gemeinsamkeiten. Selbstreferenzen – Franco wiederholt bereits zuvor gefilmte Geschichten und auch die Namen der Protagonisten wieder und wieder. Musik – zumeist bekommen wir es hier mit einem Mix aus Daniel White/Jess Franco-Musik zu tun, oftmals altes Archivmaterial darunter. Kamera – Franco zoomt nach wie vor, insgesamt filmt er aber ruhiger. Überhaupt sind die besseren Golden Films-Arbeiten von einer ruhigen, stimmungsvollen und manchmal gar depressiven Anmut geprägt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Darsteller – neue Gesichter tauchen in Francos spärlichen Besetzungslisten jener Jahre auf, wenige davon (Lina Romay) hat man in vorherigen Franco-Filmen gesehen, ebenso wenige (Daniel Katz) werden es in spätere Werke schaffen. Realismus – vergesst es. Franco ist jetzt völlig in seinem eigenen surrealen Universum angekommen. Die Hauptprotagonisten sind umgeben von menschenleeren Straßen, die Welt Draußen ist unscharf, die Welt im Innern verträumt und in ihrer isolierten, farbenfrohen Bilderpracht gleichermaßen schön wie einsam. Die Sonne scheint für die Welt Draußen, für die Protagonisten leuchten die Farben der Künstlichkeit.

 

„Night has a Thousand Desires“ hat ein altbekanntes Hauptthema im Francoversum, nämlich die Gedankenkontrolle. Irina – gespielt von Lina Romay – tötet unter dem hypnotischen Einfluss der geheimnisvollen Lorna (Carmen Carrión). Man könnte „Mil sexos tiene la noche“ als Remake von „Die nackten Augen der Nacht“ (Les cauchemars naissent la nuit, 1971), „Der Ruf der blonden Göttin“ (1977) und noch ein paar anderen bezeichnen, aber im Grunde teilen sich bei Franco die Filme nur Thematiken, jeder Einzelne für sich ist doch anders. Gedreht wurde an der Costa del Sol und auf Las Palmas, wo unter anderem die Szenen mit Darsteller Albino Graziani entstanden, welcher Irinas erstes Opfer spielt. Daniel Katz gibt einen eher blassen Bösewicht ab, seine Verbündete Lorna wird dargestellt von Carmen Carrión, die neben ihren Auftritten in Francos Golden Films auch in drei seiner Hardcore-Pornos der Achtziger zu sehen war. Ebenso wie José Llamas, dessen Wandlungsfähigkeit von Macho Jim über Bruce Lyn bis hin zum Schwanzartisten reicht. Ein weiteres Opfer von Irina stellt Alicia Príncipe dar, Hauptdarstellerin aus Francos „Historia Sexual de O“, und Franco hatte nicht viel Gutes über sie zu sagen. Am Meisten hat ihn aber wohl deren Zuhälter-Freund geärgert, dem er schließlich auch den Zugang zum Set verwehrte, was letztendlich zur Beendigung seiner Zusammenarbeit mit Príncipe führte. Einen Kurzauftritt – eigentlich zwei – hat Jess Franco als Psychiater, doch hören kann man ihn im fertigen Film viel öfter. Er dubbte Albino Grazianis Gesang, die Stimme dessen Gesprächspartners in dieser Szene, er lieh den hypnotischen Tonspuren seine Stimme, etc. Daniel Katz (Fabian) wird von Antonio Mayans gesprochen.

 

Die Geschichte von „Mil sexo tiene la noche“ würde mitsamt Dialogen auf einen Bierdeckel passen, aber das ist unwichtig, denn effektiv ist an diesem Film seine Umsetzung und die surreale, sinnliche Atmosphäre. Ein wichtiger Teil dieser Atmosphäre ist die musikalische Vertonung, die unter dem Pseudonym „Pablo Villa“ erfolgte. Hierbei handelt es sich neben Altmaterial Daniel Whites aus „Entfesselte Begierde“ (La comtesse noire, 1973) und Francos Getrommel aus „Jungfrau unter Kannibalen“ (El Caníbal, 1980), um recht atonale Experimentalmusik, welche durch unverständliches hypnotisches Gemurmel ergänzt wird. Scheint alles von Franco zu stammen. Bei allem Lob sollte aber auch eines klar sein: Nicht-Franco-Fans werden sich zu Tode langweilen, und das Ende des Films ist eine hastig improvisierte Frechheit, bei dem sich das Draußen (Psychiater und Polizisten) und das Drinnen (Romay, Katz und Carrión) offenbar an zwei verschiedenen Orten (Las Palmas und Costa del Sol) befanden, weshalb ein Zusammenspiel nicht möglich war. „Night has a Thousand Desires“ ist ein tiefgehender Einblick ins Francoversum der Achtziger, allerdings nur für Fans.

 

Blutgehalt und sexuelle Explizitäten halten sich in Grenzen. Beides sehr soft.

Veröffentlichungen

„Mil sexos tiene la noche“ machte nach einer alten und sehr seltenen spanischen VHS-Veröffentlichung einen ruckartigen Sprung direkt ins Blu-ray-Zeitalter mit der Disc von Mondo Macabro. Neben einer Widescreen-Abtastung des Hauptfilms in 1080p und in spanischer Originalfassung mit englischen Untertiteln enthält die Disc ein Interview mit Stephen Thrower, aus der Serie EUROTIKA die Folge „The Diabolical Mr. Franco“ und eine Mondo Macabro-Trailershow.

Links

OFDb
IMDb

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.