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The House of Lost Women

Spanien, 1983

Originaltitel:

La casa de las mujeres perdidas

Alternativtitel:

Perversión en la isla perdida

Perversion on the Lost Island

Regisseur:

Jesús Franco

Kamera:

Juan Soler

Drehbuch:

Jesús Franco

Inhalt

Auf einer einsamen andalusischen Insel lebt die Familie des Ex-Schauspielers Mario Pontecorvo (Antonio Mayans) in isolierter Schrecklichkeit. Mario befindet sich dort im Exil, weil er in seiner argentinischen Heimat eine Minderjährige belästigt habe, so behauptet er zumindest. Seine achtzehnjährige Tochter Desdemona (Lina Romay) schwelgt in inzestuösen Phantasien in Bezug auf ihren Vater, während ihre geistig zurückgebliebene Schwester Paulova („Susana Kerr“, höchstwahrscheinlich Asunción Calero) das Masturbieren erlernt. Beide werden physisch misshandelt von ihrer Stiefmutter Dulcinea (Carmen Carrión), während diese ihren Ehemann wegen dessen Impotenz nur psychisch traktiert. Da kommt ein Fremder (Antonio Rebollo) auf die Insel, der sich Tony Curtis nennt und ein paar Illusionen zerstört.

Review

Mit THE HOUSE OF THE LOST WOMEN erwartet den geneigten Zuschauer ein franco’sches Classificada S-Drama, düster, mit gelegentlich aufflackerndem schwarzen Humor und jeder Menge nackter Haut, die zu genießen die depressiven Charaktere des Films zu verhindern wissen. Und ja, Letzteres ist in diesem Fall etwas Gutes.

 

Die Idee zu LA CASA DE LAS MUJERES PERDIDAS entstand wohl schon Mitte der sechziger Jahre in gemeinsamem Brainstorming mit Jean-Claude Carrière. Franco behauptete auch, damals schon ein Drehbuch eingereicht zu haben, welches von den spanischen Zensoren freilich abgelehnt wurde. Da Carrière in den Achtzigern längst außer künstlerischer Reichweite Jess Francos stand, verfasste Franco diese in den Achtzigern entstandene Neuadaption selbst. Im Mittelpunkt steht eine dysfunktionale Familie, und die Mühe, die sich Franco hier mit den Charakteren gab, ist spürbar.

 

Das Familienoberhaupt Mario Pontecorvo lebt in seinen Illusionen, die er durch Selbsttäuschung und Lügen errichtet hat. Sehr deutlich zeigt sich dies in seinem mangelhaften Erinnerungsvermögen, in dem er einst ein berühmter argentinischer Schauspieler war, kann sich aber nur mühsam an Stücke oder Rollen erinnern, die er tatsächlich innehatte. Andeutungen, dass die Mutter seiner Töchter an der Syphilis starb, liefern hier eine mögliche Erklärung. Sein Sexualleben liegt weitgehend brach, sehr zum Ärger seiner zweiten Frau Dulcinea. Antonio Mayans spielt Mario Pontecorvo hervorragend, kann auch dessen Zusammenbruch am Ende überzeugend verkörpern. Pontecorvos Anspruch als Familienpatriarch entpuppt sich schließlich als bloßes Image, aufgebaut auf Lügengeschichten, die bei Konfrontation mit der Realität mit kompletter Umnachtung enden.

 

Lina Romay spielt Tochter Desdemona, die zwar einerseits ihren Vater bewundert und begehrt, andererseits ein sehr einsames Leben führt, in dem sie von fernen Orten und Ländern träumt, die sie nur mithilfe eines Globus benennen kann. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ist der Fernseher, der (im Off) amüsante Dallas-Episoden mit Jess Franco, Lina Romay und en anderen wenigen Darstellern von THE HOUSE OF THE LOST WOMEN als Sprecher zeigt, sowie denkwürdige Werbespots. Desdemonas jüngere Schwester Paulova ist geistig zurückgeblieben, und hier wird es dann auch hart, etwa wenn die böse Stiefmutter deren Pussy auspeitscht. Trotzdem bleibt Francos Geschichte in vielen Dingen zurückhaltend, er spielt das volle Potenzial dieser dysfunktionalen Familie nicht aus, trotz der kompletten künstlerischen Freiheit, die er in dieser Golden Films-Produktion genoss.

 

Die Darstellerin der Paulova wird in Filmdatenbanken als Asunción Calero angegeben, im Vorspann steht Susana Kerr. Es ist schwer zu sagen. In THE INCONFESSABLE ORGIES OF EMMANUELLE (Las orgías inconfesables de Emmanuelle, 1982) trägt die Calero viel Make-up und eine Perücke, so dass hier kaum zu erkennen ist, ob es sich um dieselbe Darstellerin handelt. Zumal sie in genanntem Film nicht sonderlich durch schauspielerische Leistung auffiel, während sie (?) die schwere Rolle in THE HOUSE OF THE LOST WOMEN recht gut meistert. Sie könnte es aber tatsächlich sein. Da muss ich mal in BLACK BOOTS, LEATHER WHIP (Botas negras, látigo de cuero, 1982) und EL HOTEL DE LOS LIGUES (1983) reinschauen. Dass es dieselbe Darstellerin ist, dafür spricht auch, dass genannte Filme mehr oder weniger in einem Rutsch entstanden sind - wobei das ganze Jahr 1982 ein einziger gewaltiger Rutsch ist, in dem Franco 13 Spielfilme fertig stellte, neben anderen Projekten.

 

Als geheimnisvoller Fremder, der angeblich nur des Jagens wegen auf die Insel gekommen ist, sieht man Antonio Rebollo. Kein begnadeter Darsteller, aber irgend jemand musste hier ja zu einer Auflösung beitragen. In dieser löst sich dann auch Mario Pontecorvos Verstand auf, denn seine Selbstillusionen werden zerstört. Denn tatsächlich – Achtung Spoiler! – ist dieser Tony Curtis ein Reporter, der gekommen ist, um sich wegen eines Interviews an Pontecorvo ranzumachen. Nachdem er diesen kennen gelernt – und dessen Tochter defloriert – hat, kommt er jedoch zu dem Schluss, dass ein Interview nicht lohnt. Zu bemitleidenswert findet er die „Familienidylle“ der Pontecorvos, das Familienoberhaupt nur jämmerlich. Die Stiefmutter verlässt den Ort des Schreckens – zu dessen schrecken sie freilich tatkräftig beigetragen hat – und Mario wirft das Handtuch. Die Schwestern bleiben allein zurück und werden die Insel wohl nie verlassen.

 

Jess Franco drehte dieses böse Portrait einer dysfunktionalen Familie irgendwann im Jahr 1982. Eher früher als später, auch wenn die Wetterverhältnisse den von Robert Monell vorgeschlagenen Oktober nahelegen, während Stephen Thrower den Frühsommer vermutet. Die Insel der Pontecorvos ist ein typischer surrealistischer Franco-Ort, zusammengesetzt aus verschiedenen Locations in Murcia, Benidorm, Alicante und Almería. Deswegen tendiere ich zu einem früheren Drehzeitpunkt, denn selbst einzelne Bäume, vor denen die Darsteller posieren, sieht man in den ersten drei Filmen, die Franco 1982 drehte. Das hat aber nicht viel zu sagen, denn wer garantiert uns, dass Franco nicht einzelne Szenen bereits früher gedreht hat als den Rest? Niemand. Aber ist ja auch egal.

 

1999 drehte Jesús Franco mit BROKEN DOLLS aka MUNECAS ROTAS ein Remake mit Paul Lapidus in der Hauptrolle. Dort wird auch Jean-Claude Carrière als Story-Creator genannt. Das Familienoberhaupt Mario Pontecorvo wurde dort in Don Martin umbenannt.

Veröffentlichungen

LA CASA DE LAS MUJERES PERDIDAS erschien im August 2021 von Severin Films unter dem Titel THE HOUSE OF THE LOST WOMEN auf Blu-ray mit einer Lauflänge von 93 Minuten im spanischen Original mit optionalen englischen Untertiteln.

 

Im Bonusmaterial findet sich Teil 6 der Doku „In the Land of Franco“ mit Stephen Thrower und Antonio Mayans auf Location-Tour. Außerdem gibt es ein Interview mit Stephen Thrower, in dem er über THE HOUSE OF THE LOST WOMEN erzählt, außerdem ein Audio-Essay zum Film mit Robert Monell.

 

Als Bonus-CD liegt „In the Land of Franco Vol. 2“ bei. Diese enthält 16 Stücke von Daniel J. White aus TWO FEMALE SPIES WITH FLOWERED PANTIES (Ópalo de fuego: Mercaderes del sexo, 1980), LES FILLES DE COPACABANA (1981), OASE DER ZOMBIES (L’Abime des Morts-Vivants, 1982), DIE RACHE DES HAUSES USHER (El hundimiento de la casa Usher, 1982) und THE INCONFESSABLE ORGIES OF EMMANUELLE (Las orgías inconfesables de Emmanuelle, 1982).

Links

OFDb

IMDb

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