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Der schreckliche Dr. Orloff

Frankreich | Spanien, 1962

Originaltitel:

Gritos en la noche

Alternativtitel:

L'horrible Docteur Orlof (FRA)

Il diabolico dott. Satana (ITA)

The Demon Doctor (GBR)

The Awful Dr. Orlof (USA)

Cries in the Night

The Diabolical Dr. Satan

Schreie durch die Nacht

Regisseur:

Jesús Franco

Drehbuch:

Jesús Franco

Inhalt

In einer französischen Kleinstadt sind bereits fünf Frauen verschwunden, und man überträgt den Fall an Inspektor Tanner (Conrado San Martín), der kurz vor seiner Hochzeit mit der Balletttänzerin Wanda Bronsky (Diana Lorys) steht. Es gibt einige Zeugen für die Taten, doch seltsamerweise weichen die Beschreibungen des Täters stark voneinander ab. Wanda bringt den Inspektor auf die Idee, alle Zeugen zu versammeln und ein Phantombild anfertigen zu lassen, und am Ende steht man mit zwei unterschiedlichen Tätern da. Im nahegelegenen Hartog residiert in einem Schloss der ehemalige Gefängnisarzt Dr. Orloff (Howard Vernon). Mithilfe seines Faktotums Morpho (Ricardo Valle) und seiner Geliebten Arne (Perla Crístal), versucht er das Gesicht seiner Tochter Melissa zu rekonstruieren, die seit einem Brand in seinem Laboratorium entstellt ist. Doch die Zeit wird knapp, denn die Polizei ist ihm auf den Fersen und Melissas Lebenswille wird schwächer und schwächer.

Review

„Der schreckliche Dr. Orloff“ oder „Schreie durch die Nacht“ war Jess Francos erster Horrorfilm und ebenso sein erster internationaler Erfolg. Gedreht im Oktober/November 1961 kam er überraschend schnell in die spanischen Kinos, und die Geschichte, wie es zu diesem Projekt kam, ist ebenso interessant wie widersprüchlich. Doch dazu später.

 

Franco kommt gleich zur Sache, und schon in der ersten Szene sehen wir die Entführung einer Dame von zweifelhaftem Ruf durch den blinden und gehirnzellenerleichterten Morpho. Doch er ist nicht allein. Ein geheimnisvoller Unbekannter leitet seinen Weg durch Klopfgeräusche mit seinem Gehstock. Nach einem kleinen Zwischenspiel, in dem wir Inspektor Tanner, dessen Assistenten und seiner Verlobten begegnen, wird uns Orloffs Geschichte ohne große Umwege offenbart.

 

Bei einem Laborunfall wurden Gesicht und Oberkörper von Orloffs Tochter Melissa vom Feuer entstellt. Seltsamerweise scheint er sich seine beiden Helfer schon vorher zugelegt zu haben. Er täuschte den Tod der Gefängnisinsassin Arne - sehr schön und sehr gut gespielt von Perla Crístal - vor, die zu seiner Geliebten wurde. Und natürlich Morpho, dem Orloff allerdings sein Augenlicht und ein paar Gehirnzellen entfernte, da dieser ein gefährlicher Triebtäter war. Dass Franco betonte, Ricardo Valle, der Darsteller des Morpho, sei ein homosexueller Tänzer gewesen und ihm dann die Rolle eines ehemaligen Jungenmörders a la Haarmann gab, sehen wir ihm mal nach.

 

Diana Lorys hat in „Der schreckliche Dr. Orloff“ eine Doppelrolle, mal als des Inspektors Verlobte, dann wieder als Orloffs Tochter Melissa. Die Geschichte der Balletttänzerin Wanda, Braut des Inspektors, kommt einem nicht grundlos bekannt vor. Spätestens bei der Versammlung zur Phantomzeichnung, und wenn Wanda sich schließlich als Prostituierte verkleidet selbst auf die Suche nach dem Killer macht, wird einem schnell bewusst, dass Franco nicht wenige Szenen dieses Subplots in „Jack the Ripper - Der Dirnenmörder von London“ (1976) wiederverwertet hat. Dort spielt Josephine Chaplin eine sehr ähnliche Rolle.

 

„Der schreckliche Dr. Orloff“ wurde in Madrid gedreht, Handlungsort ist dagegen offensichtlich eine Phantasiestadt in Frankeich. Stephen Thrower belegt dies in seinem Buch „Murderous Passions: The Delirious Cinema of Jesus Franco“ so umständlich, dass man sich fragt, ob er die französische Fahne an der Polizeistation und die französischen Polizeiuniformen nicht gesehen hat. Egal, der Mann arbeitet akkurat, und das ist gut so. Gleich während des Vorspanns darf man einem stilistischen Kuriosum beiwohnen. Franco hat diesen unzweifelhaft für ein kommerzielles Publikum gedrehten Film mit seltsam dissonanter Musik unterlegt, sehr ungewöhnlich für jene Zeit. Im Vorspann werden Antonio Ramírez Ángel und José Pagán genannt, diese waren Teil von Francos Musik-Combo für die Songs in den Nachtclub-Szenen. Das dissonante Zeug dürfte dagegen von Franco selbst stammen.

 

Auffällig ist die Sorgfalt bei Kameraführung (Godofredo Pacheco mit Javier Pérez Zofio), Beleuchtung und der Frame-Auswahl der einzelnen Szenen. Hier waren sichtlich Profis am Werk. Das Schauspiel der Darsteller ist durchweg überzeugend, selbst Howard Vernon verzichtet in dieser ersten Zusammenarbeit mit franco auf Overacting. Mancher mag Morpho unfreiwillig komisch finden, ich dagegen nicht.

 

Wie es zu diesem Projekt kam, ist eine lange und komplizierte Geschichte. Sie ist vor allem deshalb so kompliziert, weil Franco sich natürlich dem Vorwurf ausgesetzt sah, von Georges Franjus „Schreckenshaus des Dr. Rasanoff" (Les yeux sans visage, 1960) abgekupfert zu haben. Alle Beteiligten sind sich über den ersten Teil der Geschichte einig. Die Produzenten Sergio Newman und Marius Lesoeur hatten sich mit Franco in Nizza getroffen, um B. Travens „Die Baumwollpflücker“ zu verfilmen. Darsteller und Crew waren engagiert, der Dreh stand angeblich kurz vor dem beginn, doch dann kam das Nein der spanischen Zensoren. Wer die Idee hatte, sich dann Terence Fishers „Dracula und seine Bräute“ (Brides of Dracula, 1960) im Kino anzusehen, ist strittig aber auch unwichtig. Nun beschloss man einen Horrorfilm zu drehen, auch wenn vom Vampirthema letztendlich nur Morpho übrigblieb, der sich während der Entführungen stets über die Frauen beugt als würde er ihr Blut trinken. In der Story des Films wird aber nicht darauf eingegangen, nur der bildliche Eindruck ist vorhanden.

 

Nun wird es interessant und verwirrend. Die Figuren des Dr. Orloff und seines blinden Handlangers scheinen der Edgar Wallace-Verfilmung „Der Würger“ (The Dark Eyes of London, 1939) mit Bela Lugosi entnommen. Und Franco versuchte nun zu beweisen, dass er eben nicht von Franju abgekupfert hat:

 

Beweisführung 1: die Geschichte würde auf seinem Pulp-Roman, den er unter dem Pseudonym David Khune geschrieben habe, beruhen. Niemand hat je einen dieser Pulp-Romane auftreiben können, schlicht weil sie nicht existieren. Tatsächlich habe sich Franco (lt. Alain Petit) einmal köstlich amüsiert als ein französischer Kritiker schrieb, das Drehbuch habe sich exakt an die Dialoge der (nichtexistenten) Romanvorlage von David Khune gehalten.

 

Beweisführung 2: Er - Franco - habe Franjus Film gar nicht kennen könne, da dieser erst nach „Der schreckliche Dr. Orloff“ in die Kinos kam. Nun, das ist schlicht gelogen.

 

Beweisführung 3: Franco habe gar keinen Horrorfilm machen wollen, sondern eine Karriere als ernstzunehmender Filmemacher angestrebt. So wie Antonioni. Wir wissen natürlich nicht, was Franco damals wollte oder nicht, aber er war ein großer Fan der klassischen Universal-Horrorfilme, liebte Pulp-Romane und Erotik-Comics, also mal ehrlich, wie lange hätte er das mit dem Arthouse-Zeug durchgehalten? Freilich hat ihn die spanische Zensur zu vielem getrieben, weil er es denen schlicht heimzahlen wollte. Es ist schon ironisch, dass es gerade die Moralhüter des spanischen Diktators waren, die Franco mit ihren Restriktionen so erbosten und damit erst recht in eine andere, exploitative Richtung trieben.

 

Beweisführung 4: Jetzt wird’s verrückt. Stephen Thrower wunderte sich in „Murderous Passions: The Delirious Cinema of Jesus Franco“ bereits, dass Franco angeblich Franju nicht gekannt haben wollte, wo er doch sonst gerne mit seinen vielen Kontakten angab. Und tatsächlich legte Franco in einem seiner letzten Interviews eins drauf: er habe Franju gekannt, man habe sich auch über Projekte unterhalten. Dabei habe man überrascht festgestellt, dass man zufällig eine ähnliche Idee gehabt habe. Schon klar. Aber wir wollen nicht streiten, den sonst müsste man auch noch Sidney Hayers‘ „Der rote Schatten“ (Circus of Horrors, 1960) erwähnen und die Frage aufwerfen ob nicht beide geklaut haben.

 

Somit hat Jess Franco, was die Herkunft der Idee um einen Mad Scientist, der an Entstellten Gesichtshauttransplantationen vornimmt, mit einer Bemerkung vielleicht gar nicht so unrecht: manchmal liegen bestimmte Ideen oder Strömungen einfach in der Luft.

 

Einen wirklichen Director’s Cut scheint es nicht zu geben. Grundlage für diverse Veröffentlichungen sind die Spanische und die französische Kinofassung. Für Frankreich entstanden zwei explizitere Szenen, dafür wurde gegenüber der spanischen Fassung Handlung gekürzt. Diese spanische Fassung enthält – anstelle der expliziten Momente – auch Alternativeinstellungen. Für die US-Kinos und Italien diente als Grundlage die spanische Kinofassung, allerdings mit weiteren leichten Zensuren. Edition Tonfilm präsentierte auf DVD eine Art Integralfassung plus der französischen Fassung, während die Blu-ray von Redemption nur die französische Fassung an Bord hat. Eine weitere Alternativszene tauchte in den Rückblenden der Eurociné-Version von Francos „Die Rache des Hauses Usher“ (Neurosis/Revenge in the House of Usher, 1983) auf.

 

„Der schreckliche Dr. Orloff“ ist einer der sehenswertesten Horrorfilme von Jess Franco, was Stil und Kameraführung betrifft. Die Story, so abgekupfert (von wo auch immer) sie sein mag, wurde durchaus originell abgemixt. Und während viele vorherige Arbeiten Francos als Drehbuchautor, Regieassistent, Musiker oder Dubbing-Director Mosaiksteinchen für seine spätere Karriere waren, ist „Der schreckliche Dr. Orloff“ das Fundament.

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