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Blow-Up

Italien | Vereinigtes Königreich | Vereinigte Staaten, 1966

Originaltitel

Blowup

Alternativtitel

História de Um Fotógrafo (POR)

Blow-Up

Ekstase '67

Deutsche Erstaufführung

11. Mai 1967

Inhalt

Thomas ist Berufsfotograf und arbeitet an einem Bildband, welcher das „Leben in der Stadt London“ dokumentiert. Als der (von jeglichem Taktgefühl befreite) Fotograf in einer Parkanlage ein Liebespaar erspäht, macht er sich umgehend daran, dieses mehrfach zu fotografieren. Doch die Frau entdeckt den unerwünschten Beobachter, fühlt sich in ihrer Privatsphäre belästigt und fordert vehement die Herausgabe der Negative. Um die Dame loszuwerden, händigt ihr Thomas eine x-beliebige Filmpatrone aus und macht sich hernach daran, die begehrten Fotos zu entwickeln sowie zu vergrößern (Blowup). Während seiner anschließenden Bildinspektion erkennt der Fotograf Indizien, die auf einen Mord hindeuten…

Review

THE FILMS OF MICHELANGELO ANTONIONI SPEAK EVERY LANGUAGE

 

Unter der (Ver)Führung des Fotografen und Hauptprotagonisten, Thomas (gespielt von David Hemmings), treten wir eine Reise ins London der 1960er Jahre an. So offeriert uns Antonioni gleich zu Beginn einen Blick auf die armselige Architektur einer Arbeitersiedlung, welche die Nachkriegsmoderne wohlmöglich niemals erreichen wird und scheinbar symbolisch für einen ewigen Stillstand steht. Inmitten dieser Bauten bewegen sich einige Personen der Unterschicht, die soeben ein Männerwohnheim, in das sich auch der Berufsfotograf im Stile eines Enthüllungsjournalisten für eine Nacht einquartiert hat, verlassen. Währenddessen verrät Thomas Gebaren, dass ihm die Situation der gebeutelten Personen am Arsch vorbei geht. Er kann sich scheinbar jeglichen Gegebenheiten problemlos anpassen, kennt kein Mitgefühl und verliert niemals sein Ziel außer Augen, so wie es sich für einen professionellen Fotografen und Provokateur gehört.

 

Nach einem kurzen Aufenthalt in seinem Atelier lädt uns Thomas zu einer Autofahrt durch die Straßen von Londons besser situierter Gesellschaft ein. Unser Blick wird auf Bauwerke gelenkt, welche sich vom üblichen Stil der Vorkriegsgebilde distanzieren und einen architektonischen Wandel bestätigen. Der einhergehende Abriss alter Bauten suggeriert einen Aufbruch, eine Bewegung, die dem Stillstand innert der Armenviertel mit einem verächtlichen Grinsen begegnet und von Thomas mit den Worten „What about all the buildings going up around the place? Already there are queers and poodles in the area” kommentiert wird.

 

Diese visuellen Aus- und Eindrücke demonstrieren eine Außenwelt, die hinter den Grenzen eines subkulturellen Mikrokosmos, der vom Geist der Swinging Sixties gespeist ist, liegt. Einem Mikrokosmos, dessen Kern ein Fotoatelier bildet, welches die Schönen und den Fotografen, Thomas, eint.

 

Die Besessenheit mit der dieser Fotograf seinen Beruf praktiziert geht mit einer Souveränität einher, welche ihn stets dazu verleitet, seine Modelle zu verspotten oder sie in devote Positionen zu manövrieren. Man kann diesen Charakter einerseits als ein unsympathisches Arschloch suggerieren, andererseits jedoch mit fortwährender Coolness assoziieren. Natürlich bevorzugt der Großteil der Zuschauer die zweite Variante, was ihnen zugleich die (für das Filmverständnis unabdingliche) Identifikation mit diesem Charakter deutlich erleichtert.

 

SOMETIMES REALITY IS THE STRANGEST FANTASY OF THE ALL

 

So lauten die Eingansworte zum „Blow-Up“-Trailer, welche - trotz ihrer gestrafften Form - das Herzstück von Antonionis Film wiederspiegeln, nämlich das Transportieren der Realität als die unbegreiflichste aller Phantasien, sofern sich diese mit der Imagination verbündet. Somit wird die Wahrnehmung des Zuschauers stets visuell manipuliert, was ihn (den Zuschauer) einhergehend seiner Souveränität beraubt. Aus dieser Methode lassen sich natürlich Parallelen zu „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ lesen, da beide Filme die Aufhellung eines Geheimnisses fordern und den Zuschauer zu chargierenden Auffassungen verleiten.

 

Folglich verlieren wir uns in einem Labyrinth, das simultan zu unserem Eintritt, alle Ausgänge sperrt und uns auch über das Filmende hinaus nicht mit der Gewissheit beliefert, ob Thomas´ Entdeckungen der Wahrheit oder einem Trugbild entsprechen. Antonioni verführt uns also zum Zwiespalt, er offeriert uns zwei Möglichkeiten, die wir zwar eindeutig begreifen, deren gemeinsame Existenz wir allerdings nicht akzeptieren können. Demgemäß lassen wir uns fortwährend manipulieren und in die Irre führen - und wenn wir meinen, die Lösung zu kennen, stellen wir diese anschließend wieder in Frage und tippeln erneut ins Leere.

 

Diese Konstellation bringt Antonioni mit dem Auftritt einer Pantomimengruppe ganz deutlich zum Ausdruck. Ein Tennisspiel ohne Schläger und Ball lässt den Hauptprotagonisten einen realen Wettkampf deuten und ihn finalisierend gar zum aktiven Teilnehmer werden. Er verfällt der Pantomime und lässt sich zu einem Spiel verführen, das eigentlich keines ist.

 

MUSIK UND DARSTELLER

 

Akustisch wird „Blow-Up“ von einem brillanten Soundtrack bereichert. Doch sollte man bei aller Begeisterungsfähigkeit für den Score nicht die musikfreien Szenen im Maryon Park unterschätzen, da diese über eine enorme (Ausdrucks)Kraft verfügen, um den Zuschauer mit Haut und Haaren in das Geschehen hineinzuziehen. Einzig der heulende Wind und das Zwitschern der Vögel begleiten den Hauptprotagonisten auf seinem Weg, der ihn sowie uns zu der Erkenntnis führt, dass Nichts so ist - wie es scheint. Und da uns der Regisseur keine eindeutige Lösung offeriert, werden wir in einer außerordentlichen Weise gefordert.

 

Also beachte: Wer sich gegen diese Methode sträubt und stur an (s)einem Ursache und Wirkung Prinzip festhält, wird kaum in der Lage sein, die Klasse des Films zu begreifen!

 

Der damals 25-jährige David Hemmings legt in der Rolle des Fotografen, Tomas, seine persönliche Bestleistung auf das Parkett. Hemmings verkörpert einen Charakter, der zwischen Besessenheit, Genialität, Sarkasmus und Coolness chargiert. Der 1941 in Guildford geborene Mime wirkte neun Jahre später, ebenfalls als Hauptprotagonist, in Dario Argentos „Rosso - Die Farbe des Todes“ mit. Ein (innert der Speerspitze des Genres angesiedelter) Giallo, der „Blow-Up“ gar in einigen Passagen zitiert.

 

Das einzige Manko, dass „Blow-Up“ besitzt, ist die Tatsache, dass der der Film nach ca. 100 Minuten enden muss. Doch bevor es soweit ist, tauchen wir in ein Finale, das dem Gesamtwerk endgültig die Unantastbarkeit bestätigt. Ein Finale, das mich auch nach der einhundertsten Sichtung mit einer unablässigen Euphorie befällt. Ein Finale, das in den Weiten des Maryon Parks dahinschwebt und dieses einigartige Kunstwerk im Stile von Dmitri Schostakowitschs „Walzer Nr. 2“ ausklingen lässt.

 

Fazit: Antonioni kreierte mit „Blow-Up“ sein persönliches Glanzstück und setzte die Messlatte für folgende Filmproduktionen in eine bis dato unerreichbare Höhe. Ein Indiz für diesen Ausnahmestatus ist unter anderem die phänomenale Kameraarbeit von Carlo Di Palma, dessen Bildkompositionen mehr als tausend Momente offerieren, die es verdienen, gerahmt an den heimischen Wohnzimmerwänden zu thronen.  

 

Somit können auch jegliche Worte der Superlative nicht einmal ansatzweise das reflektieren, was „Blow-Up“ seit meiner Erstsichtung (ZDF, frühe 1980er) in mir auslöste. Es war der Beginn einer wundervollen Liebesbeziehung, die bis heute nichts von ihrem leidenschaftlichen Feuer verloren hat.

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