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Ein Sommer voller Zärtlichkeit

Italien, 1971

Originaltitel

Il sole nella pelle

Alternativtitel

L'amour dans la peau (FRA)

¿Violación bajo el sol? (ESP)

Sun on the Skin (GBR)

Summer Affair (USA)

Zu Tode gehetzt

Deutsche Erstaufführung

03. März 1972

Regisseur

Giorgio Stegani

Inhalt

Als sich die junge Lisa (Ornella Muti) Hals über Kopf in den Hippie Robert (Alessio Orano) verliebt, ahnt sie noch nicht, welche Probleme es für sie und ihren Freund nach sich ziehen würde. Da Lisas gutsituierter Vater (Chris Avram) mit dieser Bekanntschaft aufgrund der Jugend seiner Tochter nicht einverstanden ist, setzt er alle möglichen Hebel in Bewegung, um den Kontakt zu unterbinden, denn ein derartig unverbindlicher Lebensstil passt nicht in sein Weltbild. Die frisch Verliebten entziehen sich jedoch den Tiraden des aufgebrachten Vaters, indem sie zum abgelegenen Strandhaus der Eltern flüchten, um dort in Ruhe die Zweisamkeit zu genießen. Die materiellen Annehmlichkeiten vor Ort bringen den Luxus einer Segelbootfahrt mit sich, doch Robert und Lisa laufen auf Grund, sodass sie zu einer abgelegenen Insel schwimmen müssen. Die Einsamkeit des Ortes bringt auch ein gegenseitiges Erkunden mit sich, doch die Romanze droht ein schnelles Ende zu finden, da Lisas Senior bereits die Polizei alarmiert hat und das Paar zudem von zwei Männern beobachtet wird, die aus dem intimen Zusammensein der Jugendlichen vollkommen falsche Schlüsse ziehen...

Autor

Prisma

Review

Dem Empfinden nach existieren unzählige Filme mit Titeln, die die jeweilige Marschrichtung nicht auf den Punkt bringen wollen, oder einfach nur unpassend erscheinen. Somit wurde es zur gängigen Strategie, mehr zu versprechen, als eigentlich geboten wird, um die betreffenden Produktionen in einem interessanteren Licht strahlen zu lassen. Gleichzeitig wurden mögliche Enttäuschungen beim Publikum in Kauf genommen. "Ein Sommer voller Zärtlichkeit" gehört bemerkenswerterweise in die Riege diverser Filme, die ihre Aura mit ihren verschiedenen Titeln nicht nur ankündigt, sondern diese auch weitgehend bestätigen kann. Ausgestattet mit der bereits erwähnten Headline, bekam Giorgio Steganis Poesie-Drama in späteren Jahren noch den Video-Titel "Zu Tode gehetzt" verpasst, der zwar nur eine Geschichte über bestimmte Etappen des Verlaufs erzählt, unterm Strich jedoch gar nicht so unpassend wirkt, wie zunächst erwartet. Unter Betrachtung beider deutschen Namensgebungen stellt sich zunächst die Frage, welche denn im Endeffekt zutreffen wird und überraschenderweise erzählen sie bereits im Vorfeld von einer in überaus konträr geformten Abschnitten eingeteilte Geschichte, die ihre Zuschauer mit dem Lösen der Frage, ob nun Leidenschaft und Poesie oder letztlich Angst und Tragik Überhand gewinnen wird, in ihren Bann zieht. Diese progressiv wirkende Strategie des Films hofiert somit gleich mehrere Fraktionen beziehungsweise mögliche Interessenten des Publikums, doch die kompliziert klingende Anforderung wird mit einer tänzerischen Leichtigkeit aufgehoben, die selbst bei schwer verdaulichen Eindrücken als Fazit stehen bleibt. Verlauf und Hauptcharaktere bieten eine breite Palette von dem an, was man den Stoff, aus dem die Filme sind, nennt. Einerseits sieht man Lapidarem und Unverbindlichem entgegen, andererseits jedoch zeigen sich auch völlig aufrichtig erscheinende Emotionen und intime Momente ohne Doppeldeutigkeit, wenngleich zeitbezogene Elemente sowie handelsübliche Kniffe nicht fehlen.

 

Der Verlauf hält sich sowohl in positiv als auch in negativ gefärbten Gefilden auf und es zeigt sich eine hohe Anspruchshaltung der Regie, nicht irgendeine von unzähligen Romanzen mit theatralischen Anwandlungen zu schaffen, die dem Interessenten kaum Neues zu bieten hat, sondern es handelt sich um einen Film, der den Anspruch erhebt, zum Träumen einzuladen. Ebenso bewegt er den Zuschauer, wenn er ihn nicht gar provoziert. Die Mystifikation des viel zu häufig in enge Korsetts gesteckten Themas erfährt ihre Erfüllung durch Qualitätsansprüche und beachtliche Präzisionsleistungen der Hauptdarsteller, die so unbefangen und spontan wirken, dass man beinahe glauben möchte, sie seien nicht von Regie und Drehbuch choreografiert worden. Allerdings werden diese Eindrücke immer wieder von der Realität und gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten eingeholt oder nahezu verschluckt. Obwohl sich das Gefühl etabliert, dass der Film eine komplette Einheit bildet, ist man oft versucht, das Geschehen zwischen beide deutsche Titel einzubetten, da es zu eklatant wirkenden Kontrastprogrammen kommt, die dem Publikum noch einmal die künstlich erschaffene Klaviatur der Emotionen in all ihren Extremen vor Augen hält. Erstaunlich ist jedoch, dass durch die brillante Verschmelzung beider Richtungen der Eindruck entsteht, dass alles Wahrgenommene eins wird und sich der Kreis sozusagen schließt. Subtile Hinweise in Form von kurzen Rückblenden und telegrammartigen Konversationen deuten Unheilvolles an, doch man verlässt sich lieber auf das, was deutlich zu sehen oder sogar zu spüren ist. Ein junges Mädchen entdeckt die Liebe, was zunächst viel zu profan klingt, als dass etwas Außergewöhnliches darin zu sehen wäre, und unter Betrachtung der Rahmenbedingungen entstehen sogar sich ständig überholende Impressionen, die das Publikum einerseits beruhigen und zum Träumen anregen, andererseits allerdings ebenso verwirren und beunruhigen. Das häufig zur Anwendung kommende Auf und Ab erfährt in der zeitlichen Einbettung bezüglich der Screentime ein herbes Ungleichgewicht, da die lyrischen Aspekte nach dem Anspruch der meisten Zuseher überwiegen sollten.

 

Doch ist dies auch der Fall? Im Spiegel der Gesellschaft und insbesondere der Weltanschauung der Erwachsenen wohl eher nicht, denn die beiden jugendlichen Protagonisten stehen auf einer symbolträchtigen Insel am Ende alleine da. Ein Vater möchte die Liaison seiner Tochter mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln unterbinden; eine Verbindung, die er mit permanenten Untertönen der Abschätzigkeit versieht, denn immerhin handelt es sich bei Robert nur um einen nichtsnutzigen Gammler und Asozialen, der dem lieben Gott die Zeit und der rechtschaffenen Gesellschaft das Geld stiehlt. Vater-Tochter-Konstellationen dieser Art - vor allem in cineastischer Aufarbeitung - stellen sich naturgemäß als problembeladen dar. Der Vater will zunächst angeblich nur das Beste für seine Tochter, sprich ein Ebenbild seiner selbst, welches im Zweifelsfall aber keiner seiner harten Prüfungen und Erwartungshaltungen standhalten könnte. In Wahrheit möchte Lisas Senior daher, dass niemand seinen Platz einnimmt und er die Kontrolle behalten, sowie die unschuldige Aura seiner Tochter bewahren kann: im übertragenen Sinn und im tatsächlichen. Die vollkommen natürliche Auflehnung einer Jugendlichen führt selbstverständlich zu Konflikten, bei denen stets der Schwächere den Kürzeren zieht beziehungsweise sich genötigt sieht, aus gewissen Strukturen und damit verbundenen Konventionen auszubrechen. Auflehnendes Verhalten bildet daher eine Facette des Gesellschaftspanoramas, welches von Erwachsenen definiert, vielleicht sogar erfunden wurde. Bevor es zu den Titel-Ankündigungen des Films kommen kann, plädiert er auf sehr behutsame Art und Weise für die Eigenwilligkeit und Kraft der Jugend, die hier sehr fantasievoll und greifbar von Ornella Muti und ihrem Spielpartner und späterem Ehemann im realen Leben repräsentiert wird. Wenn Blicke und Gesten mehr als tausend Worte eines Drehbuchautors zu sagen wissen, verlässt sich auch das Publikum gerne auf das ausdrucksstarke Schauspiel und die elementar wirkende Bebilderung von Beiträgen wie diesen.

 

All dies wird hier sehr eingängig und nahezu berauschend präsentiert, sodass sich ohne Umschweife sagen lässt, dass es sich um eine Geschichte mit faszinierender Aura handelt, die ihre Identität nicht nur sehr eigenständig zu kreieren weiß, sondern diese vor allem mit jedem Interessenten teilen möchte. Die Kraft und das Ausmaß des Verlaufs entfalten sich über weite Strecken auf non-verbaler Ebene, was sich als der Spannung besonders förderlich herausstellt. Dem Publikum wird dadurch die nicht immer selbstverständliche Möglichkeit geboten, sich im Rahmen der anziehend wirkenden Intensität selbst passende Eindrücke zu verschaffen, die vielerorts wie diktiert oder passend zugeschnitten wirken und daher einiges an Charme verschlucken, falls er denn überhaupt aufkommen wollte. Naturgemäß ist es so, dass auch hier hin und wieder solche Momente zu finden sind, immerhin kann nicht jede Emotion plastisch oder greifbar dargestellt werden, jedoch wirken selbst die vorgefassten Phasen verständlich und variabel. Von inszenatorischer Seite kommt eine bestechende Poesie zustande, schmeichlerisch und trügerisch zugleich, die wie das selbstverständliche Elixier des Films wirkt, der sich zusätzlich auch durchaus gesellschaftskritischer Untertöne bedient. Über allem thront jedoch eine Liebesgeschichte, was mit dieser Beschreibung wahrscheinlich nicht den Kern der Sache, auch nicht die wirkliche Intention der Regie trifft. Zu sehen ist nichts wirklich Profanes oder tatsächlich Verklärtes, denn die Produktion setzt, wenn man so will, auf Impressionen der Premium-Kategorie. Die Hauptpersonen werden auf ganz selbstverständliche Weise voneinander angezogen, wie beim Prinzip eines Magneten, der nur ganz bestimmte Körper anzieht. So macht es nicht viel aus, dass sich Robert und Lisa innerhalb eines Settings finden, das von Oberflächlichkeit geradezu überschwappt. Oberflächlich deswegen, weil man es zunächst mit der anzüglichen Sensationslust und dem Voyeurismus anderer zu tun bekommt, der allerdings auch als hilfreicher Kontrast greift und den Eindruck verstärkt, dass nichts, aber auch nichts, die beiden davon abbringen hätte können, sich zu finden.

 

Das erste, für den Zuschauer sichtbare Treffen findet in Gesellschaft lüsterner Augen und sabbernder Münder statt, da eine Gruppe von Studenten sich an einem einschlägig bekannten Hippie-Treffpunkt positioniert, und sich ungläubig bis fasziniert an der wie selbstverständlich wirkenden Nacktheit der dort ihre Zeit verbringenden Leute ergötzt. Plötzlich ist jedoch nur noch eine Person mit Strahlkraft wahrzunehmen, deren fasziniert wirkende Augen von bevorstehender Leidenschaft, aufkommendem Feuer und bedingungsloser Waghalsigkeit erzählen möchten: Ornella Muti. Das Ausbrechen aus sicheren und gewohnten Bahnen stellt für sie persönlich nicht die eigentliche Gefahr dar, die für die Geschichte bereits im Vorfeld mitzuschwingen scheint, sondern gefährlich wird es erst, wenn andere Personen beginnen, die Situation als solche zu identifizieren. Eine ausgestreckte, starke Hand lädt zu neuen Wegen ein; ein fixierender Blick fabriziert Gefühlsregungen, die zuvor nicht bekannt waren; ein komplett anderes Lebensmodell erweckt eine beinahe kindliche Neugierde und den Mut, sich vollkommen fallen lassen zu wollen. Die Chronologie der aufkommenden Emotionen klingt bis hierher sehr einfach und schön, wenn denn alles auch zuschauerfreundlich ablaufen würde, doch es kommen einige unnachgiebige Widersacher zum Zuge, die offensichtlich vollkommen vergessen haben, ebenfalls einmal jung und unter gewissen Voraussetzungen zu allem bereit gewesen zu sein. Das Leben hält viele Wegweiser bereit und oftmals entscheidet nur das Schicksal über den richtigen oder falschen Weg. Die hier präsentierte beste Richtung, stellt sich jedoch als Einbahnstraße heraus, da durch externe Korrekturen und gewaltsames Zurechtbiegen alles daran gesetzt wird, einen persönlichen Irrweg daraus werden zu lassen, mit dem sich im Auge der Gesellschaft allerdings gut leben lässt. Im Film bricht also bereits sehr früh eine regelrechte Determinationswelle aus, die trotz ihrer vermeintlichen Ebnung zahlreiche Ausreißmöglichkeiten offeriert.

 

Betrachtet man den aufgebrachten Vater von Lisa, gibt es nur einen Weg - nämlich seinen, beziehungsweise den zu ihm zurück. Der Eingriff in die folgerichtigen Gesetzmäßigkeiten des Erwachsenwerdens wird in "Ein Sommer voller Zärtlichkeit" sehr derb dargestellt und noch eindeutiger vom Publikum interpretiert, immerhin sehnt man sich insgeheim nach der Vollendung des so sonnengetränkt und positiv klingenden deutschen Originaltitels. In dieser Hinsicht kreieren Alessio Orano und insbesondere Ornella Muti auch lange Sequenzen, die diesem Wunsch in herrlichen, sommerlichen, vertrauten und betörenden Bildern Genüge tun und das Zusammenspiel ist nicht zuletzt aufgrund der nicht zu überbietenden Natürlichkeit so berauschend. Über die Performance und Wirkung von Ornella Muti sowie über die Partizipation und die Präsenz von Alessio Orano ließen sich bestimmt Bände schreiben, sodass vielleicht nur erwähnt sein soll, dass man sich dieses Spektakel selbst angesehen haben muss, um zu verstehen. "Zu Tode gehetzt" kann insgesamt als Spiegel der Emotionen angesehen werden. Zunächst sind diese Spiegelungen so gestochen scharf, dass sie eine vereinnahmende Wirkung entfalten können. Wenn diese Reflexion jedoch beginnt, erste Risse zu bekommen und schließlich in ihre Bestandteile zerspringt, wird jede Scherbe eine isolierte Empfindung und Erinnerung bleiben, die sich nur noch einzeln betrachten, aber nicht mehr zusammenfügen lässt. Hinzu kommt, dass sich der Verlauf ebenso als eine Sammlung von subtilen Warnungen sieht, Emotionen nicht vorbehaltsvoll oder von oben herab zu betrachten. So ist in dieser Hinsicht auch kein erhobener Zeigefinger zu erkennen, höchstens an die Adresse jener Handlungsträger, die sich als gefühlsresistent erwiesen haben. Giorgio Stegani ist ein wunderbarer Film über die erste Liebe gelungen, die ein Universum ist: unergründlich, unberechenbar und unendlich weit. Durch seine hohen Qualitätsansprüche in den Bereichen natürlicher Darstellung, kontrastreicher Inszenierung und ausgezeichneter Balance der verschiedenen Handlungsfragmente bleibt ein Film zurück, der die Fantasie beflügelt und lange in der Erinnerung verweilen wird.

Autor

Prisma

Veröffentlichungen

Der Film erscheint im letzten Quartal 2019 in der Italo-Cinema Collection bei Forgotten Film Entertainment mit umfangreichem Bonusmaterial auf Blu-ray!

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OFDb
IMDb

Kommentare (1)

  • Sieghard

    Sieghard

    01 November 2019 um 18:31 |
    Stell dir den film mit ray lovelock und als prequel zu deadly trap vor...

    antworten

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