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Escort in Love

Italien, 2011

Originaltitel:

Nessuno mi può giudicare

Alternativtitel:

Ingen kan dømme meg (NOR)

Pani do towarzystwa (POL)

Innan du dömer mig (SWE)

Inhalt

Alice (Paola Cortellesi) ist 35, mit einem Erfinder und Unternehmer verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Sie ist snobistisch, oberflächlich und rassistisch gegenüber ihren Angestellten. Als ihr Mann einen tödlichen Unfall erleidet, erfährt sie von dessen Anwalt, dass er nur Schulden hinterlassen hat, sie Haus und Hof verlieren wird und ihr außerdem Gefängnis droht, wenn sie nicht in nur einem Monat die 400.000 Euro auftreiben kann, für die sie als nominelle aber ahnungslose Geschäftsführerin persönlich gebürgt hat.

 

Alices ehemaliger Angestellter Aziz verschafft ihr eine Wohnung in einem einfachen Arbeiterhaus in einer leicht heruntergekommenen Gegend. Dort zieht sie mit ihrem Sohn ein, muss sich aber noch immer etwas einfallen lassen, um an mehr als 1.000 Euro täglich zu kommen, um ihre Schulden zu bezahlen. Sie nimmt Kontakt zu dem Escort-Girl Eva (Anna Foglietta) auf, welche sie mal auf einer Party kennen gelernt hat. Eva will ihr helfen, schnell als „Kollegin“ zu Geld zu kommen, doch so einfach ist das nicht, denn Alices Sex-Appeal ist grenzwertig.

 

Währenddessen lernt Alice ihre Mit-Hausbewohner kennen und schätzen, insbesondere den attraktiven Giulio (Raoul Bova), in den sie sich verliebt. Da sie ihm aber nicht sagen kann, womit sie aktuell ihr Geld verdient, sind Verwicklungen vorprogrammiert.

Review

NESSUNO MI PUÒ GIUDICARE, dessen Titel eine nicht ungewollte Anspielung auf den gleichnamigen Fizzarotti-Film von 1966 darstellt, beginnt als gelungene Commedia all’italiana, hält das aber leider nicht bis zum Ende durch. In episodenhafter Struktur werden nicht nur die Sorgen und Nöte von Titelfigur Alice thematisiert, sondern es wird ein amüsanter Gesellschaftsquerschnitt mit zahlreichen Protagonisten geschaffen.

 

Wie in der Inhaltsangabe beschrieben, verarmt Alice nach dem Unfalltod ihres Mannes und versucht sich als Escort-Girl. Hier ergeben sich eine Reihe von lustigen Momenten, bei denen man Tränen lachen kann. Eva will Alice beibringen, sich sexy zu verhalten, nur liegt Alice das überhaupt nicht. Höhepunkt ist hier ein Fotoshooting mit dem homosexuellen Fotografen Denis (Massimiliano Delgado), bei dem es Darstellerin Paola Cortellesi meisterhaft gelingt, in wirklich jeder gewünschten Einstellung ein anderes unfotogenes Gesicht zu produzieren, bis Giulio und Eva entscheiden, dass Alice auf ihren Fotos im Internet eine Maske überm Gesicht braucht. Das mache ihr neues Escort-Ich „Morena“ ohnehin geheimnisvoller.

 

Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, denn Alice verliebt sich in den Besitzer des ihrer neuen Behausung gegenüber liegenden Internet-Cafés. Giulio – gespielt von Raoul Bova – ist ein netter Kerl, doch irgendwie unversöhnlich. Man kann eine frühere gescheiterte Beziehung vermuten, denn Giulios Motto ist es, wenn man einmal betrogen oder belogen wurde, ist eine Versöhnung nicht möglich. Das erschwert auch die Beziehung seines Angestellten Biagio (Valerio Aprea). Dessen Freundin hat ihn mit einem anderen betrogen, doch sie unternimmt Himmel und Hölle, um ihn zurückzugewinnen. Doch stets rät Giulio ihm davon ab, und auch hier darf man Tränen lachen. Wenn Giulios Verflossene mithilfe des Kamerateams einer TV-Show um Biagios Vergebung bittet, flüstert Giulio ihm zu, ob ihm klar sei, dass sie die wahrscheinlich alle gefickt habe. Dasselbe als sie ein Fischerboot mietet und ihm eine Liebesbotschaft per Flugzeug schickt. Alle gefickt. Schließlich lässt sie sogar den Schlagersänger Fausto Leali ein Ständchen bringen, doch Giulio zischt nur, „und den hat sie auch gefickt“.

 

Eine weitere wichtige Figur ist Alices rassistischer Vermieter Lionello Frustace (Rocco Papaleo), welcher sich im weiteren Verlauf in eine Afrikanerin verlieben wird und dessen übergewichtiger Sohn sich schließlich als schwul outet. Und damit kommen wir zu den Problemchen dieses Films. Das Gesamtergebnis ist inkonsistent. Man will ein Statement für die Selbstständigkeit von Frauen machen, agiert dabei aber frauenfeindlich. Man will ein Statement gegen Rassismus machen, bedient sich dabei aber selbst Rassismen, und letztendlich wird auch der Eindruck vermittelt, auch Rassisten haben eben ihre netten Seiten, schließlich sind wir doch alle nur Menschen. Homosexualität wird mehrfach angesprochen, bleibt aber – zum Glück muss man sagen – oberflächlich. Sonst hätte man das womöglich auch noch versemmelt.

 

Apropos versemmelt. Mehr als 60 Minuten war ich dennoch überzeugt, eine wirklich gute und überzeugende moderne Commedia all‘italiana zu sehen. Doch dann gewinnt der Heile Welt-Drang der Produktion endgültig die Oberhand und für jede, wirklich jede Situation und Person in diesem Film gibt es ein versöhnliches Happy End, so unwahrscheinlich dies auch sein mag. Und wenn Alice Giulio um Vergebung bittet und dann ihr kleiner Sohn auf dem Dach beginnt ein Ständchen zu singen, erreicht das Schmalz-Kotzometer seinen Höchststand.

 

Weitere Probleme, für die allerdings der Film selbst nichts kann, gibt es bei der deutschen Untertitelung auf Netflix. Man hält den Zuschauer mal wieder für doof. Selbst wenn man nicht weiß, wer Nanni Moretti ist, hat doch wohl jeder Google, der es wissen will. Aber Nanni Moretti durch Malcolm X ersetzen? Zumal der Darsteller im Film ja deutlich hörbar und immer wieder Nanni Moretti schreit, die Untertitel uns aber ebenso wiederholt Malcolm X aufdrängen. Ist nicht die einzige Szene, alle erwähnten und in Italien prominenten Namen, die im Film in Dialogen vorkommen, wurden durch andere Namen ersetzt.

 

Nichtsdestotrotz kann man ESCORT IN LOVE mal gesehen haben, auch wenn spätestens die letzten 20 Minuten etwas mühsam sind. Massimiliano Brunos Regiedebut gewann – eher überraschend – das Silberne Band als beste Komödie des Jahres gegen Luca Minieros WILLKOMMEN IM SÜDEN (Benvenuti al sud, 2010) und Gennaro Nunziantes WHAT A BEAUTIFUL DAY (Che bella giornata, 2011). Weitere Nominierungen und Preise folgten. In Italien spielte ESCORT IN LOVE immerhin 7.942.000 Euro ein.

Veröffentlichungen

Auf Netflix im Original mit deutschen Untertiteln als NESSUNO MI PUÒ GIUDICARE verfügbar.

Links

OFDb

IMDb

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