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Allein gegen das Gesetz

Italien, 1972

Originaltitel

Il vero e il falso

Alternativtitel

A Verdade e a Mentira (BRA)

Manoeuvres criminelles d'un procureur de la République (FRA)

A Injustiça da Justiça (POR)

El verdadero y el falso (ESP)

The Hassled Hooker (USA)

The True and the False (USA)

Deutsche Erstaufführung

09. Mai 1975

Inhalt

Luisa Santini ist des Mordes an der Geliebten ihres Mannes angeklagt und wird trotz einiger Ungereimtheiten vor Gericht zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach sieben Jahren wird sie wegen guter Führung vorzeitig entlassen und bittet ihren Anwalt, ihr die Adresse ihres Ex-Mannes zu geben. Als sie ihn aufsucht, erlebt sie eine böse Überraschung: Norma Zeitzler lebt, der angebliche Mord von damals war ein Komplott, um eine Erpresserin zu beseitigen. In blinder Wut tötet Luisa Santini die Frau mit sechs Pistolenschüssen und wird prompt erneut verhaftet. Rechtsanwalt Manin stellt nun die Frage: Kann das Fehlurteil von damals mit dem jetzigen Delikt verrechnet werden? Und welche Beweggründe führten zu den Versäumnissen im Prozess von Latina?

Review

Die Fallstricke der Rechtsprechung und das Feingefühl, das bei der Auslegung des Strafgesetzbuches erforderlich ist, um zu differenzieren und ein gerechtes Urteil zu bilden, enthalten ein enormes Potenzial für einen Thriller, der die doppelte Bedeutung des italienischen Begriffs "giustizia" (= Gerechtigkeit, Justiz) als schwerwiegende Verantwortung begreiflich macht, der die Beteiligten in manchen Fällen nicht genügend Beachtung schenken und damit das Vertrauen in die Judikative beschädigen. Die Buchstaben des Gesetzes mögen sich sachlich und trocken auf Tatbestände berufen, die Umsetzung obliegt jedoch den Staatsanwälten, Richtern und Verteidigern, die insofern weit von Unfehlbarkeit entfernt sind, als sie ebenso wie die Zeugen von persönlichen Regungen beeinflusst werden. Kleinigkeiten entscheiden dann über Wesentliches, wie bereits bei der Autopsie des Mordopfers ersichtlich wird, wo die Patrone nur per Zufall auf dem blutigen Obduktionstisch gefunden wird. Emotionen statt Tatsachen bestimmen Entscheidungen, gekränkte Eitelkeit, angestachelter Ehrgeiz und latente Vorurteile lenken den Ausgang des Prozesses in die gewünschte Richtung, wobei die Möglichkeit einer Revision das eventuell vorhandene schlechte Gewissen der Fehlbaren beruhigen soll. Die nüchterne Sichtweise auf das Schicksal einer jungen Frau, die nicht nur von ihrem Mann, sondern auch von den Staatsautoritäten betrogen wird, unterstreicht den Realismus der Produktion. Die Ambitionen des Polizeifilms, der sich mit menschlichen Unzulänglichkeiten, die in Verzweiflungstaten münden, befasst, erhält hier ergiebiges Anschauungsmaterial. Luisa Santinis Fall steht stellvertretend für Tausende, die hintergangen werden, weil sie wider besseres Wissen auf eine Entspannung ihrer häuslichen Situation hofften. Der Betrug durch die Gerichtsbarkeit zerstört den letzten Funken Vertrauen, was entweder zur Resignation und Selbstaufgabe oder zur Rebellion und Anarchie führt. Eiskalt geplante oder im Zorn begangene Verbrechen erhalten vielfach verbal beschönigende Attribute wie 'Ehrenmord' oder 'Familiendrama', was Verständnis für den meist männlichen Täter suggeriert, weil er in seinem Stolz gekränkt wurde oder die Aussicht auf einen Verlust nicht verwinden konnte. Luisa Santini sieht sich mit einer besonders perfiden Intrige konfrontiert, aus der es keinen Ausweg gibt, weil die Gerichtsbarkeit dem wahren Täter aus diversen Gründen in die Hände spielt. Das Versagen einer Institution befördert hier weitere Todesfälle und zeigt das weitreichende Ausmaß von juristischen Fehlentscheidungen, die in dieser Berufsgruppe schwerer wiegen als in den meisten anderen.

 

Claudio Santini will sein Gesicht wahren - koste es, was es wolle. Der Mensch, der ihm bisher am nächsten stand, wird auf niederträchtige Weise abgeschoben, wobei eine Verkettung von Fehlern, Manipulationen und Schweigen den Segen gibt und das Opfer zur Täterin macht. Die ohnmächtige Hilflosigkeit jener, die in die trägen Mühlen der italienischen Justiz geraten erfährt durch die vielseitige Paola Pitagora, die sich auch durch Gesang und Schreiben einen Namen machte,  eine authentische Verkörperung. Mit Nachdruck bringt sie die Unfassbarkeit ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung durch Verhaftung und Verurteilung zum Ausdruck, sodass das Publikum die Unbehaglichkeit teilt, welche Luisa Santini im Gerichtssaal empfindet. Wie eine Zuschauerin verfolgt sie jene Worte, die ihr weiteres Leben zerstören können und die so leichtfertig vorgebracht und beliebig verdreht, zerpflückt und verfälscht werden. Paola Pitagora agiert in natürlicher, ernster und anrührender Weise, ohne um die Sympathien des Publikums zu buhlen. Ihr Wunsch, gehört zu werden und Gerechtigkeit zu erfahren, verhindert eine Performance, die nur darauf zielt, gefällig zu sein. Sie besitzt die Fähigkeit, den Zuseher in ihre Geschichte hineinzunehmen, ohne sich ihm völlig zu öffnen, sodass es immer wieder Momente gibt, wo sie ihn überrascht oder  vor den Sie besitzt die Fähigkeit, den Zuseher in ihre Geschichte hineinzunehmen, ohne sich ihm völlig zu öffnen, sodass es immer wieder Momente gibt, wo sie ihn überrascht oder  vor den Kopf stößt. Sie zeigt eine strukturierte Rollenanlegung, wirkt diszipliniert und impulsiv zugleich, was ihre Rolle sehr spannend macht. Terence Hill hält sich in der ersten Hälfte des Films sehr zurück, wirkt nachdenklich und objektiv, was das Publikum neugierig auf seine Beweggründe macht. Aufgrund seines Alters und Auftretens nimmt er unter den gesetzten Herren des Gerichtsbetriebs eine Sonderstellung ein, die ihm mehr Vertrauen entgegenbringen lässt als den gelangweilten Routiniers im schwarzen Talar. Besonders Martin Balsam erweist sich dabei als Hardliner. Seine Berufserfahrung demonstriert er mit lässiger Geste, während ihn seine Überzeugen blind für Abweichungen von der Norm gemacht haben. Die Allmacht des Anklägers, der Zeugenaussagen wie die Schale einer Zwiebel zerpflücken kann, während die Zivilisten über die Konsequenzen ihrer Erläuterungen im Unklaren sind, überhöht die Position und den Einfluss, den ein Staatsdiener auf den Lauf des Prozesses hat. Mit listiger Gewissheit kann er sich erlauben, Einwände mit harschen Worten vom Tisch zu fegen, ohne dass der juristisch unkundige Angeklagte dagegen Einspruch erheben kann. Solange keine Formfehler vorliegen, bleibt die Chance auf eine Wiederaufnahme der Verhandlung verwehrt.

 

Eriprando Visconti di Modrone hatte mit seinen Filmambitionen in seiner Familie keinen leichten Stand. Der Neffe des berühmten Luchino Visconti versuchte sich zunächst als Darsteller, bevor er sich selbst als Spielleiter etablierte. Er wehrte sich dagegen, sich von einem Genre vereinnahmen zu lassen, weswegen einige seiner Arbeiten unabhängiger Natur und eigenfinanziert waren. Trotz seiner Maxime, ohne den strahlenden Glanz der großen Kassenstars auszukommen, drehte er auch kommerziell erfolgreiche Filme wie "Die Nonne von Monza". "Allein gegen das Gesetz" übt Kritik am italienischen Justizsystem und erzählt in ansprechender Weise die Geschichte einer tragischen Verknüpfung von Schuld und Unschuld, die auf dem Rücken einer Unbeteiligten ausgetragen wird. Uneinsichtig und selbstgefällig verharren die Verantwortlichen in ihrer Komfortzone, weil sie wissen, dass ihnen kaum Konsequenzen drohen, es sei denn, sie werden von höchster Stelle angeordnet. Der Schriftsteller Luigi Malerba unterstützte Visconti beim Drehbuchschreiben in der Materie der Rechtswissenschaften. Der Stoff kam seinen Interessen sehr nahe, denn Malerbas Spezialgebiet, das häufig Sujet seiner literarischen Arbeit war, ist die Beschäftigung mit der Frage, inwiefern Macht einen Anlass bietet, sich korrumpieren zu lassen und was sich hinter der Maske des schönen Scheins verbirgt. "Allein gegen das Gesetz" ist ein sehr nachdenklicher Film, der etwaige Erwartungen des Publikums, es mit einem actionreichen Thriller zu tun zu bekommen, unerfüllt lassen muss, weil sein Fokus nicht auf den Mordfällen, sondern deren Konsequenzen liegt. Ohne falsche Sentimentalität erzählt Eriprando Visconti Luisa Santinis Geschichte, wobei ihre Isolation zunächst psychischer und später auch physischer Natur ist, was sie hart und kompromisslos werden lässt. Die stille Sympathie, welche ihr Rechtsanwalt Manin entgegenbringt, ist ein schwacher Trost und kann die Leere nach ihrer vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis nicht auslöschen. Zu schwer wiegen das Unrecht und die Enttäuschung, die ihr widerfahren sind und die einen Neubeginn in Freiheit überschatten. Alte Rechnungen sind noch offen, ebenso wie man der Frau bisher ehrliche Worte, Entschuldigungen und Erklärungen verwehrte.  Die Ausweglosigkeit erhält in Viscontis Film die Farben des hellen Tageslichts, was die Banalität betont, in der Luisa Santini sich zurechtfinden muss, nachdem die negativen Prägungen der vergangenen Jahre ihre mentalen Schmerzen zwar unter Verschluss hielten, sie jedoch nicht beseitigen konnten. Am Ende bleibt die Kapitulation.

Links

OFDb
IMDb


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