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Joan Lui - Eines Tages werde ich kommen und es wird Montag sein

Deutschland | Italien, 1985

Originaltitel

Joan Lui - Ma un giorno nel paese arrivo io di lunedì

Alternativtitel

Joan Lui Christ Superstar

Deutsche Erstaufführung

12. Juni 1986

Inhalt

Als der geheimnisvolle Joan Lui eines Montags mitten im Saus und Braus des zeitgenössischen Italiens auftaucht, glaubt er seinen Augen kaum: Der Wahnsinn regiert die Straßen und wird so hingenommen wie sich die Leute Schüsse setzen oder erschossen werden. Als lautmalerischer Kritiker dieser Zustände wird Joan Lui sodann zum internationalen Star erklärt und gerät aufgrund seiner Standpunkte in ein Tauziehen zwischen Kommerz und Politik. Währenddessen taucht zudem Widersacher und selbsternannter ‚Herr der Welt‘ Jarak auf und stellt Joan Lui auf die Probe, ob dieser die Menschen letztendlich doch erreichen kann oder zu Grunde richten muss. Eine ideologische Zäsur und das Ende der uns bekannten Zivilisation scheint unvermeidlich!

Review

Man muss schon Adriano Celentano heißen, um sich eine Ambivalenz zum eigenen Starkult leisten zu können. Als omnipräsente Pop-Ikone der Nation und Komödien-As der Produzentenbrüder Cecchi Gori ergab sich für ihn Mitte der 1980er Jahre - nach angepassten Publikumsschlagern wie DER GEZÄHMTE WIDERSPENSTIGE, GIB DEM AFFEN ZUCKER oder BINGO BONGO - die Chance, den Ist-Zustand seines Zenits zu überspitzen und auf die Weltengemeinschaft zu reflektieren. Mehr als Ego- denn als Imagepflege konzipiert, inszenierte er seine vierte und letzte Spielfilm-Regiearbeit JOAN LUI – EINES TAGES WERDE ICH KOMMEN UND ES WIRD MONTAG SEIN also als Monumental-Moral-Musical, welches ihm nicht weniger als den Jesus-Christus-Status zuschreibt – eine Ehre, die u.a. schon Klaus Kinski in den Siebzigern für sich behauptete. Er ist gekommen - nicht um zu bleiben, sondern um unsere Untiefen zu offenbaren, eine Lösung daraus via Auflösung zu lancieren. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, das galt es zu illustrieren, doch leider erging es seinem Werk ebenso an den Kinokassen (knapp 20 Milliarden Lire Budget gegen ca. 7 Milliarden Lire Kasse) – lag das schlicht an seiner oft demonstrativen Eitelkeit?

 

Es erscheint zunächst einmal folgerichtig, dass der Film vor Eigenarten strotzt und keinen leichten Zugang ermöglicht, falls man von Vornherein eher mit oben genannten, ‚leichteren‘ Stoffen seines Hauptdarstellers vertraut ist. Hier und da zeigt sich JOAN LUI natürlich noch als lakonische Farce, insbesondere in den jeweiligen Dialogen mit Gian Fabio Bosco und Mirko Setaro als Apostel - beide Darsteller waren bereits jahrelang als Komiker (respektive binnen der Gruppen Ric e Gian und Trettré) unterwegs und dementsprechend prädestiniert für den turbulenten Wortwitz an Verständnisrhetorik, den Celentano hier als Zeichen der Zeit konzentriert. Mit einem Arsenal an leeren Worten reden die Leute aneinander vorbei, ob man sich denn verstünde. Konkreter wird das Gespräch (sowie der Ursprung dieser Missverständnisse) im Tauziehen zwischen West und Ost, sobald die Vermarktung von Joan Lui als musikalisches Phänomen und Politikum zugleich die Diskussion übernimmt. Wie auch bei anderen apokalyptischen Reißern aus jenen Jahren wie OVERKILL – DURCH DIE HÖLLE ZUR EWIGKEIT neigt auch dieser hier dazu, die Menschheit binnen den Kalten Kriegs als garantierten Verlierer zu positionieren, wenn es eben auch um die ideologischen Werte geht, so unkritisch man sie sich aus den jeweiligen politischen Lagern aneignet.

 

Und so steht Joan Lui auch zwischen zwei Frauen als Repräsentanten des Kapitalismus und Kommunismus, Managerin Judy Johnson (Marthe Keller) und Journalistin vom ‚Kurier des Osten‘ Tina Foster (Celentano-Gattin Claudia Mori), welche sich beidesamt im reibungsreichen Clinch mit dem Propheten befinden. Sie versuchen ihn im System ihrerseits zu bewerten und bändigen, doch er kann sich dem entziehen, von Natur aus eine Allmacht-Romantik (schwebende Telefonhörer inklusive) beanspruchen und in seiner objektiven Kritik dem gegenüber triumphieren. Das begründet sich einerseits aus der inhärenten Coolness der Persona Celentano, andererseits aus dem Wissen um die leichte Manipulierbarkeit der öffentlichen Meinung bis hin zu einflussreichen Staatsmännern. So kommt es dann auch, dass diese ihm sogar eine Fernbedienung für die Unterbrechung aller Programme der RAI per Knopfdruck zur Verfügung stellen. Man sehnt sich nach einem Erlöser, nach dem großen Populisten mit einer Allzweckpauschale fürs Leben bzw. Peace on Earth, doch sobald Joan Lui das Wort ergreifen kann, sagt er nichts: Ein Skandal, der ihm die höchste Einschaltquote beschert.

 

Solch eine per Medium Film projizierte Größenordnung von ‚Selbstwahrnehmung‘ konnten Celentano und Co. indes nicht allein stemmen, eben gemäß dem Motto Arnold Haus, man könne die Bibel nicht für 200 Mark verfilmen. So holte man des überdimensionalen Budgets wegen auch noch deutsche Geldgeber der ‚Extra Film Produktion‘ und offenbar auch Silvio ‚Bunga Bunga‘ Berlusconi ins Boot, während Dutzende von Tänzern, die bislang u.a. bei A CHORUS LINE verpflichtet waren, extra aus den USA eingeflogen wurden und teils wochenlang auf ihren Einsatz warten mussten. Ganze acht Monate nahmen dann auch die Dreharbeiten in Genua, Mailand und Cinecittà in Anspruch. Aufwendige Sets und Choreographien überboten sich mit Schauwerten sowie Symbolen, die im Nachgang von Kritik und Publikum höchstens als fragwürdige Nichtigkeiten entgegengenommen wurden. Das Produkt JOAN LUI wurde dann erst recht zum Streitgegenstand, als es um Kürzungen des Stoffes und damit die Frage der Urheberschaft ging – jahrelange rechtliche Querelen zwischen Celentano und den Cecchi Goris waren unter anderem die Folge, vor allem aber ein Mangel an Verfügbarkeit hinsichtlich der Originalversion. In Italien geisterte jahrzehntelang ein knapp zweistündiger Recut der Produzenten im TV herum, teilweise bekam man längere Fassungen nur mit russischem Voiceover zu fassen und in Deutschland kennt man seit eh und je nur eine 107-minütige Variante, die immerhin mit Thomas Danneberg als Sprecher Celentanos aufwarten kann, ansonsten viele gewagtere Handlungsstränge ausblendet.

 

Zum Beispiel wird die Entführung der Industriellentochter Emanuela Carboni (Federica Moro) allenfalls angerissen, die forcierte Heroinabhängigkeit ihrer Geiselnehmer, die damit ihrem Leiden im Dasein der Unterschicht entfliehen, kommt für keine Sekunde zur Geltung. Noch kurioser erscheint einem dann die Umdichtung von Joan Luis Weissagung eines mit abgetriebenen Embryonen vollgestopften Güterwagons für die Kosmetikindustrie, der in hiesigen Kreisen schlicht als Dioxinskandal deklariert wird. Man wollte das Publikum wohl nicht mit solchen Kontrasten konfrontieren, wie das Disco-Saxophon-Solo eben diese Bilder begleitet und einen regelrechten Tanz auf dem Vulkan vorbereitet. Gerade diese Zweischneidigkeit eines ‚exzessiven Vorwurfs‘ durchzieht den Film aber mit einer Virtuosität, welche er sich via einer permanent duellierenden Bildsprache und Bilingualität im charakterlichen Miteinander erlaubt. Celentano saß dafür natürlich auch höchstpersönlich am Schneidetisch und lässt wie schon in YUPPI DU blitzartig die Achsen springen, führt Parallelmontagen selbst über Realität und Traum hinaus ad absurdum, auf dass sich die Kohärenz seiner Story bisweilen auf vage ‚Selbstverständlichkeiten‘ gründen muss. In seiner ‚explodierenden‘ Gegenwart Italiens voller Verfolgungsjagden, Stunts, Menschenmassen, Helikopter, Junkies und Neonlichter reicht eben schon die Vermengung aneinandergeratender Millisekunden zur Vermittlung des Chaos.

 

So grandios sich der Ausnahmezustand als Normalität zeigt, so pervertiert sieht der Film dann auch ethische Traditionen der Konsumanarchie ausgesetzt. Die 80er fungieren hier (trotz aller gezeigter Sympathie für die Unprivilegierten der Ära) als ‚melting pot‘ der ständigen Überbietung, auch im Wiederkäuen zur Profitgewinnung – und das prangert Joan Lui dann auch gerne mal in Englisch an, welches wiederum für Aramäisch gehalten wird, viele ratlos zurück lässt und daraufhin erst recht reizt. Schließlich tritt dann noch sein Gegenpart zutage, mit dem er allerdings auch einst mit derselben Stimme sprach: Jarak (Haruhiko Yamanouchi), Hüter des Hedonismus, Kriegstreiber und Zuhälter auf Weltebene in einer Person. Ein Menschenkenner (oder schlicht Satan), der den Pessimismus zelebriert – wobei Joan Lui in diesem wiederum auch aufgeht, in ekstatischem Liedgut von ‚L’uomo perfetto‘ über ‚Mistero‘ bis hin zu ‚Splendida e nuda‘ die Sehnsucht nach einem Neuanfang aufdreht. Die frivolen Tanznummern dazu eignen sich sodann als ideale Showstopper, in denen die Freude zur Rettung derart zum Ausdruck kommt, dass letztendlich Straßenschlachten, heilige Attentate und Erdbeben mit abgerissenen Gliedmaßen als logische Konsequenz zur Katharsis schreiten. Celentano selbst scheint dafür zudem die Publikumsgunst über den Haufen zu werfen und Widersprüche zu erschaffen, ehe er Rechenschaft über alle ablegen kann.

 

So lässt er gerne mal die Übertragung von Fußballspielen sowie eine TV-Ausstrahlung des ‚Barbiers von Sevilla‘ tilgen, um dem Volkstümlichen das Weltliche und Brüderliche ins Bewusstsein zu rufen, gleichwohl er das katholische Ideal des Paradies im Kopfkino abdreht, frei von nationalen Identitäten allen voran Frau und Fruchtbarkeit erobern will. Tina Forster wird ja schon von ihren Mitstreitern dazu geraten, sich mal wieder zum Gunsten aller ‚durchbumsen‘ zu lassen und auch wenn sie sich trotz Anweisung ihrer Parteiführer der bedingungslosen Gehorsamkeit pro Joan Lui widersetzt, gibt er ihr zu verstehen: „Ti amo“. Das sind wenige Worte, bedeuten aber viel. Gerade solche von Celentano ausgesprochenen, esoterischen Deutungshoheiten scheinen ihm zum Verhängnis geworden zu sein, schließlich hat selbst die katholische Kirche nicht gerade mit Wohlwollen auf seinen Film reagiert – allenfalls ausgerechnet Gorbatschow soll den Film angeblich als ‚mandatory viewing‘ auserkoren haben, wohl weil die kommunistischen Ikonen von Lenin bis Mao am Ende großflächig binnen der Trümmer vom Designer-Loft unserer Hauptkommunistin brach liegen.

 

Es mangelt dem Film jedenfalls nicht an Symbolkraft und großspurigen Plattitüden an Gesellschaftskritik, doch im Rahmen seiner Überkünstelung sowie im Kontext einer ultimativ gelebten Egomanie, die sich als Laserstrahlen schießende Puppe noch als Kreuz nageln lässt, bringt er den vergänglichen Wunsch nach einer endlich erretteten Welt kongenial auf den Punkt: Der Mensch schadet sich, mehr oder weniger freiwillig, also wird ihm auch sein Erlöser schaden müssen, ebenfalls mehr oder weniger freiwillig. Als Untergangsfantasie wirkt das gleichfalls wirr wie kurzweilig, man lässt sich geradezu willig auf einen Fatalismus ein, der beispielsweise auch in BRAZIL als Fallhöhe einer selbstzerstörerischen Gesellschaft zur Unterhaltung taugte. Manche der Bilderwelten aus jenem Film überschneiden sich sogar mit Celentanos Vision - was aber für Terry Gilliam eine Dystopie war, ist bei ihm die nackte Gegenwart, welche auf den Abgrund zurast. Selbst in diesem Abgrund aber muss er noch als der Größte herausstechen – per Definition ein Übermensch, aber eigentlich kaum zu unterscheiden vom Selbstbild einer jeden privaten Person. Wirkte in den 80ern vielleicht noch zu vermessen, aber binnen 2020 - im Zeitalter der neoliberalistischen Marktwirtschaft voller Influencer, Rechtsrucks und ‚Öffnungsdiskussionsorgien‘ - gibt JOAN LUI ausgerechnet viel zu stimmig Auskunft über den selbstgeschaffenen Untergang des Selbstgerechten.

Veröffentlichungen

Hierzulande muss man sich noch mit einer fragwürdigen DVD-Edition von Starlight Film zufrieden geben, die den Film nochmals auf 82 Minuten runterkürzt, aber dazu noch ASSO und DER GEZÄHMTE WIDERSPENSTIGE im Set zur Verfügung stellt. Eine ebenfalls verfügbare, gleich lange DVD von TB Comedy Productions namens JOAN LUI CHRIST SUPERSTAR schafft gleichsam wenig Abhilfe. Darüber hinaus kann man mit viel Glück und Mühe versuchen, die Videokassette von VPS zu erwerben, auf welcher immerhin die deutsche Kinofassung vertreten ist. Eine von Bild und Ton her eher zufriedenstellende Variante derer wurde immerhin schon mehrmals auf dem Pay-TV-Sender Kinowelt TV ausgestrahlt. In Italien sieht es mit dem Film auch nicht unbedingt viel besser aus. Neben den oben erwähnten umgeschnittenen Fassungen der Produzenten, die es auch auf eine DVD von Medusa Home Entertainment schafften, scheint es aber im Zuge digitaler Auswertungen Bemühungen gegeben zu haben, die Originalversion in HD zu präservieren. Die Quellen dafür sind aber nach wie vor obskur und können nicht als offiziell verifiziert werden.

Filmplakate

Links

OFDb
IMDb

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