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Oben ohne, unten Jeans

Italien, 1978

Originaltitel:

Avere vent'anni

Alternativtitel:

Avoir vingt ans (FRA)

Las veinteañeras (ESP)

To Be Twenty (USA)

Being Twenty

Victims of Lust

Deutsche Erstaufführung:

06. Juli 1979

Regisseur:

Fernando Di Leo

Drehbuch:

Fernando Di Leo

Inhalt

Zwei taffe Mädels, Lia und Tina, trampen gemeinsam nach Rom, um bei einer Hippiekommune unter- und ihren sexuellen Bedürfnissen nachzukommen. Doch die Kommune liefert den Mädels wahrlich nicht das, was sie sich erhofften, denn die einst revoltierenden Hippies und Gammler sind ausgelaugt und vegetieren ziellos in den Tag hinein. Ideale und Lebensfreude haben das spärliche Sektenquartier längst verlassen und da kein Geld für die Miete vorhanden ist, steht gar der Verlust des Obdachs an. Darüber hinaus sind Guru Nazariota und seine Jünger der Polizei ein Dorn im Auge, den es zu beseitigen gilt.

Review

Es ist ein Graus, was diesem Film anhand diverser Fehlsteuerungen angetan wurde. Das man ihn seiner Seele beraubte und zu einer mittelprächtigen Sexkomödie transformieren ließ. Im Zuge der italienischen Umschnitte setzte die deutsche Tonbearbeitung dem Ganzen das Krönchen auf und bestückte das irreführende Schnittwerk mit manch weiteren „falschen Fuffzigern“, sodass schlussendlich ein konfuses Endprodukt in die bundesrepublikanischen Lichtspieltheater und Videotheken einzog, welches in der Masse von ähnlich  konstruierten, mit reichlich Kalauern und ebensoviel nackter Haut durchzogenen, Vehikeln um flotte (mit einem beschränkten Horizont ausstaffierte, aber in der Horizontalen außerordentlich erfolgreich agierende) Teens unterging. Mit der folgenden Besprechung will ich dem Directors Cut, der einst aus dem italienischen Filmverleih gezogen und durch eine entschärfte Version ersetzt wurde, sein verdientes Empfehlungsschreiben ausstellen, sodass ich den Fokus auf die Version lege, welche Di Leo ursprünglich kreierte.

 

„Ihr gehört wohl zur befreiten jungen Generation?“

 

Lautet die Frage des Gurus Nazariota, der von der deutschen Tonbearbeitung, die übrigens nicht auf beschämenden Klamauk gebürstet ist, auf den Namen Krishna san Hare getauft wurde. Eine Frage, die prinzipiell einen guten Einstieg liefert, da wir nach und nach (und damit legen wir die deutsche Version flink beiseite und kümmern uns, wie versprochen, um den Directors Cut) erfahren, wie es wirklich um jene junge Genreration, die einst innert des Sektenlebens als von Hass und Missgunst befreite Blumenkinder Drogen und Sex mit stets chargierenden Liebespartnern in vollen Zügen konsumierten, bestellt ist. Die Magie, welche seinerzeit durch Flower Power, Friedenbewegung und fernöstliche Religionen erzeugt wurde, ist längst verflogen und der Appell „Give Peace a Chance“ einem „Give Piece a Chance“ gewichen. Die Situation suggeriert einerseits das, was Rotten dem UK prophezeite und mit „No Fjutschär“ apostrophierte. Andererseits ist sie ein stillheimlicher Blender, der den Zuschauer jene im letzten Filmdrittel praktizierte Polizeigewalt (Sektenmitgliedern werden während eines Verhörs grundlos erniedrigt und geschlagen) als eine unerwartete Aktion erfassen lässt, die ein merkliches Unbehagen in der Magengegend heraufbeschwört. In den späten 1960ern gab es übrigens tatsächlich zahlreiche ähnliche Aktionen gegen die Blumenkinder, da die anständigen Bürger die Schnauze von Flower Power gewaltig voll hatten und ihre Städte säubern wollten. Folglich machten die Behörden derben Druck. Buchhandlungen und Galerien wurden geschlossen, Bücher und Filme konfisziert, Künstler und stinknormale Hippies mithilfe scheinheiliger Anklagen (Verdorbenheit, Drogenmissbrauch) vor Gericht gezerrt. Freilich half die Presse fleißig bei der Hexenjagd mit, machte sich die Manson-Morde zunutze und stilisierte jede/n zum Psychopathen, der Zeigefinger und Mittelfinger zum Peace-Zeichen erhob oder eine Stones-Scheibe in der Plattensammlung hatte. Penny Rimbaud bezeichnet diese Phase als die größte kulturelle Repression seit Hitlerdeutschland sowie dem späteren McCarthyismus.

 

Doch nun zurück zum Film. An jener zuvor umrissenen Lokalität der Resignation treffen Lia und Tina, zwei lebensbejahende junge Frauen, die man als moderne Abbilder der klassischen Sexbomben und flapper suggerieren kann, ein und erkennen postwendend, dass ihnen der Zufluchtsort (von der deutschen Synchronisation als Tempel der Gelassenheit suggeriert) nicht das liefern wird, was sie sich von ihm erhoffen. Da sie allerdings dringend auf eine Bleibe angewiesen sind, lassen sich die Mädels nicht abschrecken und versuchen den Laden aufzumischen. Primär ist es Tina (die Carati stiehlt der Guida übrigens fortwährend die Show), die ihre Reize sowie ihr offenes Bekenntnis zum Sex einsetzt, um Schaulust zu provozieren, also die Blicke auf sich zu ziehen und zu einem Objekt der Begierde zu avancieren, was ihr in Anbetracht der abgestumpften Sektenbelegschaft wider Erwarten nicht gelingt. Di Leo arbeitet also nach einer Methode, welche das Gegenteil (die sexuelle Abstinenz) von dem wiederspiegelt, was der Zuschauer von den maskulinen Sektenmitgliedern eigentlich erwartet, nämlich die sexuelle Gier.

 

„Avere vent'anni“, so der auf ein Zitat von Paul-Yves Nizan beruhende Originaltitel, lässt sich in die Kategorien Unbeschwertheit, Resignation, Dominanz und Vernichtung unterteilen. Ingredienzien die immerzu von der bereits erwähnten sexuellen Provokation begleitet werden. Obwohl Unbeschwertheit und Eros glänzend miteinander harmonieren, übt das Gespann keinen Einfluss auf die mit der Depression einhergehende Resignation innert des Sektenlebens aus und kann die Tagträumer, wie bereits erwähnt, nicht aus ihrer Passivität herauslocken. Außerhalb dieser Splittergruppe besitzt der Eros der Hauptprotagonistinnen jedoch eine derart große Dominanz, dass die Mädels ihre Macht in nahezu spielerischer Weise erfolgreich für sich einsetzen. Aufgrund der  Leichtigkeit mit der Lia und Tina Situationen meistern und damit ihr Selbstbewusstsein manifestieren, missachten sie, dass die Welt nicht nur aus Naivlingen und Träumern besteht.

 

Di Leo spielt halt ein äußerst geschicktes Spiel, welches er mit wachsender Laufzeit verschärft und einhergehend dem Zuschauer so manches X für ein U vormacht, um ihn in letzter Konsequenz mit einem extrem derben Tritt in dessen Genitalien zu attackieren, auf das die Weichteile durch den inneren Fleischwolf gezwängt aus Mund, Ohren und Nasenlöchern in Form von Erbrochenem herausfluten. Di Leo nutzt die Manipulierbarkeit des Zuschauers, macht ihn gefügig und zwingt ihn zum Blick auf das Haupt der Medusa, denn er überrumpelt uns auf eine derart fiese Weise, dass uns die Ansicht der Bildkompositionen versteinert. Wir sind handlungsunfähig und besitzen keine Möglichkeit die visuellen Geschehnisse auf Athenes blanken Schild zu lenken, um (wie unzählige Male zuvor) in die Rolle des Perseus zu schlüpfen und die Urheber des Abjekten zu enthaupten.

 

Mehr mag und darf ich nicht verraten (eigentlich habe ich eh schon viel zu viel rumgeträllert), da ich einzig den Mund des Lesers wässern und nicht zur Zwangsernährung missbrauchen will. Wer also den Film bisher nur über das zweifelhafte Vergnügen eines deutschen VHS-Rendezvous kennen gelernt hat, der wird mithilfe des Directors Cut seine blaues Wunder erleben und das Gegenspiel zum geheimnisvollen Lächeln der Mona Lisa erfahren. Denn das abgrundtief Böse, das der Film schlussendlich verbreitet, qualifiziert ihn, um als etwas Besonderes sowie gleichzeitig extrem Erschütterndes zu gelten, was die Fähigkeit besitzt, sich tief ins Bewusstsein des Zuschauers einzubrennen, auf dass er diesen Film vermutlich niemals vergessen wird.

Veröffentlichungen

Wie ich bereits eingangs erwähnte, wurde „Avere vent'anni“ übel mitgespielt. Die ursprüngliche Version, die bereits durch die italienischen Lichtspieltheater zirkulierte, wurde eingezogen und musste auf Anweisung des Produzenten gekürzt sowie ummontiert werden, was den Film seine Bösartigkeit sowie viele Minuten seiner Laufzeit kostete. Trotz dieser radikalen Maßnahme ließ sich allerdings der finanzielle Misserfolg nicht verhindern. So besagt es des Melodrams erster Teil, denn einige Jährchen später folgte die Fortsetzung, da die Mike Hunter GmbH den Film nochmals um ca. 10 Minuten erleichterte und anschließend die bundesrepublikanischen Videotheken mit einem durch und durch sinnentstellten Endprodukt und den Konsumenten mit zahlreichen Fragezeichen belieferte. Wer den Film nun in seiner ursprünglichen Version sichten mag, dem empfehle ich die italienische DVD (Nocturno), welche den Directors Cut sowie die entschärfte italienische Kinoversion (beide in guter Bildqualität und inklusive der italienischen wie englischen Tonspur) beinhaltet.

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