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Die Rache der Kannibalen

Italien, 1981

Originaltitel

Cannibal ferox

Alternativtitel

Caníbal feroz (ESP)

Terreur cannibale (FRA)

Make Them Die Slowly (USA)

Woman from Deep River

Im Dschungel der Menschenfresser

Die Rückkehr der Kannibalen

Deutsche Erstaufführung

31. Juli 1981

Regisseur

Umberto Lenzi

Drehbuch

Umberto Lenzi

Inhalt

Die Anthropologin Gloria reist in den Dschungel, um für ihre Doktorarbeit daheim in New York zu beweisen, dass es keinen Kannibalismus gibt. Niemals gegeben hat. Dass Kannibalismus eine Erfindung der italienischen Filmindustrie ist, und basta! Begleitet wird sie dabei von ihrem Bruder Rudy und einer Freundin, Pat. Schnell zeigt sich, dass der Dschungel gewaltig unterschätzt wurde, nämlich als der Jeep im Schlamm steckenbleibt, man gezwungen ist zu Fuß weiterzugehen, und dann auch sehr schnell auf die übel zugerichteten Leichen einiger Eingeborenen stößt. Dort trifft man auch Mike und Joe, die sich auf der Flucht vor ein paar blutrünstigen Indianern befinden, die ihnen übel mitgespielt haben. Die Gruppe versteckt sich in einem Hüttendorf, um Joes Verletzungen ein wenig ruhen zu lassen. Irgendwann erzählt Joe allerdings, dass nicht die Indianer Mike und Joe Böses angetan haben, sondern dass es genau andersherum war. Dass Mike Angehörige der Indios grausam gefoltert und getötet hat. Und dass die Indianer jetzt zurückkommen und gleiches mit gleichem vergelten werden. Oder mit noch schlimmerem …

Autor

Maulwurf

Review

Was kann man zu seinem Film sagen, der selber damit wirbt, dass er angeblich in 31 Ländern der Welt verboten ist? Wo NACKT UND ZERFLEISCHT mit einer Sozialkritik daherkommt die sich gewaschen hat, und damit fast alle Vorwürfe über die gezeigten Grausamkeiten hinwegfegt, da suhlt sich CANNIBAL FEROX im eigenen Saft. Die Zurschaustellung der Gewalt und der blutigen Details hat keinen anderen Grund mehr, als der Befriedigung blut- und effektgeiler Zuschauer zu dienen, was dann allgemein mit dem Wort selbstzweckhaft kennzeichnet wird - Den Film wird verboten, und die Welt ist wieder in Ordnung.

 

Doch ist das wirklich so?

 

Auf der einen Seite ist es bekannt, dass das italienische Kino ab den späten 70er-Jahren ernsthafte Probleme hatte, und sich ab den frühen 80ern dann qualitativ und strukturell im Sinkflug befand. Das Rezept, um Menschen in die Kinos zu locken, war, wie so oft, ein Mehr an Sex und Gewalt, und die kurze Welle der Kannibalenfilme zwischen etwa 1977 und 1981 war letzten Endes nichts anderes als ein Versuch, durch die massive Erhöhung expliziter Schauwerte Geld in die Kassen einer siechen Industrie zu spülen. Das Publikum möchte bis heute gerne sterbende Gladiatoren sehen, damals im Kolosseum, heute auf der Leinwand. Früher mal als Western, später dann eben im Kannibalenfilm. Unter dem Druck von Zeit und Budget (CANNIBAL FEROX hatte ein Budget von nur 100.000 Dollar) wurden allerdings Dinge wie eine sorgfältige Produktion oder ein ausgearbeitetes Drehbuch vernachlässigt, wichtiger waren die Menge an eingesetztem Kunstblut, herausquellendem Gedärm und an dargestellter nackter Haut.

 

Vor allem von den ersten beiden Punkten bietet CANNIBAL FEROX reichlich, und die Schlagzahl an explizit gezeigten Grausamkeiten ist tatsächlich extrem hoch. Vielleicht nicht so hoch wie in den Horrorfilmen dieser Zeit, dafür aber, durch das im hier und heute spielende Setting, realistisch, und damit umso überzeugender in seiner Darstellung. Es ist halt ein emotionaler Unterschied, ob eine Kunstfigur Zombie einen Darsteller zerfleischt, oder eine real existierende Figur Amazonas-Indio: Zwei Männer werden kastriert, eine Frau wird mit Fleischerhaken an ihren Brüsten zum Sterben aufgehängt, einem Mann wird die Kopfplatte mit einer Machete abgeschlagen und das Hirn wird gegessen. Auch wenn die Filmtricks mitunter leicht durchschaubar sind, so sind die Resultate definitiv eines: Schockierend und grausam.

 

Was in CANNIBAL FEROX allerdings noch grausamer erscheint ist die hohe Menge an Tiersnuff. Wo Ruggero Deodato die Darsteller völlig unnötig genüsslich und in Großaufnahme eine Schildkröte ausweiden ließ, langt Umberto Lenzi (un)ziemlich in die Vollen: Der Tier-Bodycount beinhaltet eine Schildkröte, den Kampf eines Nasenbärs gegen eine Anakonda, ein Schwein, und bestimmt noch einiges was ich gerade verdrängt habe. Entschuldigt wird dies prinzipiell mit der Aussage, dass die Natur halt so ist, was spätestens beim Todeskampf des angebunden Nasenbärs ad absurdum geführt wird, da das Kerlchen extra für diese Szene an den Pfahl gefesselt wurde. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Deodato der Tiersnuff bis heute vorgeworfen wird, Lenzi aber anscheinend wenig Probleme hatte mit solcherart Kritik. Offiziell als Tierquäler zu gelten war 1981 noch lange kein solches Schandmal wie 2020. Oder ob das vielleicht an der Relevanz des jeweiligen Films liegen mag? Giovanni Lombardo Radice hat sich auf jeden Fall geweigert das Schweinchen zu töten, und für das Abschlachten musste tatsächlich ein Double benutzt werden. Lenzi hat wohl anscheinend versucht, Radice mit den Worten „De Niro würde das tun“, zu überzeugen, woraufhin Radice antwortete „De Niro würde Deinen Arsch bis zurück nach Rom treten.“ Nichtsdestotrotz ein Umstand, der sehr gegen CANNIBAL FEROX spricht. Oder gegen Umberto Lenzi, je nachdem wie man das sehen mag. Mir persönlich hat es beim Ansehen jedenfalls ein paar mal ziemlich gereicht. Aber auch hier gilt wohl, dass die Gladiatoren zu sterben haben, um das Publikum zu befriedigen. Selbst, wenn es nur kleine Schweinchen sind, deren einziges Verbrechen war, am Bein von Lorraine De Selle zu schnuffeln …

 

Aber hat CANNIBAL FEROX denn wirklich gar nichts qualitativ Ansprechendes zu bieten? Ist denn hier wirklich alles nur Blut und Innerei und … Schweinerei?

 

Nun ja, das ist nicht so einfach zu sagen. Sicher ist, dass Handlung und Dramaturgie(?)des Films auf einen Bierdeckel passen. Die eingeschobenen Sequenzen in New York, welche eine Drogengeschichte als Hintergrund zu Mike aufbauen, und am Schluss dafür sorgen dass die Kavallerie überhaupt noch am Ort des Gemetzels auftaucht, dienen in erster Linie sicherlich der Streckung der Laufzeit auf 93 Minuten. Aber wenn man den Tiersnuff und die New York-Szenen wegnimmt, dann bleibt halt auch nicht mehr viel übrig. Wenig Budget, wenig Inhalt, wenig Sorgfalt – Lenzi hat sich hier nicht gerade ein Denkmal gesetzt. Ganz im Gegenteil, nachdem im Vorjahr NACKT UND ZERFLEISCHT formal und finanziell der große Erfolg war, und Lenzis eigene Filme MONDO CANNIBALE (1972) und LEBENDIG GEFRESSEN (1980) ebenfalls ziemliche Erfolge waren, was lag da näher, als sich an den aktuellen Trend anzuhängen und Deodatos Meisterwerk mal eben zu kopieren? Wir nehmen ein paar junge Leute die im Dschungel Studien treiben wollen, wir nehmen Eingeborene die sich für ein erlittenes Unrecht rächen wollen, wir packen Tiersnuff hinein und würzen das ganze mit ein klein wenig nackter Frau, dazu ein extrem heftiger Schuss Gore (der Fulci hat ja damit auch gerade so einen Erfolg) – und fertig ist der Metzelsalat. Und ganz ehrlich, mehr hat der Film auch nicht. Fast.

 

Fast bedeutet, dass da dann doch noch ein paar Dinge sind, die den Film über das Niveau einer durchschnittlichen Zombies-rennen-durch-den-Park- Amateur-Produktion heben. Da ist einmal natürlich Giovanni Lombardo Radice, der hier, wie immer möchte man sagen, eine erstklassige Performance als mieses Schwein abliefert. Erscheint er zu Beginn, beim ersten Auftauchen im Dschungel, noch als akzeptabler Underdog mit Hang zum Drogenkonsum, leistet er sich spätestens im letzten Dorf der Eingeborenen ein paar ganz heftige Dinge, für die ihm der ein oder andere Zuschauer seinen Filmtod sicher zu recht wünscht. Radice ist auf jeden Fall derjenige, der in diesem Film alle Register zieht und jede Szene, in der er zu sehen ist, eindeutig beherrscht. Ob das nun daran lag, dass er mit Lenzi permanenten Streit hatte, oder weil er einfach ein extrem guter Schauspieler war, das möchte ich jetzt mal dahinstellen. Aber es dürfte wohl beides zutreffen …

 

Dann ist da noch ein Moment, der mein kleines Maulwurfsherz auf das Liebevollste erwärmt hat. Nach der Kastration von Mike gibt es einen ziemlich heftigen Schnitt, wir befinden uns wieder in New York, und dürfen längere Zeit einer Kapelle der Heilsarmee zuhören, während außenrum Plakate mit „Save our souls“-Sprüchen zu lesen sind. Ob das beabsichtigt war weiß ich nicht, aber diese Zusammenstellung ist gleichzeitig gänsehauterzeugend und zutiefst boshaft-sarkastisch, und ich möchte sie in meinen Filmerinnerungen nicht mehr missen.

 

Und zu guter Letzt hat CANNIBAL FEROX, allen Plattheiten und Idiotien zum Trotz, tatsächlich ein gerüttelt Maß an Stimmung zu bieten. Während des Films merkt man das durch den hohen Goregehalt gar nicht so sehr, aber wenn Lorraine De Selle am Ende in die Kamera schaut, und das ganze Grauen, all die entsetzlichen Erlebnisse, wieder und wieder an ihr vorbeiziehen, dann merkt der Zuschauer, dass hier neben blutigen Schauwerten und erstklassigen Effekten doch noch etwas ganz Bestimmtes geboten wurde, nämlich Atmosphäre. Nicht so extrem wie in NACKT UND ZERFLEISCHT, aber der lässt sich sowieso nicht übertreffen. Aber wir waren auf einem wahrhaft höllischen Trip in den Amazonasdschungel, und Lenzi hat sich durchaus Mühe gegeben, ein wirklich intensiver und teuflischer Reiseleiter zu sein. Und auch wenn CANNIBAL FEROX im Grunde genommen ein rechter Schmarrn ist, so überzeugt er doch mit Stimmung, Setting und Giovanni Lombardo Radice. Anschließend war dann erstmal Schluss mit Kannibalismus im Kino, und diese letzte Aussage des Herrn Lenzi, dass alles nur eitel Blut und Gedärm ist, die passt als Schlussstrich unter ein Genre, dass im Wesentlichen aus nichts anderem bestand, ja auch wieder ganz gut.

Autor

Maulwurf

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