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Cut and Run

Italien, 1985

  • Originaltitel: Inferno in diretta
  • Alternativtitel:

    Amazonia: La jungle blanche (FRA)

    Infierno en el Amazonas (ESP)

    Amazon: Savage Adventure

    Straight to Hell

  • Regisseur: Ruggero Deodato
  • Kamera: Alberto Spagnoli
  • Musik: Claudio Simonetti
  • Drehbuch: Cesare Frugoni, Dardano Sacchetti, Luciano Vincenzoni
  • Inhalt:

    Nachdem sie ein Massaker an Drogendealern aufgedeckt haben, wollen die Journalistin Fran und ihr unerschrockener Kameramann Marc in den Dschungel, den Hintermann der Dealer interviewen, der eigentlich schon vor Jahren offiziell gestorben sein soll. Und weil sich Hintermänner von Drogengeschäften ja auch so gerne interviewen lassen, zapfen die beiden einfach die richtigen zwei Quellen an, und schwuppdiwupp sitzt man im gecharterten Heroinbomber mit Kurs Kolumbien. Bei der Ankunft landet man auch gleich mittenmang in einem blutigen und brutalen Kampf Syndikat gegen Ureinwohner, aber angenehmerweise scheint am nächsten Tag die Sonne, der vermisste Sohnemann des auftraggebenden TV-Produzenten wird bei der Gelegenheit lebendig aufgefunden, und die Reise in Richtung Chef der Unterwelt geht weiter, allen Schlangen und Skeletten zum Trotz …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Warum schaut man sich eigentlich einen Film an? Ich meine, da gibt es ja nun mehrere Gründe. Ich zum Beispiel nutze Filme gerne als Zeitreisen in Welten, die ich niemals persönlich kennenlernen werde, wie etwa das Europa der 50er- und 60er-Jahre. Ein guter Grund ist auch, dass man sich in gefährliche Abenteuer oder Szenerien begeben kann, ohne dass man Angst haben muss um Leib, Leben und Gesundheit. Vielleicht möchte man schöne Frauen ansehen (oder, je nach Geschlecht beziehungsweise Neigung, gutaussehende Kerle), tolle Naturaufnahmen genießen, oder sich inspirieren lassen zu Gedanken über den Zustand der Welt im Allgemeinen und der Menschheit im Besonderen. Und der sicherlich beste Grund von allen ist, sich für 90 Minuten zu entspannen und unterhalten zu lassen, Spaß zu haben und den Alltag vergessen zu können.

     

    Schicken wir also mal CUT AND RUN durch den Maulwurf-Test: Zeitreise? Na ja, Frisuren und Musik sind eindeutig in den 80ern zu verorten, lassen wir also mal gelten. Gefährliche Abenteuer? Check. Schöne Frauen? Drei Darstellerinnen, davon zwei sehr gut aussehende, also: Check. Gutaussehende Kerle? Ääh, nicht so richtig … Tolle Naturaufnahmen? Check. Philosophische Gedanken? Die kommen von selber, wird also zugelassen. Unterhaltung? Großer Check!!

     

    Klingt doch eigentlich alles erstmal gar nicht so schlecht. Klar, wer ein zweites CANNIBAL HOLOCAUST erhofft, der hat entschieden die falsche Erwartungshaltung. Und Tiefgang, oder auch nur so etwas wie eine sinnvolle Story, sind ein Luxus, den sich das italienische Genrekino Mitte der 80er nicht mehr leisten konnte (oder wollte). Aber zu fetzigen Synth-Drums im Dschungel auf die Pauke hauen, alle möglichen Männlein und Weiblein abschlachten,  nackte Frauen die genussvoll an rohem Menschenfleisch rumkauen, und als Garnierung dazu ein wenig Tiersnuff, das geht bei Deodato doch immer. Sollte man zumindest meinen …

     

    Aber ganz so einfach ist das dann leider doch nicht. Claudio Simonetti haut zwar tatsächlich auf die Synth-Drums, was aber teilweise nur als Untermalung dessen dient, dass im Mittelteil eigentlich nicht viel passiert. Man latscht ein wenig durch den Dschungel, unterhält sich, lässt sich von Michael Berryman kurz erschrecken, schaut zu wie John Steiner mehr aus seinem Typ macht, und latscht weiter. Spannung definiere ich anders. Dieses Von-Station-zu-Station-Gelaufe erinnert mich dann doch eher an Computerspiele. Gab es damals bereits Super-Mario …?

    OK, begutachten wir stattdessen das (blutige und filmgerechte) Abschlachten von Menschen. Zu Beginn hat Deodato schon einige gute Momente, wenn eine Drogenküche überfallen wird und ein wilder Kampf Maschinengewehr gegen Blasrohr beginnt. Aber es scheint immer, als ob der Produzent rechtzeitig die Klappe geschlagen hat, bevor es gar zu unansehnlich wurde. Die Vergewaltigung der Indianerin hätte 5 Jahre vorher sicher noch ganz anders ausgesehen, und auch das Massaker an den Drogenkurieren in Miami findet irgendwie gar nicht statt. Wir sehen das Ergebnis, nicht aber die Ausführung, was ich bei dem Regisseur, dem Sujet und der Entstehungszeit nun überhaupt nicht erwartet hätte. Hat Deodato etwa den Kuschelbären in sich entdeckt?

    Wenn man dann allerdings erfährt, dass von CUT AND RUN zwei Versionen gedreht wurden, eine grausamere für den italienischen Markt (Originalton Ruggero Deodato), und eine gemäßigte für die amerikanischen Zuschauer, und wenn man dann weiter im Trailer die ganzen blutigen Actionszenen hintereinander geschnitten sieht, dann stellt man fest, dass der Film doch einiges mehr zu bieten hat als man beim ersten Blick denkt.

     

    Und da kommt man auch zur Crux, geht man doch bei den Termini Deodato und Dschungelfilm automatisch davon aus, dass es sich mindestens um die Steigerung von NACKT UND ZERFLEISCHT handeln muss. Dem ist nicht so, und Deodato sagt auch selber, dass er keinen zweiten CANNIBAL HOLOCAUST drehen wollte. Könnte er auch gar nicht, denn der Film steht sowieso allein auf weiter Flur. Und wenn man dann genauer hinschaut, stellt man auch schnell fest, dass bereits das Etikett “Kannibalenfilm“ hier völlig fehl am Platze ist.

     

    Die Zeit für blutrünstig-archaische Menschenfresserfilme war Mitte der 80er einfach vorbei, entsprechend ist CUT AND RUN in erster Linie als Abenteuerfilm für die Großen zu sehen. Weswegen die oben angeführten Zutaten wie Tiersnuff oder „Nackte die an Menschenfleisch rumzuzeln“ ersatzlos fehlen. Stattdessen haben wir den Amerikaner Michael Berryman, der aus Wes Cravens Horror-Klassiker HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN bestens bekannt ist, und bereits durch diesen Background und seine Erscheinung für einen gehobenen Adrenalinspiegel sorgt. Dann gibt es noch ziemlich fiese weiße Drogengangster in bester Mexikaner-in-Italowestern-Filmbösewichter-Manier, einen etwas weinerlich wirkenden Jugendlichen im Micky Maus-Shirt, und den nachhaltig beeindruckenden Tod von John Steiner. Und das alles eingebettet in die ein oder andere pittoreske Naturaufnahme, und auch mal mehr und mal weniger hübsche Bilder von Tieren sind des Öfteren zu sehen. Leonard Mann? Lisa Blount? Beide solide und ordentlich agierend, aber nicht wirklich auffällig. Da macht Richard Lynch in seinen wenigen Szenen schon mehr her – Der Mann wirkt einfach immer wie 10 Tage nach seinem eigenen Ableben, und damit kann er seine kleine Rolle verdammt gut ausfüllen.

     

    Mit ein paar Tagen Abstand merke ich mittlerweile, dass das alles auch tatsächlich ganz gut funktioniert, und zwar mit deutlich mehr Genre-Niveau als bei Dschungelschlurchern à la DIE LIEBESHEXEN VOM RIO CANNIBALE. Erst beim Anschauen des Trailers und beim Erstellen der Screenshots ist mir aufgefallen, dass hier viel mehr blutige Action geboten wird, als ich beim ersten Anschauen gemeint hatte, und dass die damit einhergehende Unterhaltung größer ist als gedacht. Die Eingeborenen etwa machen bei ihren Überfällen keine Gefangenen, und gehen, wenn ich das mal so sagen darf, überhaupt recht skrupellos vor. Ganz zur Freude des Zuschauers. Sowieso ist die ganze Atmosphäre kalt und humorlos, genauso wie beim großen Vorbild (bzw. Vergleichsfilm), und in diesem Zusammenhang kommen Dinge wie der Tod von John Steiner oder die Hinrichtung der Dealer in Miami halt schon gnadenlos und beeindruckend rüber. Und gerade diese Hinrichtung, von der ich weiter oben als Kritikpunkt erwähnte dass sie gar nicht zu sehen ist, findet ausschließlich im Kopf des Zuschauers statt und hinterlässt damit verdammt viel Eindruck. Wahrscheinlich mehr, als wenn die Kamera beim 08/15-Blutbad einfach nur draufgehalten, und der Schnitt Hektik und Schrecken verbreitet hätte.

     

    Als Zuschauer darf man halt einfach nicht dem Fehler verfallen, bei Ruggero Deodato schickt Reporter in den Dschungel um vermisste Personen zu suchen“ eine bestimmte Erwartungshaltung aufzubauen. Stattdessen sollte man sich über einen durchaus gelungenen Abenteuerfilm freuen, der weder Hirn noch Lachmuskeln überstrapaziert, und für entspannte und abwechslungsreiche knapp 90 Minuten sorgt. Herz, was willst Du mehr?

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    In Deutschland wurde der Film auf DVD mehrfach veröffentlicht, gesehen und als Grundlage für die Screenshots hergenommen wurde die Ausgabe von cmv-Laservision. Bild und Ton (deutsch, englisch, italienisch, letztere leider ohne UTs) sind in Ordnung und als Extras wurden beigepackt der US-Trailer, eine Bildergalerie, die Szenen der entschärften Version, sowie die Dokumentation UNCUT AND RUN, in der mehrere Beteiligte des Films zu Wort kommen. So zeigt zum Beispiel der Drehbuchautor Dardano Sacchetti, dass er ein ziemlicher Stinkstiefel sein kann. Ruggero Deodato gibt Kommentare über die Schauspielkunst amerikanischer Akteure in Europa ab, Richard Lynch relativiert das wieder, und die ganze Doku ist einfach hochgradig unterhaltsam und informativ.

  • Autor: Maulwurf
  • Filmplakate

    Links

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