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A.C.A.B. - All Cops are Bastards

Frankreich | Italien, 2012

Originaltitel:

A.C.A.B. - All Cops are Bastards

Alternativtitel:

Todos los policías son unos bastardos (ESP)

A.C.A.B.

Regisseur:

Stefano Sollima

Musik:

Mokadelic

Inhalt

Mit seiner Dienstaufnahme bei der Bereitschaftspolizei wird Adriano Costatini mit einem Regelwerk konfrontiert, das er mit seiner Überzeugung nicht in Einklang bringen kann. Seine neuen Kollegen sind indes hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und ignorieren einhergehend jene ethischen Werte, die man von einem Bereitschaftspolizisten erwartet. Doch die harten Kerle verlieren in ihren Privatleben allesamt zusehends den Überblick und die familiären Streitigkeiten steigern sich zusehends ins Unermessliche, sodass sich der Hass über das eigene Versagen auf der Straße entlädt. Der ewige Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt wird spürbar rasanter und in den Straßen Roms solidarisieren sich schon bald AS- wie Lazio Ultras, um den Tod eines Fans zu rächen, denn für sie steht unumstößlich fest: All Cops are Bastards! Aber sind sie es wirklich?

Review

A.C.A.B. - All Cops are Bastards! Was gegenwärtig die Popularität einer gewöhnlichen Grußformel besitzt, fungierte Ende der 1970er bis in die 1980er hinein als ein Chiffre, welches vornehmlich im angelsächsischen Fußballrowdytum sowie unter den Punkausläufern seine Weiterverbreitung fand. Anfang der 1980er wurde in Großbritannien eine Street-Punk-Szene aktiviert, deren Protagonisten von einigen „Experten“ fälschlicherweise in die rechte Ecke gedrängt wurden: Die Oi-Bewegung. Die insbesondere von SHAM 69 inspirierten Bands wie beispielsweise COCKNEY REJECTS, COCKSPARRER, INFA RIOT, RED ALERT und ANGELIC UPSTARTS waren apolitisch (!) und agierten mit ihren Anhängern als ein kollektives Pendant zu den Punks, die 1976 und 1977 an und im Dunstkreis der Kings Road abhingen. Um es deutlicher zu sagen: Die frühen Punkbands kassierten gute Gelder und traten im TV auf, was die Punk-Rebellion tagtäglich tiefer in den Kommerz trieb, ganz zu schweigen von den horrenden Preisen die Vivienne Westwood und Malcom McLaren in ihrem Shop auf der Kings Road für ihre fesche Punk-Mode verlangten. Zudem stammten Frühpunks wie die Leute vom Bromley Contingent (Siouxsie Sioux, Steven Severin etc.) aus gutbürgerlichen und behüteten Verhältnissen und wirkten wie die Figuren aus einem amerikanischen Film-Musical von Bob Fosse. Für viele Kids entsprach das Umrissene absolut nicht ihrem Verständnis von einer Straßen-Bewegung. Die Seitenstraße war also frei für den Kollegen Oi, der für sie fortan als der wahre Punk fungieren - allerdings auch manch Unwillkommenes in sich aufsaugen - sollte. Schließlich führte der erwähnte rechte Ruf, welcher der Bewegung anhaftete, dazu, dass es zu rezidivierenden Ausschreitungen kam. Der bekannteste, einen Flächenbrand auslösende Zwischenfall ereignete sich in einem asiatischen Viertel zu Southall, wo ein Konzert von THE BUSINESS, 4-SKINS und THE LAST RESORT (Bands, die ja mal überhaupt nichts mit einer rechten Attitüde am Hut hatten) gestürmt wurde. Dieser sowie zahlreiche weitere Vorfälle zogen in letzter Konsequent tatsächlich etliche Nazi-Skins an, welche sich in der Szene ausbreiteten und ihr bis heute ein negatives Image bestätigen. Und eben dort wo ursprünglich Punks, Skins, Boot Boys und Working Class unpolitisch Hand in Hand gingen, dort wo die Fußballhymne (man höre „G.L.C.“ von MENACE, „I'm forever blowing bubbles“ von COCKNEY REJECTS) in die Punkmusik getragen wurde, dort wo sich vor den Arbeitsämtern endlose Schlangen bildeten, dort wo die Anhänger der zahlreichen Londoner Fußballclubs kollidierten, dort wo Aufstände und begleitende Schlägereien an der Tagesordnung waren, dort wo der Staat zu drastischen Mitteln respektive zum Polizeiknüppel griff, dort verbreitete sich die ca. 1978 aus der Wiege gehobene Parole, A.C.A.B., mit der Rasanz des inflationär zitierten Lauffeuers.

 

Der Slogan, „A.C.A.B. - All Cops are Bastards“, diente Stefano Sollimas Anfang 2012 im italienischen Kino debütierenden Polizeifilm als prägnante, mittlerweile global verständliche Firmierung. Was sich dahinter verschanzt, ist ein beeindruckender Film, der die Ursache von Gewaltausbrüchen anhand der Schicksale von vier (die Figur Carletto klammere ich bewusst aus) Bereitschaftspolizisten veranschaulicht. Währenddessen wird uns (erfolgreich) Adriano Costatini, der wegen besserer Verdienstmöglichkeiten zur Bereitschaftspolizei wechselte und dort in einen Gewissenskonflikt gerät, als Reflektorfigur offeriert. Sein erster Kontakt ist Cobra, der Adriano ab und an auch Schnuller nennt, und mehrere Strafverfahren wegen Körperverletzung am Halse hat. Cobra scheint den Hass, den man gegen ihn in seiner Eigenschaft als Bereitschaftspolizist hegt, zu benötigen, wie die Luft zum Atmen. Er ist ein sarkastischer Zeitgenosse, der die Verteidigung von bürgerlichen Rechten sowie der Menschenrechte längst vergessen hat und nur noch zum Schein als ordnungsliebender Freund und Helfer in Erscheinung tritt. Die Gewalt ist sein Lebenselixier, ein hochprozentiger Most, der ihm den Kick sowie den Sinn seiner Existenz liefert. Cobra ist ein Anarchist, da er die Gesetze sowie die Anweisungen seiner Vorgesetzen nicht akzeptiert, allerdings mit deutlich rassistischen wie faschistoiden Zügen. Der Polizeidienst reflektiert zugleich sein Privatleben und die Spezialeinheit seine Familie. Seine Kollegen, stets „Brüder“ genannt, Negro und Mazinga, hadern hingegen mit ihrem außerberuflichen Umfeld. Negro hat sich von seiner Frau, die Kubanerin Miriam, getrennt und darf nur selten seine Tochter, die sich während der gelegentlichen Treffen mit ihrem Vater langweilt, sehen. Mazinga, dessen Frau ebenfalls im Polizeidienst steht, hat arge Probleme mit seinem Sohn, der zusehends im rechtsextremen Sumpf versinkt, was schon bald Dienst und Privatleben kollidieren lässt. In den drei Personen wütet ein unbändiger Hass, der ihre Enttäuschungen vehement aus dem inneren Fokus drängen will. Sie sind geschundene und daher schindende Männer, die sich kaum von dem Straßenpöbel, den sie im wahrsten Sinne des Wortes bekämpfen, unterscheiden. Sie sind mit der Krankheit Gewalt infiziert und es gibt keine Medizin und keinen Exorzismus, der sie aus ihren Körpern vertreiben könnte. Um dies innständig zu vermitteln gestattet der Regisseur seinen Zuschauern einen derart intensiven Blick in seine Hauptcharaktere, dass er (der Zuschauer) eine duale Besessenheit enkodieren kann. Die Besessenheit der Antagonisten sowie die Besessenheit Sollimas erwähnte Besessenheit besonders eindruckvoll zu vermitteln, was ihm allumfassend gelingt.

 

Sollimas intensive Inszenierung wirkt fortwährend wirklichkeitsnah und scheint gar auf damalige, die Medien wie die Bevölkerung bewegende, Ereignisse anzuspielen. Man denke an den 21. März 2004, wo das Römische Fußballderby zum Schauplatz einer der schändlichsten Episoden der italienischen Fußballgeschichte wurde. Während der zweiten Spielhälfte betraten drei einflussreiche Ultras das Spielfeld, um mit Roma-Kapitän, Francesco Totti, zu reden. Der Grund: Ein Junge sei vor dem Stadion von der Polizei getötet worden. Sollte man das Derby nicht unverzüglich abbrechen, so prophezeiten die drei Ultras, werden die Spieler getötet. Das Spiel wurde demzufolge vorzeitig beendet. Die Geschichte von dem getöteten Jungen entsprach allerdings nicht den Tatsachen. Im Nachhinein wurde behauptet, dass die Ultras die Sache einerseits erfanden, um die Polizei attackieren zu können, andererseits um ihre politischen Muskeln spielen zu lassen, also ihre Macht (die sie, die Ultra-Gruppierungen, in Rom, siehe die „Irriducibili“, zweifelsohne besitzen) zu demonstrieren. Schlussendlich wurden während der Ausschreitungen vor dem Stadion 150 Polizisten verletzt. Sollima propagiert in seinem Film ebenfalls den Tod eines Fans, welcher tatsächlich der Polizei geschuldet ist und eine Solidarisierung der AS- und Lazio-Ultras sowie der römischen Nazi-Skins bewirkt, um unter dem Vorwand der Rache gemeinsam gegen die Polizei anzutreten. Der ewige, bereits eingangs erwähnte, Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt bleibt somit immerzu in Schwung.

 

Solche, an der Realität orientierte Momente, die „A.C.A.B.“ gleich mehrfach liefert, lassen das Gesamtkonstrukt flink als eine semidocumentary (ein Subgenre, dessen Ursprung in den 1940ern wurzelt und sich als Pendant zum Studiofilm vorstellt) verstehen. Wer es nicht wissen sollte, semidocumentaries wurden on location, also an Originalschauplätzen fotografiert, und brachten zudem Namen ins Spiel, die bei den realen Ereignissen eine Rolle spielten. Sie (die semidocumentaries) wurden unter anderem auch mit Laiendarstellern (in „A.C.A.B.“ als aufgebrachte Bürger, Skinheads, Hooligans wie Asylbewerber aktiv) besetzt, was dem Ganzen eine zusätzliche Realitätsnähe verlieh respektive verleiht.

 

Fazit: „All Cops are Bastards“ sucht und findet die Ursprünge der Gewalt und lässt den Zuschauer an den Schicksalen seiner Pro- und Antagonisten nahezu authentisch teilhaben. Währenddessen verzichtet der Regisseur und Drehbuchautor, Stefano Sollima, auf ein Heldentum, und skizziert seine Hauptfiguren als Antihelden, die keinerlei Anteil an der von ihnen offiziell verteidigten, anständigen Lebensweise besitzen. Eine Lösung wird nicht geliefert. Ergo sind Sollimas Antihelden auf ewig dazu verdammt, Teil eines florierenden Gewaltkreislaufs zu bleiben und nur der Tod kann sie, die „Bastards“, von dieser Bestimmung erlösen. Resümierend sei gesagt, dass Stefano Sollima mit „All Cops are Bastards“ bewiesen hat, dass ihm die Fußstapfen seines hoch erfolgreichen Vaters nicht zu groß geraten sind, denn Stefano hat ein großartiges wie intelligentes, zwischen Tragödie, Melodram, Psychoanalyse und Polizeifilm gelagertes Werk abgeliefert, das seinen Vater mit Stolz erfüllen würde. Wer diesen großartigen Film nicht kennen sollte, der hat wirklich was verpasst!

Links

OFDb
IMDb

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