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Rosso - Die Farbe des Todes

Italien, 1975

Originaltitel:

Profondo rosso

Alternativtitel:

Profondo rosso - Mord i rødt (DNK)

Rojo oscuro (ESP)

Les frissons de l'angoisse (FRA)

Deep Red (GBR)

Sasuperia Part 2 (JPN)

Bloedlink (NLD)

O Mistério da Casa Assombrada (PRT)

The Hatchet Murders (USA)

Regisseur:

Dario Argento

Inhalt

Während einer Veranstaltung des European Congress on Parapsychology macht das anwesende Medium, Helga Ullmann, eine beunruhigende, ja, beängstigende Kraft innert der anwesenden Zuschauer aus. Wie der abrupte Stich eines Messers, dessen kalter Stahl die Haut durchdringt, um anschließend in den Innereien seines Opfers zu aalen und simultan den Lebenssaft abzuzapfen, wirkt der von Helga Ullmann empfangene Impuls. Und da sich der erfahrene Schock in null Komma nichts über das anwesende Publikum ausgebreitete, ist eine Fortsetzung des Happenings ausgeschlossen, sodass die bestürzten Zuschauer jählings das Auditorium verlassen.

 

Nach einem flüchtigen Gedankenaustausch mit Professor Giordani will Helga die soeben gemachten Erfahrungen in ihrer Wohnung niederschreiben. Dort angekommen, reicht es jedoch nur noch zu einem kurzen Telefonat, denn der bisher nur als unsichtbare Kraft wahrgenommene Todesbote hat (un)menschliche Gestalt angenommen und tötet Helga Ullmann auf bestialische Weise. Das Verbrechen bleibt allerdings nicht unbeobachtet. Der englische Musiklehrer und passionierte Pianist Mark Daly konnte die letzten Züge der Tat von der Straße aus beaugapfeln. Von Stund an lässt Mark die beobachtete Schreckenstat nicht mehr los. Nebstdem ist er sich sicher, während seiner unmittelbaren Tatortinspizierung ein wichtiges Detail ausgemacht zu haben, das er momentan einfach nicht abrufen kann. Da die Polizei schwerfällig durchs Dunkel tappt, startet Mark private Ermittlungen und macht sich gemeinsam mit der Journalistin Gianna Brezzi auf die Suche nach Indizien. Auf die Suche nach dem Mörder.

Review

Es mutet vergleichsweise diffizil, zwecks einer Besprechung in einen Film hineinzuschnuppern, über den kraft diverser Filmwissenschaftler vermutlich bereits alles gesagt wie geschrieben wurde. In diesem Zusammenhang mag ich es als Vorteil ansehen, dass ich keine Druck-Erzeugnisse besitze, die sich mit Dario Argentos Œuvre befassen und umsichtige Filmanalysen inkludieren, sodass ich erst gar nicht der Verlockung erliegen kann, diese zu stibitzen und in den folgenden Text einfließen zu lassen.

 

Zwischen meinen (zwei) letztmaligen PROFONDO ROSSO-Sichtungen liegen schätzungsweise 10 Jahre. Die gestrige Filminspektion hat mir gleichwohl eine erwartungsgemäß großmütige Adrenalindividende spendiert, die mir attestierte, dass ich kein Körnchen von meiner seit zig Jahren bestehenden Euphorie für Argentos fünften Kinofilm einbüßen musste.

 

Die Firmierung PROFONDO ROSSO, zu Deutsch tiefrot, lässt auf eine einschlägige Colour-Dominance wie einhergehende Polyvalenz schließen, was sich freilich auch bewahrheitet. Die Filmfarbe Rot warnt den Rezipienten vor drohendem Unheil. Sie symbolisiert Blut wie Tod und animiert die subjektiven Alarmsirenen im vorhandenen Klang-Repertoire nach den schrillsten Tönen zu forsten und diese hernach ausdrucks- wie lautstark anzuschlagen. PROFONDO ROSSO bereitet jenem umrissenen System und somit auch seinem Rufnamen alle Ehre.

 

So wurden die Filmauftaktbilder, die eine Veranstaltung des European Congress on Parapsychology wiedergeben, x-fach in ein flammendes Rot (noch flammender als Sibilles Haartracht und Peterles Jäckchen in KINDERARZT DR. FRÖHLICH) getaucht. Der Schauplatz, das Auditorium, besitzt rote Wandverkleidungen, rot bezogene Sitzplätze wie rote Vorhänge, sodass man das augenfälligste aller Lichtspielfarbsignale als einen lautstarken visuellen Kassandraruf in Empfang nimmt, der dito deutlich ausfällt wie die auf den Schauspielauftakt (das symbolische Heben des Vorhangs) hinweisende Kamerafahrt entlang der Zuschauerränge und die flankierende visuelle Allianz von Zuschauern, Protagonisten und Bühne.

 

Nach meinem Dafürhalten bedarf es keiner außerordentlichen Rezeptionsfähigkeit, PROFONDO ROSSO mittels seines eindringlichen Spiels mit der Farbe Rot als ein mustergültiges Bindeglied zwischen Argentos Tier-Trilogie, dessen Beiträge weniger auf Farbenintensität als vielmehr auf harte Kontraste und Schattenspiele setzen (sofern ich das immo richtig in Erinnerung behalten habe) und den antinaturalistischen Farbgewittern SUSPIRIA und HORROR INFERNAL sowie den sich anschließenden sehr hellen, die Farbe Rot auf weißen Grund intensivierenden Meta-Giallo TENEBRAE zu erfassen. Jeder dieser Filme begleitet mich seit nunmehr drei Jahrzehnten. Subjektive Sichtweisen können sich zwar ändern, aber die Vorliebe für die goldene Argento-Zeit zwischen 1970 und 1982 wird mir auch für das laufende sowie die kommenden zwei Jahrzehnte - sofern ich sie überhaupt vollenden werde - erhalten bleiben.

 

Irgendwo hier ist der Tod!

(Helga Ullmann)

 

PROFONDO ROSSO legt auditiv mit einem brillanten (von der Prog-Rock-Band Goblin komponierten wie interpretiertem) Leitmotiv los, welches jene Macht zueigen hat, die Herzen seiner Zuhörer prompt zu erobern. Die Tondichtung hat bei mir eingeschlagen wie die viel zitierte Bombe und ich wurde dereinst, als Internet für jedermann noch Zukunftsmusik war, von einem phantastischen Freudentaumel erfasst, als ich die Soundtrack CD im Midnight Movie-Shop zu Mülheim an der Ruhr in den Händen hielt und alsdann im Tausch gegen 2995 Pfennige zu meinem Eigentum erklärte. Dort erwarb ich auch für einst stolze 49,99 DM das niederländische VHS-Tape von Movies Select Video, welches ja fälschlicherweise mit dem Zauberwort aller Gorebauern: Uncut beworben wurde.

 

Back to topic. Im Anschluss an die Veranstaltung des European Congress on Parapsychology ereignet sich ein Mord, dessen Motiv wir sukzessive ergründen sollen und hoffentlich auch wollen. Welche mörderischen Hände gehören diesmal zu den schwarzen Handschuhen, die uns innert der Vielzahl von italienischen Giallo-Thrillern kontinuierlich begegn(et)en, und ihren dunklen Beweggründen. Der Kommissar wird uns diese Antwort nicht liefern, was vermeintlich nicht allein seiner limitierten Kombinationsfähigkeit wie seiner Energielosigkeit geschuldet ist. Ihm sowie seinen Untergebenen, die sich als extrem schlechte Pistolenschützen vorstellen, wird einfach kein Raum zur Entfaltung bereitgestellt. Die Ermittlungen obliegen demzufolge dem Mordzeugen Mark Daly. Ein Musiklehrer wie Jazzpianist, der ähnlich wie der Fotograf Thomas in BLOW-UP mit seinem Bildergedächtnis ringt, um ein Geheimnis aufzuhellen. In beiden Filmen verkörpert David Hemmings die (Haupt)rolle eines Künstlers (Musiker, Fotograf) und in beiden Filmen definiert sich die angestrebte Aufhellung über Bilder. Hier ein gemaltes Bild, dort Fotografien. Überdies bringt Argento den Spiegel, der flüchtig das Antlitz des Täters wiedergibt, in das Geschehen ein. Eine inmitten zahlreicher Gemälde unauffällig an der Korridorwand installierte, reflektierende Glasfläche, die dem aufmerksamen Zuschauer ein wichtiges Indiz offeriert. Ein Indiz, das Mark Daly zwar in seinem Bildgedächtnis abgespeicherte, vorerst jedoch nicht abrufen kann, aber dazu später mehr.

 

Wir Künstler sind sehr sensibel. Wir entwickeln ein Gespür für eine Situation. Abgesehen davon habe ich das Gefühl, dass ich etwas übersehen habe, etwas ausgesprochen Wichtiges an das ich mich nicht erinnern kann.

(Mark Daly)

 

Während seiner Recherchen wird der Musikgelehrte von der Journalisten Gianna Brezzi (Daria Nicolodi) unterstützt. Ein Charakter, der mit den good bad girls, den erfolgssicheren, flinkzüngigen wie aufgeweckten Protagonistinnen der US-amerikanischen Lichtspiele aus den Kriegs- wie frühen Nachkriegsjahren, konform geht. Taffe Mädels, die die Rollen des untertänigen Eheweibs und Hausmütterchen mieden wie der Teufel das Weihwasser.

 

Gianna Brezzi besitzt, wie die meisten good bad girls, einen festen Job. Sie agiert wie Bette Davis in DIE BRAUT DES MONATS als Reporterin. Ergo werkt und wirkt sie in einer Berufsgruppe, in der - schenkt man dem Volksmund Glauben - vornehmlich rücksichtslose Männer agieren. Sie raucht (Rauchen wurde in den 1940ern als elegant, fein, apart - als ladylike verkauft. Um die Karrierefrauen anzusprechen bewarben selbstverständlich die bösen Filmmädels wie Jean Harlow, Barbara Stanwyck, Bette Davis, Joan Crawford die Glimmstängel aus den Häusern Chesterfield, Lucky Strike und L&M in den einschlägigen Tratsch- und Klatschillustrierten) und lässt sich in ihrer emanzipatorischen Selbstsicher- wie Siegessicherheit auf ein Armbrücken mit Mark Daly ein. Dieser unterliegt und zweifelt postwendend wie ungerechtfertigt die Fairness seiner Kontrahentin an. Überhaupt verkündet David Hemmings Darstellung des introvertierten Mark Daly das krasse Gegenteil von der des extrovertierten Thomas (BLOW-UP). Einem zwischen Besessenheit, Genialität, Sarkasmus und Coolness chargierenden Berufsfotografen, der seine Modelle verspottet und in devote Positionen manövriert, so wie man es von einem professionellen Fotografen und passionierten Provokateur quasi erwartet. Was die beiden Charaktere (Thomas, Mark) eint: Sie haben ein festes Ziel vor Augen. Die mittlerweile mehrfach verkündete Absicht zur Aufhellung eines Geheimnisses, welche sich in beiden Filmen über ein Bild (hier die Zeichnung, dort die Fotografie) definiert.

 

Während dieser Recherchen glänzen Kamera wie Montage mit zahlreichen visuellen Schmankerln. So werden die von unseren Augen begehrten Weiden mittels, den Blick des Mörders wiedergebenden Kamerafahrten, breit gefächerten Kameraperspektiven (Frosch, Vogel etc.), rasanten Zooms sowie Parallelmontagen allumfassend saturiert. Jetzt aber, wie zuvor verkündet, zurück zum Spiegel.

 

Um dessen Stellenwert im Kontext von PROFONDO ROSSO besser zu begreifen und insbesondere dessen Tragweite zu erfassen, bietet sich ein Sprung in das Jahr 1946 an, und zwar zu Robert Siodmaks DER SCHWARZE SPIEGEL. Dort lautet während eines Rorschachtest Ruth Collins einsilbige wie besorgniserregende Antwort auf das Wort Spiegel: Tod. Man kann diese Konnotation bedenkenlos absegnen und in Argentos tiefroten Giallo-Thriller transferieren. Schließlich zeigt der dortige Spiegel das Antlitz des Mörders sowie (natürlich je nach Kameraperspektive) die Reflektionen, der im Umfeld der Reflektionsfläche installierten (vermutlich den Tod thematisierenden) Gemälde. Es entspricht meinen bisherigen Erfahrungen, dass dieser Spiegel in einem Anfall von (Selbst)hass zerstört werden muss. Das sind halt Momente, die sich aufdrängen und die ich demgemäß auch erwarte, da sie den üblichen, immer wiederkehrenden Allegorien wie Mechanismen verpflichtet sind. Schauen Sie sich doch mal Harry Angel (ANGEL HEART) an, der mittels eines Spiegels in sein finsteres Herz blickt und sein Alter Ego erkennt. Einhergehend das begreift, was praktisch unbegreifbar ist und demzufolge auf sein Spiegelbild einschlägt, es in tausend Stücke zerspringen lässt und anschließend per Fahrstuhl die sinnbildhafte Reise zur Hölle antritt. Die gleiche Konsequenz mit der ANGEL HEART sein Finale begeht, ist auch PROFONDO ROSSO beschieden, denn beide Filme enden so: wie sie halt enden müssen.

 

Jeder der mit solcher Raserei tötet, befindet sich im Zustand des temporären Wahnsinns, bedeutet dass derjenige im normalen Leben vollkommen unauffällig ist. Wenn jedoch eine spezifische Situation eintritt, wie sie hier durch das Abspielen des Liedes hergestellt wird, öffnet sich das Ventil für den Wahnsinn.

(Professor Giordani)

 

 

Fazit: PROFONDO ROSSO stellt sich als ein technisch einwandfreier Giallo-Thriller vor, der dem Zuschauer zahlreiche exzellente Bildkompositionen, superbe Kamerafahrten wie auch sadistische, allerdings ästhetisch komponierte Morde lanciert. Trotzdem möchte ich jenen Rezipienten, die von jeher unter cineastischen Vitamin- und Kalziummangel leiden und einen Argento-Film gemeinhin wie die „Gelben Seiten“ lesen, von der Sichtung abraten, da diese Miesepeter dank ihres Logikeifers eine weitere rasante Bauchlandung erleben werden.

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