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Das größte Rindvieh weit und breit

Italien, 1975

Originaltitel:

Fantozzi

Alternativtitel:

White Collar Blues

Desventuras de un funcionario (ESP)

Deutsche Erstaufführung:

21. Mai 1976

Regisseur:

Luciano Salce

Inhalt

Ugo Fantozzi (Paolo Villaggio) ist ein kleiner Angestellter, pünktlich und gehorsam, mit einer hässlichen Frau und einer noch hässlicheren Tochter. Heimlich begehrt er seine Kollegin Signorina Silvani (Anna Mazzamauro), die seine Avancen jedoch meist zurückweist. Doch unermüdlich durchleidet Fantozzi alle Hürden und schmerzhaften Demütigungen des Alltags, bis er auf den Kommunisten Folagra trifft. Nun will er sich wehren, doch ein anschließender Besuch im Büro des Megadirektors seiner Firma verteilt die Rollen unmissverständlich.

Review

FANTOZZI – den beknackten deutschen Titel ignoriere ich hier mal – ist eine Satire aus dem Jahr 1975 und gehört zu den „100 film italiani da salvare“. Außerdem ist er auf Platz 49 der in Italien erfolgreichsten Filme überhaupt, mit 7 755 046 Zuschauern und zog in den nächsten drei Dekaden neun Fortsetzungen nach sich. Zu Anfang sei auch schon mal erwähnt, dass Fantozzi eine außergewöhnliche Komödie ist, die ihresgleichen sucht. Ich stelle das schon mal voran, da es im folgenden Text sicher nicht lustig zugehen wird, obwohl FANTOZZI ein Muss für jeden Filmfan überhaupt ist.

 

Hauptdarsteller Paolo Villaggio hatte bereits ein paar kleinere Filmrollen gespielt, war aber noch relativ unbekannt als er mit dem ersten Fantozzi-Buch, das wie eine Collage aus dem Leben seines Hauptprotagonisten ist, ein Bestseller gelang. Schon damals hatte man Pläne für eine Verfilmung, zunächst wurde Salvatore Samperi als möglicher Regisseur gehandelt. Das Projekt fand nicht satt, erst der Erfolg des zweiten Buches „Il secondo tragico Fantozzi“ bildete den erneuten Startschuss für eine Verfilmung. Die Dreharbeiten begannen im Juli 1974. Zunächst wurden im Vorfeld bekanntere Namen für die Rolle des Hauptprotagonisten gehandelt, etwa Ugo Tognazzi oder Renato Pozzetto. In späteren Jahren gab Paolo Villaggio zu, dass dies nur dazu diente, Aufmerksamkeit für den Film zu erregen. Er und Regisseur Luciano Salce hatten von Anfang an vor, die Hauptrolle mit seinem Schöpfer zu besetzen und auch darüber hinaus keine allzu bekannten Gesichter zu verwenden. Die Abweichungen von der literarischen Vorlage sind zahlreich und teils beabsichtigt, manche dagegen budgetbedingt, etwa Änderungen bei Handlungsorten. So lebt die Figur Fantozzi in der literarischen Vorlage in Villaggios Heimatstadt Genua, in der Verfilmung in Rom.

 

Was macht FANTOZZI also so einzigartig? Seine Komik, die mal zum Lachen, mal zum Weinen ist, manchmal gar zu Sprachlosigkeit führt. FANTOZZI ist wie der Albtraum eines kleinen Angestellten, in dem die Demütigungen des Alltags einfach nicht abreißen wollen. Dass das Ganze etwas inkonsequent durchgezogen wurde, möchte ich fast der Regie von Luciano Salce zuschreiben, der schon immer sehenswerte Filme gemacht hat, die sich keiner klaren Genrelinie unterwerfen, sondern nur dem Willen seines Machers. Die Inkonsequenz entsteht aus einer Mischung, die sich dem Grundkonzept immer wieder entzieht. Politische- und Alltagssatire, Tragik, Drama, Klamauk, Sentimentalität und Schmerz geben sich die Klinke in die Hand. Einzigartig.

 

Um ein paar Beispiele für die krassesten Momente von FANTOZZI zu liefern, bemüht man am Besten gleich die deutsche Fassung – in der viele dieser herberen Momente gar nicht vorhanden sind. Noch zu sehen ist die Eröffnungsszene, die die Figur des Fantozzi gleich treffend beschreibt. Fantozzis Frau Pina (Liù Bosisio) ruft in seiner Firma an, um sich nach ihm zu erkundigen, denn sie hat ihn seit etwa 18 Tagen nicht mehr gesehen. Die Auflösung: vor 20 Tagen wurden in der Firma neue Toiletten in Betrieb genommen und die alten zugemauert – einschließlich Fantozzi, der wohl noch auf dem Topf saß. Niemand hat ihn vermisst.

 

Eine Szene, in der Polizisten Fantozzi und seinen Kollegen auspeitschen, ist in der deutschen Fassung nicht vorhanden. Ebenso fehlt einer der schmerzvollsten Momente des Films. An Weihnachten werden die Kinder der Angestellten bei den Vorständen vorstellig, um Geschenke zu erhalten. Als Fantozzis Tochter Mariangela (gespielt von dem damals 27-jährigen und nur 1,47 m großen Plinio Fernando) den Raum betritt, fangen alle ob ihrer Hässlichkeit an zu lachen. Man bezeichnet sie als Affenkind, hängt sie an einen Garderobenständer, füttert sie mit Bananen und wirft ihr Nüsse zu. Als dann Fantozzi den Raum betritt, um seine Tochter zu holen, herrscht eisiges Schweigen – auch beim Filmzuschauer.

 

Ebenfalls aus der deutschen Fassung entfernt wurde eine sehr amüsante Szene, in der Fantozzi nach einem gewonnen Billardmatch gegen einen Vorgesetzten (welches er eigentlich für eine Beförderung verlieren wollte) dessen geliebte Mutter entführt. Heftig geschnitten ist eine Szene in einem japanischen Restaurant, in das Fantozzi seinen Schwarm Signorina Silvani eingeladen hat, nur um dort deren Hund serviert zu bekommen. Weiterhin fehlt nahezu komplett das Ende des Films, in dem Fantozzi von seiner Kreuzigung in der Firmenkantine phantasiert und anschließend auf den legendenumwobenen Megadirektor seiner Firma trifft. Also – Hände weg von der deutschen Fassung, dann entgeht man zudem der unerträglichen, weil unpassenden, Schnoddersynchro.

 

Streiten könnte man über die Daseinsberechtigung einer erweiterten Szene, welche die Restauration des Films aus dem Jahre 2004 schmückt. Nicht, dass ich die Szene missen möchte. In einer Art Diät-Gefängnis will Fantozzi Gewicht verlieren, bis er nahezu wahnsinnig vor Hunger flieht. Villaggio hat die Szene damals jedoch entfernen lassen und für den dritten Fantozzi-Film zusammen mit Nero Parenti dann neu inszeniert. In einer späteren HD-Restauration für das italienische Fernsehen wurde die Szene wieder entfernt.

 

 

Fazit: FANTOZZI muss man gesehen haben – im Original mit Untertiteln.

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